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  A - Schlüsselbegriffe und Grundannahmen der realen Nachfragentheorie
  Die reale Kapitalakkumulation und das Produktivitätswachstum
       
 
Die meisten von denen, die eine umfassendere Erklärung des allgemeinen Geschichtsverlaufs geben möchten, werden Marxsche Kategorien oder modifizierte Versionen davon gebrauchen, weil kaum geeignete Alternativen vorhanden sind. Es ist allerdings schwer verständlich, dass in den hundert Jahren nach dem Erscheinen von Das Kapital ... kaum etwas anderes hervorgebracht worden ist.
 
    John R. Hicks, einer der einflussreichsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts,  
mit Alvin Hansen entwickelte er das berühmte IS-LM-Modell  
 

Die Arbeit, so haben wir posthum von Marx erfahren, ist doch nicht der Bestimmer der einzelnen Preise. Daran sollten jedoch nur die Kapitalisten schuld sein, weil sie durch ihre Profite die Entfaltung des angeblich ewigen und universellen ökonomischen „Wertgesetzes“ behindern - oder vielleicht besser gesagt sabotieren. Was aber nicht einzeln gilt, gilt für die ganze Wirtschaft trotzdem, meinte Marx bewiesen zu haben: Der Preis aller Waren zusammengenommen, entspreche genau ihrem Wert. Nachdem er dies bewiesen hat, meinte er, dass alle Missverständnisse und Zweifel an der Richtigkeit der Arbeitswertlehre aufgeräumt wären. Wie wir herausgefunden haben, war die Marxsche Lösung des Transformationsproblems falsch. Aber sogar wenn sie richtig wäre, wäre es trotzdem problematisch zu behaupten, dass nur die Arbeit das ganze Produkt der Volkswirtschaft schafft und dass es allein ihr Verdienst ist. Ein Arbeiter kann - nach der Arbeitswertlehre - pro Stunde immer die gleiche Arbeits- bzw. Wertmenge schaffen, aber die Menge der hergestellten Gebrauchswerte steigt im Kapitalismus ständig. Wie kann dann dies als Leistung des Arbeiters bzw. der Arbeit verstanden werden? Warum steigt die Produktivität der Arbeit, wenn ihr Wert angeblich immer gleich bleibt?

Auf den ersten Blick scheint es, dass das Produktivitätswachstum der Arbeitswertlehre den Todesstoß versetzt. Wenn es zwischen dem Produktionsfaktor Arbeit und dem Reichtum - wie sich die älteren Ökonomen ausdrücken würden - keinen Zusammenhang gibt, wie kann die Arbeit die einzige Ursache oder die Quelle des Reichtums sein? Marx hat trotzdem eine theoretische Erklärung gefunden. Diese Erklärung ist ein gutes Beispiel dafür, wie mit Hilfe von zusätzlichen Annahmen logische Zusammenhänge herausbildet werden können, die vorher keiner als möglich vermuten würde. Diese Annahme, mit der Marx die Arbeit und das Produktivitätswachstum zum Einklang bringt, heißt Kapital. Gerade deshalb hat sich das Kapital die Ehre verschafft, auf den Titel des Hauptwerks von Marx zu gelangen. Aber auch bei der Erklärung des Produktivitätswachstums durch die Kapitalakkumulation hat Marx keine Analyse im strengen Sinne betrieben, sondern nur seine bereits philosophisch gewonnenen Überzeugungen in eine ökonomische Sprache umgewandelt und sich so in einen Fehler verrannt, dessen Folgen verheerend waren. Auf diesen Fehler stellte er nämlich noch seine ganze Analyse der „Entwicklung der Produktivkräfte“ und damit des Kapitalismus auf, so dass diese völlig wertlos ist.

Auch hier könnte man die Frage stellen, wozu es gut sein soll, sich mit einem weiteren Fehler von Marx zu beschäftigen. Wie es bereits beim Transformationsproblem der Fall war, bietet uns auch dieser Fehler von Marx eine gute Gelegenheit zu zeigen, wie einfach sich mit Hilfe von distributiven Koeffizienten schwierige Probleme lösen lassen. Aber diesmal wird es uns um mehr gehen als nur um eine theoretische Übung. Was Marx meinte bewiesen zu haben, galt damals als eine unbestrittene ökonomische Wahrheit, so dass wir uns nicht nur mit seinem Fehler beschäftigen, sondern mit einem großen Irrtum seiner Zeit. Wenn man also die Marxsche Sprache beiseite schiebt, ist seine Analyse der „Entwicklungstendenzen des Kapitalismus“ eine ziemlich übliche Wachstums- und Entwicklungstheorie, mit den Fehlern, die aktuell sind. Mehr noch. Was die Wachstums- und Entwicklungstheorie betrifft, da handelt sich sogar um eine Problematik, bei der die ökonomische Theorie keine großen Fortschritte gemacht hat - siehe Motto. Deshalb hat man einiges erreicht, wenn man schon alte Fehler beseitigt, damit sie kein Klotz am Beim sind. Und genau das wollen wir jetzt tun. Mit besseren analytischen Mitteln - konkret sind es die distributiven Koeffizienten - lässt sich endgültig mit dem Irrtum über den Segen des Sparens bzw. der Kapitalakkumulation aufräumen. Es ist einer der hartnäckigsten Irrtümer der ganzen ökonomischen Theorie, von dem sich später sogar Soziologen verführen ließen, etwa der große Max Weber.

Die Auffassung, dass die Produktivität durch bessere Maschinen steigt und die besseren Maschinen höhere(Kapital-)Investitionen benötigen, ist ziemlich alt. Ich habe schon etwas über die Ursprünge dieser Idee gesagt und auch statistische Untersuchungen vorgelegt.dorthin Diese Untersuchungen lassen uns wissen, dass das Verhältnis zwischen Kapital und Arbeit, Marx nennt es organische Zusammensetzung des Kapitals, bis zur Großen Depression tatsächlich tendenziell gestiegen ist - also noch eine Zeitlang nach Marx Tod. Warum lag Marx so viel daran, in dieser empirisch nachweisbaren Korrelation vom Anfang der kapitalistischen Entwicklung ein universelles Gesetz der Produktivität zu erblicken? Würde es so ein Gesetz geben, dann ließe sich in der Tat zumindest logisch schlüssig behaupten, dass der Arbeiter bzw. die Arbeit die Quelle und die Ursache das Produktivitätswachstum ist. Die Argumentation würde so verlaufen:

Der Arbeiter produziert den (Arbeits-)Mehrwert, der ihm vom Kapitalisten weggenommen wird. Der Kapitalist verbraucht jedoch nur einen Teil des Mehrwerts (Profits): für sein Luxusleben, für seine Spenden und Gnadengeschenke und für die Korrumpierung der Politiker. Den Rest des Mehrwerts (Profits) spart und investiert er. Die neuen besseren Maschinen verschlingen immer mehr von dem Mehrwert, also immer mehr Arbeit, die natürlich irgendwann früher der Arbeiter geleistet hat. Deshalb ist die bessere Maschine, also eine mit der die Produktivität des Arbeiters gestiegen ist, letztendlich der Verdienst des Arbeiters. Dies ist der Kern der ganzen Maxschen Kapitalakkumulationstheorie. Die Quantität (die steigende Arbeitsmenge in den Maschinen) wird sozusagen zur Qualität (höhere Produktivität) - wie es das dialektische Gesetz haben will.

Aber nach der Großen Depression steigt die organische Zusammensetzung des Kapitals nicht mehr. Es waren zuerst die empirischen Untersuchungen von Moses Abramowitz und Robert Solow, dann von vielen anderen, die nachgewiesen haben, dass sich die organische Zusammensetzung des Kapitals (der Kapitalkoeffizient) in den kapitalistischen Wirtschaften stabilisiert hat. Sie schwankt seitdem sanft um einen sozusagen konstanten Wert. Die Geschichte hat ihren größten Propheten in Stich gelassen. Oder weniger pathetisch ausgedruckt: Auch hier hat sich Marx gründlich geirrt.

Es soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, dass die empirischen Untersuchungen von den theoretischen Ökonomen nicht unbeachtet geblieben sind. Es gibt seitdem viele makroökonomische Ein-Gut-Modelle, wo man von der Annahme des konstanten Verhältnisses zwischen Kapital und Arbeit ausgeht. Man nimmt es einfach hin, dass dem so ist, ohne zu erklären warum. Aber muss man es überhaupt erklären? Es stimmt, dass eine Theorie oder ein Modell nicht alle seine Annahmen zu erklären braucht. Aber wenn man konkret den stagnierenden Kapitalkoeffizienten nicht erklären kann, bekommt man andere Probleme. Wenn nämlich die Kapitalmenge pro Arbeiter nicht steigt, wie erklärt man dann die Ersparnisse, die es trotzdem gibt, wie es die empirischen Untersuchungen eindeutig zeigen? Wohin gehen dann diese Ersparnisse? Dies lässt sich nur klären, wenn man nominales und reales Sparen unterscheidet. Darüber wurde schon etwas gesagt, aber wir werden uns damit später noch ausführlicher beschäftigen. Vorerst geht es uns nur um die Frage, ob die reale Kapitalmenge pro Arbeiter bei der Steigerung der Produktivität wirklich tendenziell steigen muss, bzw. warum dem nicht so ist. Das Sparen lassen wir vorerst völlig weg. Aus Gründen, die sich später von selbst erklären werden, teilen wir diese unsere Untersuchung auf mehrere typisierte Situationen auf.

Das Arbeitssparen in den Konsumgüter produzierenden Sektoren

Bedienen wir uns wieder unseres dreisektoralen numerischen Beispiels.dorthin  Der dritte Sektor in diesem Beispiel produziert Konsumgüter. Das Nettoeinkommen dieses Sektors beträgt 2000, das wir mit der Arbeitsmenge gleichsetzen, welche die Beschäftigten dieses Sektors liefern. So würde es Marx sehen, aber unabhängig davon ist es unbestritten, dass in diesem Sektor, wie in den anderen, eine bestimmte Arbeitsmenge geleistet wird. Wir sagen jetzt einfach, die Nettoeinkünfte unseres Beispiels würden den Arbeitsmengen entsprechen.

Nehmen wir nun an, durch eine bessere Organisation der Arbeit oder durch anders konstruierte Maschinen, in denen aber die gleiche Menge von Kapital bzw. Arbeit steckt wie davor, hat man die Zahl der beschäftigten im Sektor 3 um 20% verringert. Die geleistete lebende Arbeit verringert sich damit um 400. Weil dieser Sektor Konsumgüter produziert, die das System verlassen, hat sein Arbeitsersparnis keine Rückwirkungen auf das System. Der Zustand der ganzen Wirtschaft in der Reproduktionsperiode t+1 kann sich weiter ohne Änderung wiederholen - beliebig lange. Die Wirtschaft hat also schon in dieser Reproduktionsperiode einen stationären Zustand erreicht. Deshalb ist das Sparen von Arbeit bei den Konsumgütersektoren der analytisch einfachste Fall. Er ist so einfach, dass auch Marx zu richtigen Ergebnissen kommen würde.

Um zur Schlussfolgerung unserer Überlegung zu gelangen, stellen wir in der nächsten Darstellung links den Ausgangszustand und rechts der Zustand nach der Einführung der arbeitssparenden Produktionsmethode (Technologie) dar:

 
t Ausganszustand
 
Sektor 1: 
Sektor 2:
Sektor 3:
  K  Ÿ Y  
  2500  +  1000  =   3500
  1500  +  1000  =  2500
  2000  +  2000  =  4000
 
6000  :  4000  =   1.50   
t+1 Nach dem Ersparnis
 
Sektor 1: 
Sektor 2:
Sektor 3:
  K  Ÿ Y  
  2500  +  1000  =   3500
  1500  +  1000  =  2500
  2000  +  1600  =  3600
 
6000  :  3600  =   1.67   

Das Verhältnis zwischen Kapitalwert (6000) und Arbeit (4000) beträgt ursprünglich 1.5, danach ist es (6000 : 3600) auf 1.67 gestiegen. Das angebliche Marxsche „Gesetz des steigenden Wachstums des konstanten Kapitalteils im Verhältnis zum variablen“ kommt hier eindeutig zur Geltung.
 

Das Arbeitssparen in den Kapitalgüter produzierenden Sektoren

Jetzt nehmen wir an, dass nicht ein Konsumgüter produzierender Sektor, sondern der Sektor 1, der Produktionsgüter herstellt, die gleiche Arbeitsmenge (400) einspart.

 
t+1 Produktionsprozess
 
  Sektor 1: 
  Sektor 2:
  Sektor 3:
    K  Ÿ Y    
    2500.00  +  600  =  3100.00    
    1500.00  +  1000  =  2500.00    
    2000.00  +  2000  =  4000.00    
                       
Kapitalbeschaffung 
für Reproduktionsperiode  t+2
  K1t+2  =  δ21 Y2t+1  =    1 • 2500.00  =  2500.00  
  K2t+2  =  δ12 Y1t+1  =  3/7 • 3100.00  =  1328.57  
  K3t+2  =  δ13 Y1t+1  =  4/7 • 3100.00  =  1771.43  
 

Das Verhältnis zwischen dem Kapitalwert (6000) und der Arbeit (3600) der Wirtschaft ist diesmal gleich wie am Ende der Reproduktionsperiode t+1, als die gleich große Ersparnis in einem Konsum produzierenden Sektor stattfand, also 1,67. Bis dahin ist auch Marx gelangt, aber er wusste nicht, was weiter zu tun wäre. Er hat dies so gelassen und als Endergebnis weiter behandelt. Ihm ist es nicht einmal eingefallen, dass die Arbeitsersparnis eines Kapitalgüter produzierenden Sektors in der nächsten Reproduktionsperiode zu den Kapitalersparnissen bei den Sektoren führt, die von diesem Sektor beliefert werden. Bei uns beliefert Sektor 1 die Sektoren 2 und 3, die proportional zu ihren Liefermengen folglich auch seine Ersparnisse (400) übernehmen: Sektor 2 übernimmt 3/7 (= 171,43) und Sektor 3 die restlichen 4/7 (= 228,57). In genau dem gleichen Umfang werden schließlich auch die Kapitalien der Sektoren 2 und 3 kleiner. Weil diese Versorgung mit den Kapitalien am Ende der Reproduktionsperiode t+1 vonstatten geht, ist sie oben rechts dargestellt, und zwar für alle Sektoren. Sie ist durch distributive Koeffizienten eindeutig bestimmt.


Nachdem die Sektoren mit den Kapitalgütern versorgt worden sind, kann die Produktion in der folgenden Reproduktionsperiode (t+2) beginnen. Alle Sektoren werden die genau gleiche Zahl der Arbeiter gleich lange beschäftigen wie in der Reproduktionsperiode t+1, weil die Maschinen, an denen diese Arbeiten - auch wenn sie mit weniger Arbeit (Kosten) hergestellt worden sind als früher - immer noch die physikalisch völlig identischen Maschinen sind.

 
t+2 Produktionsprozess
 
  Sektor 1: 
  Sektor 2:
  Sektor 3:
    K  Ÿ Y    
    2500.00  +  600  =  3100.00    
    1328.57  +  1000  =  2328.57    
    1771.43  +  2000  =  3771.43    
                       
Kapitalbeschaffung 
für Reproduktionsperiode  t+3
  K1t+3  =  δ21 Y2t+2  =    1 • 2328.57  =  2328.57  
  K2t+3  =  δ12 Y1t+2  =  3/7 • 3100.00  =  1328.57  
  K3t+3  =  δ13 Y1t+2  =  4/7 • 3100.00  =  1771.43  
 

Da der Wert der Kapitalinvestitionen bei den Sektoren 2 und 3 diesmal kleiner war, ist auch der Wert der Produktion dieser zwei Sektoren am Ende der Reproduktionsperiode kleiner als vorhin. Wem nützt dies? Beim Sektor 3 nutzt dies den Konsumenten, die billigere Waren von ihm geliefert bekommen. Beim Sektor 2 nutzt dies dem Sektor 1, der sich von ihm mit den Produktionsgütern versorgt. Was ist eigentlich bei diesem Sektor 2 geschehen? Er hat sozusagen seine Ersparnisse (171,43), die er am Ende der vorigen Reproduktionsperiode (t+1) vom Sektor 1 übernommen hat, am Ende dieser Reproduktionsperiode (t+2) diesem Sektor zurückgegeben. Deshalb ist der Wert der Investitionen des Sektors 1 kleiner geworden. Rechts oben in der Tabelle ist die Beschaffung dieses Sektors - und der restlichen Sektoren - mit den Kapitalgütern noch einmal übersichtlich dargestellt. Auch diesmal ist sie natürlich durch die gleichen distributiven Koeffizienten bestimmt wie davor.


In dieser Reproduktionsperiode (t+3) ist die Anfangsinvestition auch beim Sektor 1 kleiner als beim Ausgangszustand. Folglich ist der Wert der Produktion dieses Sektors am Ende der Reproduktionsperiode auch kleiner.

 
t+3 Produktionsprozess
 
  Sektor 1: 
  Sektor 2:
  Sektor 3:
    K  Ÿ Y    
    2328.57  +  600  =  2928.57    
    1328.57  +  1000  =  2328.57    
    1771.43  +  2000  =  3771.43    
                       
Kapitalbeschaffung 
für Reproduktionsperiode  t+4
  K1t+4  =  δ21 Y2t+3  =    1 • 2328.57  =  2328.57  
  K2t+4  =  δ12 Y1t+3  =  3/7 • 2928.57  =  1255.10  
  K3t+4  =  δ13 Y1t+3  =  4/7 • 2928.57  =  1673.47  
 

Die Kapitalbeschaffung am Ende der Reproduktionsperiode t+3 zeigt, dass die Investitionen bei den Sektoren 2 und 3 jetzt zum zweiten Mal schrumpfen.


Damit wir uns ganz sicher sein können, dass die Produktion der Sektoren und damit auch die Kapitalinvestitionen immer weiter schrumpfen, schauen wir uns noch ein paar Reproduktionsperioden an.

 
t+4 Produktionsprozess
 
  Sektor 1: 
  Sektor 2:
  Sektor 3:
    K  Ÿ Y    
    2328.57  +  600  =  2928.57    
    1255.10  +  1000  =  2255.10    
    1673.47  +  2000  =  3673.47    
                       
Kapitalbeschaffung 
für Reproduktionsperiode  t+5
  K1t+5  =  δ21 Y2t+4  =    1 • 2255.10  =  2255.10  
  K2t+5  =  δ12 Y1t+4  =  3/7 • 2928.57  =  1255.10  
  K3t+5  =  δ13 Y1t+4  =  4/7 • 2928.57  =  1673.47  
 

 
t+5 Produktionsprozess
 
  Sektor 1: 
  Sektor 2:
  Sektor 3:
    K  Ÿ Y    
    2255.10  +  600  =  2855.10    
    1255.10  +  1000  =  2255.10    
    1673.47  +  2000  =  3673.47    
                       
Kapitalbeschaffung 
für Reproduktionsperiode  t+6
  K1t+6  =  δ21 Y2t+5  =    1 • 2255.10  =  2255.10  
  K2t+6  =  δ12 Y1t+5  =  3/7 • 2855.10  =  1223.61  
  K3t+6  =  δ13 Y1t+5  =  4/7 • 2855.10  =  1631.49  
 

 
t+6 Produktionsprozess
 
  Sektor 1: 
  Sektor 2:
  Sektor 3:
    K  Ÿ Y    
    2255.10  +  600  =  2855.10    
    1223.61  +  1000  =  2223.61    
    1631.49  +  2000  =  3631.49    
                                ...   usw.   ...          


Man kann dieses Verfahren beliebig lange fortsetzen. Das ist aber gar nicht nötig, weil die numerischen Werte, wie es die Mathematiker sagen würden, sehr schnell konvergieren. Sie werden also sehr schnell ganz nahe an bestimmte Werte herankommen. Diese sozusagen endgültigen Werte lassen sich genau ausrechnen. Es gibt zwei mathematischen Möglichkeiten dafür:

1) Man kann für jeden der Sektoren die sogenannten geometrischen Reihen bilden. Nebenbei bemerkt: Dies war mein persönlicher Einstieg in die dynamische Kreislaufanalyse der Wirtschaft mit Hilfe von distributiven Koeffizienten. Für den mathematisch versierten Leser geht es hier weiter.

2) Man kann die ganze Wirtschaft als ein Gleichungssystem schreiben und dieses ausrechnen lassen. So würde man sozusagen auf einen Schlag alle Werte für alle Sektoren bekommen. Mit dieser Methode habe ich mich erst später angefreundet, aus dem einfachen Grund, weil sie nämlich in der Wirtschaftswissenschaft schon längst üblich ist. Aber diese Methode hat einen Nachteil. Die Gleichungssysteme funktionieren sozusagen als black box. Diese Methode sagt uns nichts darüber, wie die Ergebnisse im ökonomischen Sinne zustande gekommen sind. Sie ist im wahrsten Sinne des Wortes komparativ statisch. Für den mathematisch versierten Leser geht es hier weiter

Aber unabhängig davon, welche mathematische Methode man bevorzugt, bekommt man die gleichen Endergebnisse für den endgültigen Zustand für die Wirtschaft aus unserem Beispiel. Vergleichen wir nun den endgültigen Zustand (rechts) mit dem Ausgangszustand (links):

 
t Ausganszustand
 
Sektor 1: 
Sektor 2:
Sektor 3:
  K  Ÿ Y  
  2500  +  1000  =   3500
  1500  +  1000  =  2500
  2000  +  2000  =  4000
 
6000  :  4000  =   1.50   
  Nach dem Ersparnis
 
Sektor 1: 
Sektor 2:
Sektor 3:
  K  Ÿ Y  
  2200  +  600  =   2800
  1200  +  1000  =  2200
  1600  +  2000  =  3600
 
5000  :  3600  =   1.39   

Die Ersparnis der lebenden Arbeit hat nicht, wie es Marx behauptete, „ein Wachstum des konstanten Kapitalteils im Verhältnis zum variablen“ verursacht, sondern genau umgekehrt. War die organische Zusammensetzung am Anfang 1.5, ist sie jetzt auf 1.25 gefallen. Dies war die Folge davon, dass die Ersparnislücke bei der lebenden Arbeit im Sektor 1 immer weiter in alle Kapitalien hinein durchgedrungen ist und dort sozusagen Blasen verursacht hat. Die Kapitalien wurden sozusagen wie Käse durchlöchert. Dies ist in der nächsten Tabelle sichtbar, wo die Ersparnisse im Sektor 1 mit Q bezeichnet sind.

 
  Nach dem Erparnis Q
 
Sektor 1: 
Sektor 2:
Sektor 3:
  K  Ÿ Y  
  2500 - 3/4Q     +     1000 - Q       =        3500 - 7/4Q
  1500 - 3/4Q     +     1000       =        2500 - 3/4Q
  2000 - Q     +     2000       =        4000 - Q
 

Zusammenfassung: Die Arbeit als Wert und die Arbeit als Produktionsfaktor

Wenn wir unsere Untersuchung nicht über die Reproduktionsperiode t+1 hinaus betreiben würden, wären wir zu den gleichen Ergebnissen gekommen wie Marx. Das war sein Fehler - seine analytische Schwäche. Es ist kein kleiner Fehler, aber es kommt bei Marx noch schlimmer. Er wusste nämlich ganz genau, dass normalerweise nicht nur lebende Arbeit (variables Kapital) sondern auch Kapital (konstantes Kapital) gespart wird. Und er wusste auch, dass die letztere Art die Kosten zu sparen die organische Zusammensetzung senken würde. So stehen sich zwei „Tendenzen“ gegenüber: eine bewirkt die Steigerung und die andere die Senkung der organischen Zusammensetzung des Kapitals. Warum sich Marx - nach einigen Bedenken - trotzdem dafür entschieden hat, dass sich die Tendenz zur Steigerung durchsetzen wird, hat er uns nie verraten. Er hat uns keine Begründung hinterlassen. Er hat einfach die Wünsche über die Realität gestellt.

Bemerkung: Die Analyse der Kapitalssparens, also der im Kapital „geronnener“ oder „toter“ Arbeit, wie sich Marx ausdrückt, ist deutlich komplizierter, als die der „lebenden“ Arbeit. Hier ändert sich nämlich die Struktur der ganzen Wirtschaft wesentlich, so dass wir ohne die technischen Koeffizienten nicht weiter kommen würden. Deshalb lassen wir Beispiele für das Kapitalsparen weg.

Die Arbeitswerttheorie hat also nichts gebracht, was praktisch nützlich sein könnte. Wenn man aber die Arbeit von der Metaphysik und der Ideologie des Wertes und Mehrwertes befreit, ist sie ein wichtiger Produktionsfaktor, mit dem sich nützliche Ergebnisse erzielen lassen - wenn man passende Methode anwendet. So haben wir diesmal beweisen können, dass Produktivität und Kapitalakkumulation in keinem (kausalen) Zusammenhang stehen.

Eine der Folgen der falschen Akkumulationstheorie von Marx war, dass sie implizit dem Sparen eine Bedeutung zugewiesen hat, die es gar nicht hat. Das konnte dem ideologischen Gegner, den liberalen Nutzwerttheoretikern nur recht sein. Sie brauchten dann nur zu sagen, dass es nicht die Arbeit ist, die den Mehrwert produziert, sondern dass alles, was der Arbeiter nicht bekommt, die produktive Kraft des Kapitals ist. Und genau das ist aus allen Wertetheorien übrig geblieben: Sie degenerierten zu den ideologischen Verteidigern des Einkommens einer bestimmten sozialen Gruppe. Die Arbeitswerttheorie wurde der Verteidiger der Löhne und die neoliberalen Grenznutzentheorie der Verteidiger aller Einkommensarten der Rentiers.

In der Zeit, als alle Ökonomen fest an den Irrtum geglaubt haben, dass das Sparen bzw. die Akkumulation die Voraussetzung für das Wachstum und Produktivitätswachstum ist, hat also die Marxsche Werttheorie für mehr Verteilungsgerechtigkeit gesorgt. Mit ihr ließen sich die Ansprüche der arbeitenden Bevölkerung vor dem Gier und Egoismus der parasitären Klasse der Kapitalbesitzer argumentativ verteidigen und legitimieren. Das kann man ihr zugute halten. Die falsche Marxsche Theorie hat damit einer andern falschen Theorie, die de facto dem Kapital den Mehrwert zurechnet, Paroli geboten. Hier waren die verhängnisvollen Fehler der Marxschen Theorie ziemlich unwichtig. Nachdem aber die Marxsche Theorie die theoretische Grundlage für die Funktionsweise der sozialistischen Wirtschaften wurde, war der Schaden enorm. Den wollen wir uns jetzt anschauern  

 
 
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