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  B - Das Sparen und das allgemeine Gleichgewicht der Marktwirtschaft
  Die allgemeine Gleichung des Sparens und das Produktivitätswachstum
       
 
Es ist ganz falsch ... wenn man, wie viele Ökonomen es tun, behauptet, daß die kapitalistische Unternehmung und der technische Fortschritt zwei verschiedene Faktoren ... gewesen seien. Sie waren ihrem Wesen nach ein und dasselbe, oder, wie wir es auch ausdrücken können, die erste war die treibende Kraft des zweiten. ... Flugzeuge, Kühlmaschinen, Fernsehen - all dies ist unmittelbar als Ergebnis der Profitwirtschaft zu erkennen ... Und die - zwar noch nicht völlig gewonnenen, doch näherrückenden - Siege über Krebs, Syphilis und Tuberkulose werden ebenso sehr kapitalistische Großtaten sein wie es Autos, Erdölleitungen und Bessemer Stahl waren.
 
  Joseph Schumpeter,  bekannter amerikanisch-österreichischer Ökonom    

Produktivitätswachstum bedeutet nichts anderes, als Produktionsfaktoren einzusparen. Zu den Produktionsfaktoren gehören letztendlich nur die menschliche Arbeit und die natürlichen Ressourcen, aus denen sich der dritte Produktionsfaktor, das Kapital, zusammensetzt. Lässt man die Natur weg, dann ist das Kapital nur tote, oder „geronnene“ (Marx) Arbeit. Schließlich gibt es nur zwei grundlegende Möglichkeiten des Produktivitätswachstums: entweder Arbeit in Form lebender (Löhne) oder toter Arbeit (Kapital) zu sparen.

Das Sparen der lebenden Arbeit haben wir bereits untersucht, als wir zeigen wollten, dass die Marxsche Akkumulationstheorie falsch ist.dorthin Die angebliche „wachsende organische Zusammensetzung des Kapitals“, die Marx in zahlreichen Reproduktionsschemata in Das Kapital zelebrierte, war nur eine tollpatschige Mathematisierung der von ihm bevorzugten ideologischen und metaphysischen Fantasien. Die Produktivität hat mit dem Verhältnis des Kapitals („der geronnenen Arbeit“) zur lebenden Arbeit gar nichts gemein. Weil bei Marx an dieser falschen Akkumulations- bzw. Produktionstheorie alles andere hängt, ist sein Vorhaben, die „ökonomischen Bewegungsgesetze der modernen Gesellschaft zu enthüllen“ ein kompletter Fehlschlag.

Marx war sich nicht nur bewusst, sondern er hat es sogar ausdrücklich zugegeben, dass das Sparen der toten oder „geronnenen“ Arbeit nicht in sein Akkumulationsschemata passt. Das erklärt, warum er bei der „wachsenden organischen Zusammensetzung“ nicht von einem Gesetz, sondern nur von einer Tendenz spricht. In dieser Hinsicht war er sein eigener ehrlicher Kritiker (Band 3, Kapitel 14), so dass wir uns mit dem Sparen der toten Arbeit nicht näher zu befassen brauchten. Der andere Grund war - den wir auch nicht verschwiegen haben -, dass es methodisch viel komplizierter ist, das Sparen der toten Arbeit zu untersuchen als das der lebenden Arbeit. Folglich haben wir uns dieser Problematik erst später angenommen, als wir die Produktivitätssteigerung dieser Art als Beispiel für die Erklärung der technischen Koeffizienten gewählt haben.dorthin Der aufmerksame Leser konnte sich aber auch dort des Eindrucks nicht erwehren, dass dieses Beispiel irgendwie nicht so vollständig war, wie die frühere Untersuchung des Sparens der lebenden Arbeit. Dieser Eindruck war in der Tat richtig. Unserem Beispiel, in dem wir das Sparen der toten Arbeit untersuchten, fehlte etwas, und das lag an den methodischen Gründen.

Die statische und dynamische Methode und die sogenannte komparative Statik

Sowohl bei der Analyse der lebenden als auch der toten Arbeit, sind wir von einem stationären Zustand ausgegangen. Bei der Analyse der lebenden Arbeit haben wir dann den unmittelbar darauf folgenden Schritt, also die nächste Reproduktionsperiode (t+1) genau nachgestellt und erklärt, dann die übernächste (t+2), überübernächste (t+3) ... Reproduktionsperiode, bis wir zu einem neuen stationären Zustand gelangt sind. Diese Analyse hatte also folgende Form:

Stationärer Zustand (Statik)     Übergang (Dynamik)         Stationärer Zustand (Statik)
Reproduktionsperiode   t    > t+1,   t+2,   t+3,   t+4,   t+5,   t+6,   ... >  

Als wir das Sparen der toten Arbeit untersucht haben, sind wir sofort zum neuen stationären Zustand gelangt. Wir haben also den ganzen Übergang einfach „umgangen“. So eine methodische Vorgehensweise bezeichnet man als komparative Statik. Die Methode wurde schon vor langer Zeit von den Ökonomen benutzt. Nennen wir nur einige Beispiele, um den Unterschied zwischen der ökonomischen Statik und der Dynamik hervorzuheben.

Der erste große Erfolg der komparativen Statik war die Theorie der komparativen Vorteile von David Ricardo. In seinem berühmten Beispiel rechnete Ricardo zuerst aus, wie viel Arbeitsstunden England und Portugal insgesamt brauchen würden, wenn sie den Wein und die Textilien selber produzieren würden, danach, wenn sich Portugal auf den Wein und England auf die Textilien spezialisieren würden, und schließlich vergleicht er diese Arbeitsstunden. Aber über den Weg von der Selbstversorgung (dem Ausgangzustand) zur Spezialisierung (zum neuen Gleichgewicht) hat sich Ricardo keinen Gedanken gemacht. Marx ist bei seinen Reproduktionsschemata methodisch gleich vorgegangen, allerdings sind ihm einige kardinale mathematische Fehler unterlaufen. Das Modell des allgemeinen Gleichgewichts von Walras ist auch nichts anderes als nur eine komparative Statik, die durch ihre Radikalität und Stumpfsinnigkeit kaum zu übertreffen ist. Am Anfang (Ausgangstand) besitzen die Wirtschaftsakteure Güter, die sie selbst nicht verbrauchen wollen oder können. Diese Güter werden in ein kompliziertes Gleichungssystem eingebunden, aus dem dann eine mathematische Lösung des endgültigen Zustands - wie aus dem Hut eines Magiers - herbeigezaubert wird. In diesem neuen Zustand haben sich nun alle Marktteilnehmer ihrer „falschen“ Güter entledigt und sich mit „richtigen“ versorgt, was man als Paretosches Optimum bezeichnet. Von Anfang an hat man über dieses Verfahren nur den Kopf geschüttelt, weil bei ihm völlig unklar ist, was überhaupt „zwischen“ dem ursprünglichen und dem endgültigen Zustand passiert. Die Mathematik schweigt darüber wie ein Grab. Warum sollten wir dann überhaupt glauben, dass uns diese Methode wirklich etwas mitteilt, was mit der Realität zu tun hat? Da hat sich Walras die größte Mühe gegeben und sich eine der Börse ähnliche Erzählung (tâtonnement) ausgedacht, was aber keinen richtig überzeugte, und das war’s. Sein mathematisches Abenteuer wäre für immer ein totgeborenes Kind geblieben, wenn nicht bald deutlich geworden wäre, dass in der mathematischen Welt von Walras die Lohnempfänger für alle Probleme der Marktwirtschaft verantwortlich gemacht werden können. Die neue Klasse der Kapitalbesitzer war immer mehr von dem Modell begeistert und hat es nach Kräften gefordert und gefördert. Der Frühliberalismus wurde schließlich aus den Angeln gehoben und ein neuer kapitalfreundlicher Liberalismus, der Neoliberalismus begann seinen Siegeszug.

Man sollte aber nicht anhand dieser Beispiele schließen, dass eine komparativ-statische Denkweise schon an sich falsch ist. Das ist sie nicht. Sie ist nur eine Methode wie alle anderen, die ihre Vorteile und Anwendungsbereiche hat, aber auch ihre Schwächen und Grenzen. An unserer Untersuchung des Produktivitätswachstums durch das Sparen der toten Arbeit lässt sich beides gut erkennen. Zuerst schauen wir uns die dort gewonnenen Ergebnisse an. In dem nächsten Bild ist links der Ausgangszustand, rechts der neue stationäre Zustand, nachdem im Sektor 2 eine neue Produktionsmethode eingeführt wurde, welche die tote Arbeit (Kapital) einspart.

   

Bei der komparativen Statik muss man sich zuerst vergewissern, was man vergleicht, und ob es überhaupt einen Sinn hat, dies zu vergleichen. Deshalb schauen wir uns die obigen Flussdiagramme genauer an. In beiden Flussdiagrammen produziert der Sektor 3 mit derselben Produktionstechnik die gleiche Menge an Konsumgütern. Auch im Sektor 1 hat sich die Produktionstechnik nicht verändert, nur die von ihr produzierte Gütermenge. Alleine im Sektor 3 hat sich die Produktionsmethode geändert: die neue spart 1/3 der Kapitalkosten (Produktionsgüter). Aus dem Vergleich lässt sich genau ausrechnen, wie viel Kapital und Arbeit die Wirtschaft dank der besseren Technologie im Sektor 2 einsparen kann, ohne dass sie an dem erwirtschaften Wohlstand etwas ändert. Wenn wir wählen könnten, würden wir jetzt ganz genau wissen, wie wir uns entscheiden sollten. Es hatte also einen klaren Sinn, diese zwei stationären Zustände zu vergleichen.

Man muss aber vorsichtig sein. Wenn man durch komparative Statik herausfindet, welcher Zustand für eine Wirtschaft besser wäre, ist damit noch nicht gesagt, dass die Wirtschat zu diesem neuen Zustand überhaupt gelangen kann. Anders gesagt, die Ergebnisse der komparativen Statik, wenn sie an verschiedene Stadien einer Wirtschaft angewandt wird, müssen weiter geprüft werden. Sie müssen noch dynamisch geprüft werden, sonst kann man sich auf sie überhaupt nicht verlassen. An unserem Beispiel lässt sich dies verdeutlichen.

Betrachtet man unsere zwei Flussdiagramme, fällt schnell auf, dass diese zwei Zustände nicht zugleich zwei aufeinander folgende Stadien ein- und derselben Wirtschaft sein können. Sie sind keine Nachbarn auf der Zeitachse, um es mathematisch auszudrücken. Die Sektoren 1 und 2 stellen im Flussdiagram links Kapitalgüter im Wert von 3500 bzw. 2500 her, in dem Flussdiagramm rechts braucht man nur die Mengen 2800 bzw. 2000. Es wäre also nicht falsch zu sagen, dass wir hier eigentlich zwei eigenständige Wirtschaften haben. Was nun?

Die kreislauftheoretische Analyse - im Gegensatz zu der partikel-mechanischen - kann nicht nur komparativ-statisch, sondern auch dynamisch die ökonomische Entwicklung erfassen. Wie schon angedeutet, haben wir dies bei der Untersuchung des Sparens der lebenden Arbeit bereits gezeigt. Wir haben dort eine dynamische Analyse mit distributiven Koeffizienten durchgeführt, die deshalb ohne weiteres möglich war, weil sich dort nur Preise (externe Inputs) geändert haben. Wenn aber produktionstechnische Änderungen stattfinden, wie dies auch beim Sparen der toten Arbeit (Kapitals) der Fall ist, braucht man auch technische Koeffizienten. Diese Koeffizienten würden jetzt unsere Untersuchung kompliziert machen, so dass wir auf sie doch lieber verzichten. Dies geht diesmal ber nur deshalb, weil unser Beispiel sehr einfach ist, so dass es möglich ist, die technischen Koeffizienten nicht explizit zu benutzen. Wir können sie sozusagen im Hintergrund halten und, ohne sie beim Namen zu nennen, verständlich machen, wie die Wirtschaft im einem stationären Zustand eine sparsamere Produktionsmethode einführt und Schritt für Schritt - ohne etwas zu überspringen - zu einen neuen stationären Zustand übergeht. Wir bleiben also auch weiterhin unserer bisherigen Überzeugung treu, dass die Mathematik in der Wissenschaft immer nur ein „nötiges Übel“ ist. Und so wie es bisher bei uns auch üblich war, werden wir mit diskreten Links denen einen Wink geben, die sich an mehr Mathematik versuchen wollen.

Das allgemeine Gleichgewicht beim Produktivitätswachstum (dynamische Analyse)

Es kann unsere Untersuchung noch zusätzlich vereinfachen und damit veranschaulichen, indem wir annehmen, dass der Sektor 2 Eisen, der Sektor 1 Maschinen und der Sektor 3 Konsumgüter produziert. Das würde bedeuten, dass der Sektor 1 Maschinen sowohl für den Sektor 2 als auch für den Sektor 3 produziert. Wenn dann der Sektor 2 durch eine neue Produktionsmethode 1/3 der Maschinen nicht mehr benötigt, deren Wert bei gültigen Preisen 500 ist, kann dieser „Überschuss“ an den Sektor 3 geliefert werden. Vorausgesetzt, der Sektor 3 will und kann diesen „Überschuss“ übernehmen. Das wollen wir jetzt genauer untersuchen.

Hätten wir eine zentrale Planwirtschaft, wären für sie diese produktionstechnischen Änderungen kein Problem. Die Techniker und Ingenieure könnten alle Aufgaben einwandfrei erledigen. Aber in einer dezentralisierten Wirtschaft, die auf Profit beruht, geht es nie nur um eine technische und technologische Realisierbarkeit. In einer solchen Wirtschaft muss sich jede Änderung für alle Beteiligten lohnen. Außerdem hat sich in unserem Fall auch die Struktur der Finanzierung geändert, der zufolge sich neue Schuldner- und Gläubiger Verhältnisse bilden werden. Wollen wir auch das gebührend berücksichtigen, wird unser Beispiel, auch wenn es so einfach ist, viel komplizierter. Schon mit drei Sektoren und quantitativ sehr trivialen Zusammenhängen (Addition und Subtraktion) zwischen ihnen ist also unser Kopf hoffnungslos überfordert. Er ist nicht imstande, die gesamte Situation auf einmal zu erfassen und daraus relevante Schlüsse zu ziehen. Wir wissen aber, wie wir uns behelfen können, nämlich mit einer Tabelle, die wir schon bei der Untersuchung der Preissteigerung benutzt haben.

Zuerst zeichnen wir nur einen Teil dieser - wie wir sie benannt haben - Tauschtabelle. Dann tragen wir darin die Werte ein, die wir dem linken Flussdiagramm entnehmen, mit einer kleinen Änderung, welche die angenommene Einführung der neuen Produktionsmethode im Sektor 2 mit sich bringt. Das heißt konkret: Die Lieferung an den Sektor 2 wird um 500 verringert ( = 1000) und die an den Sektor 2 um den gleichen Wert erhöht ( = 2500). Alles andere bleibt wie gehabt.

   
1 2 3
 
4 5
 
 
ANGEBOT 
  Sektor 1     Sektor 2     Sektor 3  
t +1
  Sektor 1     Sektor 2     Sektor 3  
NACHFRAGE  
  1
  2
  3
  Sektor 1     
  Sektor 2     
  Sektor 3     
    1000.00   2500.00  
2500.00          
?   ?   ?  
=
=
=
    2500.00          ?      
1000.00        ?
2500.00        ?
       Sektor 1    
       Sektor 2    
       Sektor 3    
  4
                     Ÿ :  
1000.00    1000.00   2000.00  
 

Heben wir zuerst ausdrücklich hervor, dass wir jetzt nicht vorhaben herauszufinden, was bei der Einführung der neuen Produktionsmethode im Sektor 2 alles schief laufen kann, sondern wir wollen, dass die Wirtschaft auch weiterhin im Gleichgewicht bleibt. Deshalb nehmen wir an, dass alle Sektoren, nachdem sie sich mit den Reproduktionsgütern versorgt haben, die Reste ihrer Einkünfte vollständig und unverzüglich für die Konsumgüter ausgeben. Damit wird die Hortung, in welcher Form auch immer, unmöglich gemacht. Für einen solchen Fall sind die zwei obigen Felder in der Spalte 6 eindeutig bestimmbar. Was diese zwei Sektoren nicht verbrauchen, also der Rest der gesamten Summe der angebotenen Konsumgüter (4000) muss folglich der Sektor 3 - der sie produziert hat -selbst verbrauchen. Damit haben wir auch den Wert des untersten Feldes in der Spalte 6 ermittelt. Es lässt sich leicht herausbekommen, dass die Spalte 6 das Angebot des Sektors 3 darstellt, was auch für die linke Hälfte der Zeile 3 gilt, so dass wir zugleich auch deren Werte herausgefunden haben. Die vollständige Tabelle sieht dann wie folgt aus:

   
1 2 3
 
4 5
 
 
ANGEBOT 
  Sektor 1     Sektor 2     Sektor 3  
t +1
  Sektor 1     Sektor 2     Sektor 3  
NACHFRAGE  
  1
  2
  3
  Sektor 1     
  Sektor 2     
  Sektor 3     
    1000.00   2500.00  
2500.00          
1000.00   1500.00   1500.00  
=
=
=
    2500.00     1000.00
1000.00         1500.00
2500.00         1500.00
       Sektor 1    
       Sektor 2    
       Sektor 3    
  4
                     Ÿ :  
1000.00   1000.00   2000.00  
 
  5
       S'  bzw. I'  :  
      0.00   -500.00    500.00  
   
0

Die Zeile 5 bildet sich als Differenz zwischen dem Nettoeinkommen der Sektoren (Zeile 4) und dem, was diese Sektoren für Konsumgüter ausgeben (Zeile 3). Sie stellt also die Werte der Ersparnisse (S′) und Investitionen (I′) der einzelnen Sektoren dar. In der Summe ist ihr Wert für diese Reproduktionsperiode gleich 0.

Es ist wichtig, nicht außer Acht zu lassen, dass in der betrachteten Reproduktionsperiode t+1 die gleichen Mengen von Gütern produziert wurden wie zuvor. Sie wurden aber anders als üblich distribuiert. Bildlich gesprochen: Am Ende der Reproduktionsperiode t+1 stand eine bestimmte Zahl der Lkws des Sektors 1, beladenen mit fertig gestellten Maschinen, nicht vor den Toren des Sektors 2, sondern des Sektors 3. Die Preise haben sich auch nicht geändert. Daraus ergibt sich, dass der Wert der Produktionsgüter, welche die Sektoren 1 und 2 herstellen (3500 bzw. 2500), unverändert geblieben ist. Die Differenz zwischen ihrem Gesamtwert in dieser (YKt+1) und der vorigen (YKt) Reproduktionsperiode ist folglich gleich Null.

    [ = - ]
0

Wenn wir zwischen diesen Werten noch Gleichheitszeichen einfügen, haben wir eine erweiterte Gleichung, die wir schon als allgemeine Gleichung des Sparens bezeichnet haben. Unsere Untersuchungen haben bereits bestätigt, dass sie bei allen Preisänderungen ihre Gültigkeit behält. Jetzt stellen wir fest, dass sie auch dann stimmt, wenn die Wirtschaft nicht mehr in einem stationären Zustand ist, in unserem Fall deshalb, um die Einführung einer Innovation in der Produktion vorzubereiten. Diese Innovation wird aber erst in der nächsten Reproduktionsperiode praktisch angewandt. Wir wollen wissen, ob die allgemeine Gleichung des Sparens auch dann gilt. Zuerst schauen wir uns an, was in den Betrieben während der Reproduktionsperiode t+2 geschehen wird:

       
t +2 Produktionsprozess
 
  Sektor 1: 
  Sektor 2:
  Sektor 3:
    K  Ÿ   Q Y    
    2500.00  +  1000       =  3500.00    
    1000.00  +  1000  +  500  =  2500.00    
    2500.00  +  2500       =  5000.00    
                       
Kapitalbeschaffung 
  für Reproduktionsperiode  t +3
            K1t+3     =   2500.00        
    K2t+3     =   1000.00        
    K3t+3       2500.00        
 

Beim Sektor 1 hat sich nichts geändert. Der Sektor 2 braucht diesmal 1/3 seiner Produktionsgüter nicht mehr, aber die Zahl der Beschäftigten ist gleich geblieben. Er produziert die gleiche Gütermenge wie zuvor, und verkauft sie für den gleichen Preis. Das heißt, alles was er an Kosten eingespart hat, steigert seinen reinen Gewinn (Nettoeinkommen). Beim Sektor 3 hat sich die Produktion um 25% vergrößert, und damit auch die Zahl der Beschäftigten. Dem entsprechend haben sich auch die Nettoeinkünfte des Sektors vergrößert (+500). Da dieser Sektor der einzige Hersteller der Konsumgüter ist, bedeutet dies zugleich, dass die Wirtschaft in der Reproduktionsperiode t+2 um 25% mehr Konsumgüter herstellt. Von diesen Erkenntnissen ausgehend, können wir uns wieder eine Tauschtabelle anfertigen nach der gleichen Vorgehensweise wir oben.

   
1 2 3
 
4 5
 
 
ANGEBOT 
  Sektor 1     Sektor 2     Sektor 3  
t +2
  Sektor 1     Sektor 2     Sektor 3  
NACHFRAGE  
  1
  2
  3
  Sektor 1     
  Sektor 2     
  Sektor 3     
    1000.00   2500.00  
2500.00          
1000.00   1500.00   1500.00  
=
=
=
    2500.00     1000.00
1000.00         1500.00
2500.00         2500.00
       Sektor 1    
       Sektor 2    
       Sektor 3    
  4
                     Ÿ :  
1000.00   1500.00   2500.00  
 
  5
       S'  bzw. I'  :  
0.00   0.00   0.00  

Aus der Tabelle ergibt sich, dass während der Reproduktionsperiode t+2 in keinem Sektor gespart werden musste. Es lässt sich leicht überprüfen, dass die Wirtschaft schon jetzt in einem neuen stationären Zustand ist. Würden sich die Preise weiterhin nicht ändern, kann sich das, was sich in dieser Reproduktionsperiode vollzogen hat, unendlich lange unverändert wiederholen.

Das nominale und das reale Sparen beim Produktivitätswachstum

Die untersuchte Wirtschaft konnte in den betrachteten Reproduktionsperioden t+1 und t+2 dann im Gleichgewicht bleiben, wenn das gesamte Sparen gleich 0 betrug. Nach dieser Reproduktionsperiode wird sie sowieso kein Sparen mehr nötig haben, weil sie dann ihren neuen stationären Zustand erreicht hat. Wenn wir aber die ersparten Summen nicht summarisch betrachten, sondern auch die sektorale bzw. mikroökonomische Struktur dieser Null-Ersparnisse berücksichtigen, gibt es aber Unterschiede. Wenn wir uns die Tauschtabellen anschauen, die Zeile 5, stellen wir fest, dass in der Reproduktionsperiode t+2 und den darauf folgenden das Ersparte nicht nur in der Summe (makroökonomisch), sondern auch bei allen Sektoren (mikroökonomisch) gleich Null ist. In der Reproduktionsperiode t+1 ist dies anders. Dort spart der Sektor 2 eine Summe von 500 ein, die sich der Sektor 3 ausleiht und sich damit verschuldet, um investieren zu können. Es leuchtet ein, dass gerade dieser Sektor spart, weil sein Gewinn auf einmal um die Hälfte gestiegen ist. Es liegt auch nahe, dass gerade der Sektor 3 der Gläubiger ist, weil bei ihm investiert worden ist. Aber diese Verteilung der Sparsumme auf die Sektoren ist vor allem die Folge der angewandten Methode. Es ist zwar vorstellbar, dass die drei Sektoren drei Besitzern (Kapitalisten) gehören und dass ausschließlich diese Bessitzer es sind, die aus ihren Gewinnen sparen; dies würde jedoch die Realität verfehlen. Es sind nicht die Sektoren bzw. ihre Besitzer, sondern viele verschiedene Individuen, die in Wirklichkeit sparen bzw. sich verschulden, und die Bank ist die offizielle Stelle, wo sich diese Sparer sozusagen anonym mit den Investoren treffen. Aber auch wenn wir diese Details berücksichtigen, an unseren Schlussfolgerungen würde dies nichts ändern, vorausgesetzt die Summe der Ersparnisse bzw. Investitionen beträgt 500. Die Wirtschaft wird im Gleichgewicht bleiben, unabhängig davon, wer zu den Sparern und wer zu den Gläubigern gehören würde. Uns interessiert nur noch, wie die Sparer über das, was sie tun, denken. Es lässt sich unschwer nachvollziehen.

Stellen wir uns einen ganz normalen Sparer vor. Das Sparen ist natürlich seine freie, ganz persönliche Entscheidung. Er ist sich völlig im Klaren, dass sich der Konsum und das Sparen gegenseitig ausschließen, dass das eine Vergnügen (Genuss) und das andere Verzicht (Abstinenz) bedeutet. Weil er für sein Einkommen etwas geleistet hat, ist er auch überzeugt, dass er mit seinen Ersparnissen dem Gläubiger eine bestimmte Leistungsmenge abgetreten hat. Auch die Auffassung des Investors über sein eigenes Tun lässt sich genauso gut nachvollziehen. Für ihn ist es selbstverständlich, dass er durch seine Investitionen den Kapitalstock vergrößern wird. Aber kann dies alles stimmen? Betrachtet man die Wirtschaft als ein Ganzes, wurde in keinem Augenblick etwas real gespart (abstiniert), und schon beginnend mit der Reproduktionsperiode t+2 ist der Konsum sogar real um 25% gestiegen.

Unsere Untersuchung zeigt deutlich, dass sich das makroökonomische und mikroökonomische, sowie nominale und reale Sparen völlig unterscheiden können. Bei unserem numerischen Beispiel lassen sich folglich alle Merkmale, durch die sich dieser Unterschied äußern kann, feststellen:

  • Das nominale Sparen muss nicht bedeuten, dass real weniger Güter konsumiert werden.
  • Man kann den Konsum steigern, ohne dass man zuerst für eine bestimmte Zeit auf den Konsum verzichtet.
  • Das nominale Sparen sagt nichts über die Änderungen im realen Kapitalstock (Kapitalakkumulation) aus.
  • Den nominalen Ersparnissen muss keine produktive Leistung innewohnen.

Es hat sich also wieder einmal nicht bestätigt, dass die Weisheit der einzelnen Wirtschaftsakteure auch die Weisheit der Volkswirtschaft ist. Was auf der Betriebsebene richtig ist, kann auf der Makroebene töricht sein und umgekehrt. Mit einem Wort: Die pars-pro-toto Denkweise funktioniert nicht. Warum sie in der Wirtschaft und der Wirtschaftswissenschaft trotzdem nicht totzukriegen ist, mag an ihrer unwiderstehlichen Plausibilität liegen. Sie bedeutet die individuelle Perspektive für objektiv zu halten, doch es kann sein, dass diese in der Tat nicht der Realität entspricht. Auch wenn zum Beispiel alles in unserer Erfahrung dafür spricht, dass die Erde eine Scheibe ist, ist sie es nicht. Was ist aber die Alternative?

Die Alternative ist immer die Theorie, genauer gesagt die abstrakte Theorie. Aber auch solche Theorien haben sich oft als falsch erwiesen: als metaphysische Phantastereien. Man kann für sie sogar nicht einmal behaupten, sie wären weniger ideologisch, also weniger bestimmten Interessen verpflichtet, als es die individuellen Sichtweisen üblicherweise sind. Was nun? Es hilft nur, immer skeptisch zu sein. Man soll von den Theorien immer neue und bessere Nachweise verlangen, vor allem dann, wenn sie dem sogenannten gesunden Menschenverstand widersprechen. Deshalb kann es zumindest nicht schaden, wenn wir die analytischen Ergebnisse unseres Beispiels, aus denen sich ergibt, dass das individuelle (mikroökonomische) Sparen nichts über das Sparen der ganzen Wirtschaft sagt, jetzt noch auf andere Weise begründen.

Unser dreisektorales numerisches Beispiel sollte eine Wirtschaft im Kleinformat sein. Deshalb haben wir bisher stillschweigend angenommen, dass die Sektoren nicht nur autonom wirtschaften, sondern auch drei unabhängigen Besitzern (oder der Besitzergruppen) gehören. Jetzt wollen wir dies - ausnahmsweise - anders haben: Das Kapital aller drei Sektoren soll zwar privat bleiben, aber es soll von einem einzigen offenen Investmentfond verwaltet werden. Und wir schauen uns an, wie es dann mit der Einführung der neuen produktiveren Produktionsmethode im Sektor 2 vor sich gehen wird.

Um diese Einführung vorzubereiten, braucht der Investmentfond nichts anderes zu tun, als am Ende der Reproduktionsperiode t+1 dafür zu sorgen, dass dem Sektor 2 etwas weniger (500) und dem Sektor 3 etwas mehr (500) Produktionsgüter geliefert werden. Diese Entscheidung würde keiner in der Verwaltung des Investmentfonds so verstehen, dass während der Reproduktionsperiode t+1 etwas gespart oder investiert würde. In der Reproduktionsperiode t+2 - und allen darauf folgenden - ändert sich beim Kapitalstock ebenfalls nichts. Die Konsumproduktion ist aber real um 1000 gestiegen, so dass man seitdem nur mehr konsumieren konnte und sollte. Dies wäre auch kein Problem, weil auch die Nettoeinkünfte der Wirtschaft genau um 1000 gestiegen sind, so dass das Angebot und die Nachfrage weiter übereinstimmen. Mehr als die Hälfte dieses Zuwachses am Nettoeinkommen wird dann der Investmentfonds als Dividenden den Aktienbesitzern überweisen (ausschütten) können.

In einer solchen Wirtschaft, in der die Kapitalisten durch Finanziers und Aktionäre ersetzt wurden, würde die individuelle und ganzheitliche Perspektive völlig übereinstimmen. Die Aktienbesitzer würden sich in keinem Augenblick täuschen, dass sie etwas gespart (abstiniert) haben, und sie würden wissen, dass sie - in unserem Fall - beginnend mit der Reproduktionsperiode t+2 sowohl nominal als auch real reicher geworden sind. Sie würden danach mehr konsumieren können, auch wenn sie dafür persönlich gar nichts geleistet haben. Würden sie dies nicht tun wollen, aus welchem Grund auch immer, dann würde das Angebot und die Nachfrage nicht mehr im Gleichgewicht bleiben können.

Erwähnen wir nur noch kurz, was geschehen kann, wenn die Aktienbesitzer ihre Gewinne dem Investmentfond anvertrauen würden, um ihr Geld weiter „arbeiten zu lassen“. Dann wäre es überhaupt das Beste für die ganze Wirtschaft, wenn die Fondverwalter sich die Dividenden als Bonifikation in die eigene Tasche stecken und diese verkonsumieren würden. Die Aktionäre, die nicht konsumieren wollen und damit die Produktion erwürgen, verdienen in der Tat ausgeraubt zu werden. Ganz Unrecht hatte Bernard Mandeville mit seiner Behauptung also doch nicht, dass das Böse das Gute schaffe - zumindest dann, wenn das Gute von Dummheit befallen wird und versagt, was gar nicht so selten passiert.

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