home suche  
 
  Inhaltsverzeichnis zu diesem thematischen Schwerpunkt   blättern  ( 6 | 21 )
  A - Schlüsselbegriffe und Grundannahmen der realen Nachfragentheorie
  Preise (Tauschwerte), Gebrauchswerte und die Realmetaphysik der Werte
       
 
Einerseits erklärt Smith ... , daß er die Regeln erforschen will, die „die Menschen natürlicherweise beachten, wenn sie Güter gegen Geld oder andere Güter eintauschen“. Das heißt, daß er am Wertproblem ... nicht in erster Linie interessiert war. Wonach er suchte, war eine Preistheorie, auf Grund derer er gewisse Lehrsätze aufstellen konnte, die jedoch die Erforschung des Wertphänomens nicht erforderlich machten. ... Andererseits läßt er nach der Definition des Gebrauchs- und des Tauschwertes den ersteren fallen, indem er auf das „Wertparadox“ verweist, das für ihn offensichtlich jeden weiteren Fortschritt in dieser Richtung versperrte, womit er für die nächsten zwei oder drei Generationen die Tür zuschlug, die von seinen französischen und italienischen Vorgängern in so verheißungsvoller Weise geöffnet worden war.
 
    Joseph Schumpeter, bekannter österreichisch-amerikanischer Ökonom    
 
Würden die Waren sprechen, so würden sie sagen, unser Gebrauchswert mag den Menschen interessieren. Er kommt uns nicht als Dingen zu. Was uns aber dinglich zukommt, ist unser Wert.
 
    Karl  Marx    

Nach einem Paradigmenwechsel bekommt man den Eindruck, schreibt Thomas Kuhn in seinem bahnbrechenden Buch Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, als ob man „auf einen anderen Planeten versetzt worden wäre“. Dieser Vergleich verwundert, weil ein Wissenschaftler wohl nirgendwohin versetzt wird. Was er erforscht - sein Forschungsgegenstand -, bleibt auch nach dem Paradigmenwechsel immer noch dasselbe. Wie können ihm aber trotzdem „vertraute Gegenstände in einem neuen Licht erscheinen und auch unbekannte sich hinstellen“? Wir wollen jetzt diese interessante, aber auch sehr komplizierte erkenntnistheoretische Frage nicht eingehend erörtern, aber ein paar Worte darüber sollten wir doch verlieren.

Das Gehirn des Menschen, aber auch des Tieres, nimmt nicht alles wahr, was ihm die Sinne zur Verfügung stellen. So etwas würde die Aufnahmefähigkeit des Gehirns bei weitem übersteigen. Deshalb lässt es nur einen winzigen Teil der Sinnesreize „passieren“. Was wir also wahrnehmen, ist bereits stark selektiert und hängt entscheidend davon ab, auf welche Weise selektiert wird. Dem Tier sind die Selektionsfilter eingeboren, der Mensch besitzt auch die Fähigkeit, die Selektionsfilter, oder besser gesagt die Selektionsmuster, selber zu schaffen. Zu solchen Selektionsmustern - Kant sprach von „subjektiven Anschauungsformen“ - gehören auch Worte bzw. Begriffe. Deshalb ist die Welt, so wie sie ein jeder Mensch wahrnimmt, nicht „so wie sie wirklich ist“, sondern wie sie uns durch unsere Begriffe erscheint. Und was für den „gewöhnlichen“ Menschen gilt, gilt gleichermaßen auch für den Wissenschaftler. Auch er sieht die Welt durch die Brille der Schlüsselbegriffe und Grundannahmen seiner Wissenschaft bzw. seines Paradigmas. Wenn er dann diese durch ein neues Paradigma austauscht, dann erscheinen ihm nun „die vertrauten Gegenstände in einem neuen Licht“. Deshalb, so einer der bekanntesten amerikanischen Soziologen des vorigen Jahrhunderts Robert Merton, „hat ein Gutteil der Arbeit, die man Theoriebildung nennt, mit der Klärung von Begriffe zu tun - und mit Recht“.... >

Zu dem begrifflichen Rahmen der ökonomischen Theorie gehört auch der Begriff Wert. Eigentlich ist gerade er ihr wichtigster Begriff seit zwei Jahrhunderten, und genau das ist das größte Problem der heutigen Wirtschaftswissenschaft, wie wir sehen werden. Wir haben schon etwas darüber gesagt, wozu der Begriff Wert gut sein sollte. Ursprünglich hatten die Ökonomen vor, mit ihm Tauschwerte, oder einfacher gesagt Preise zu erklären, später sollte er noch zu viel mehr imstande sein: Aus dem Wert wurde allmählich ein universelles Erklärungsprinzip für alles, was in der Wirtschaft geschieht. Weder das eine noch das andere ist gelungen. Was aber, wenn man auf den Wert verzichten würde? Fangen wir mit den Preisen an.

Regeln statt Werte: Die frühliberale Befreiung der Wissenschaft von der Metaphysik

Die Preise sind bestimmt keine Einbildung oder Abstraktion. Es gibt sie wirklich. Wir finden sie überall und sie sind zweifellos eine relevante empirische Realität für Menschen schon seit Anfang des sogenannten zivilisierten Zeitalters. Und wenn es sie schon gibt, muss es bestimmt auch Gründe geben, warum sie so sind wie sie sind. Ja, diese Gründe gibt es in der Tat, aber der geheimnisvolle Wert gehört nicht dazu. Es gibt keine unsichtbare „wahre“ Realität der Preise. Eine Realmetaphysik der Preise, wie übrigens jede Metaphysik, ist wissenschaftlich unbrauchbar und unsinnig. So hat es auch Adam Smith gesehen, der Begründer der modernen Wirtschaftswissenschaft, so dass ihn der Wert, im Sinne seiner Nachfolger-Ökonomen, gar nicht interessierte, wie es Schumpeter - siehe Motto - richtig gesehen hat. Erwähnen wir hier zugleich, dass Schumpeter einer der seltenen war, dem dies überhaupt aufgefallen ist. Eine überwältigende Mehrheit der Ökonomen gibt sich - und dies schon seit langer Zeit - mit einer schlichten Meinung zufrieden, dass nämlich der „seltsame“ Umgang mit dem Wert bei Smith nichts Weiteres bedeutet, als dass er mit der Wertproblematik nicht zurecht gekommen ist. Dieses falsche Verständnis der Smithschen Lehre hat auch damit zu tun, dass die Klassiker, also die Denker, die sozusagen pflichtgemäß zitiert werden, normalerweise als diejenigen gelten, die man nicht mehr lesen muss. Aber ein anderer Grund, der ideologische, ist da viel wichtiger, wie wir gleich sehen werden.

Wenn sich aber unter dem Preis kein Wert versteckt, also nichts „wirklich“ Reales, was das „Wesen“ der Preise ausmachen würde, was bestimmt nun dann die Preise? Laut Smith sind die Preise das Ergebnis bestimmter Regeln. Und wenn sich die Regeln ändern, dann bilden sich die Preise schließlich auf eine andere Weise. Deshalb gibt es bei Smith mehrere „Werttheorien“, die er historisch zuordnete, was die kleinen Geister, die eine einzig wahre und universal geltende Werttheorie gesucht haben, immer so irritiert hat.

Die Preisauffassung bei Smith ist aber nur ein Teil seiner allgemeinen Vorstellung über eine geregelte Ordnung, die eine geistige Errungenschaft ist, die mit nichts zu vergleichen ist, was es seit vielen Jahrhunderten davor in den Geisteswissenschaften gab. Ich habe sie in dem Schwerpunkt Der Frühliberalismus erörtert, so dass wir uns bei ihr nicht lange aufhalten wollen. Dort ist auch die Preistheorie von Smith näher erörtert, ihre anthropologische und ethische Grundlage, worauf wir jetzt auch verzichten können. Was im Folgenden für unsere Zwecke ausreicht, lässt sich aus einem einfachen Beispiel entnehmen, das zwar ein bisschen skurril anmutet, aber gerade deshalb führt es uns am schnellsten zu einem akzeptablen Ergebnis.

Stellen wir uns zwei Philosophen vor: Einer heißt John und der andre Johann. John ist gut mit der Philosophie von Aristoteles, dem mittelalterlichen Nominalismus und dem englischen Empirismus vertraut. Johann war schon immer von Platon begeistert, hat eifrig den mittelalterlichen Realismus und die deutsche klassische Philosophie studiert. Seltsamer Weise - und da liegt auch die Pointe unseres Beispiels - haben sowohl John wie auch Johann in ihrem Leben nie davon gehört, dass es so etwas wie Kartenspiele gibt, die beim gemeinen Volk, wie man ihnen sagte, sogar sehr verbreitet und beliebt seien. Nun ist jemandem eingefallen, diese zwei Weisen als Zuschauer zu einem Kartenspiel einzuladen. Mit Absicht hat man ihnen aber im Voraus gar nichts über das Kartenspiel gesagt. Man ließ sie einfach das Treiben der Menschen mit den Zetteln beobachten und bat sie abschließend um Stellungsnahme.

John hat gemeint, da hat sich eine Gruppe von Menschen getroffen, in einer Absicht die ihm nicht klar ist, aber was dort vorgeht, das habe er schon ziemlich gut verstehen können. Die bemalten und nummerierten Zettel, die man verteilte und tauschte, sollten auf bestimmte Weise angesammelt und kombiniert werden - also nach bestimmten Mustern oder Regeln. Die Beteiligten haben sich offensichtlich im Voraus geeinigt, welche Regeln es sein sollten. Zugleich wurde auch vereinbart, welche Kombinationen als wünschenswerter oder besser gelten. Wer mitmachen wollte, musste aber zuerst Geld einzahlen. Zum Schluss sollte derjenige mehr Geld bekommen, der die Karten auf eine bessere Weise zusammengestellt hat. Einige haben John immer wieder mit der Frage bedrängt - die sie auf verschiedene Weise formulierten -, dass er über den Sinn des Kartenspiels auch etwas sagt. Er hat aber diese Frage immer hartnäckig zurückgewiesen mit der immer gleichen Bemerkung, dass er darüber deshalb nichts sagen könne, weil er nicht dabei war, als die Regeln aufgestellt wurden.

Johann hat in dem Kartenspiel etwas anderes gesehen. Ihm wurde natürlich auch klar, dass sich diese Menschen bemüht haben, bestmögliche Kombinationen hinzubekommen, für die man zum Schluss Geld ausbezahlt bekommt, und er konnte sich schon denken, dass diesem Handeln eine Absprache zwischen den Beteiligten vorausging. Aber dies alles empfand Johann als nebensächlich. Er sagte, diese Absprachen, die jedem Laien offensichtlich sind, also die rein formalen Angelegenheiten, seien nur eine Scheinwelt der Realität, und das habe mit dem wahren Wesen dessen, was unter der Oberfläche der Tatsachen vorging, so gut wie nichts zu tun. Man habe es mit einem gesellschaftlichen Phänomen zu tun, dessen wahren Gründe und Ursachen, wie es bei solchen Phänomenen schon immer der Fall sei, tiefer liegen würden. Was aber konkret in der Tiefe des Phänomens liegt, darüber etwas zu sagen war Johann nicht bereit. Er müsse, so seine immer gleiche Antwort, über alles in der Stille der Einsamkeit gründlich nachdenken. Nur etwas konnte er sofort mit Sicherheit sagen. Die Handelnden machen nichts aus freien Stücken, möge dies sogar ihnen selbst so scheinen. Sie täuschen sich - so Johann immer wieder - wenn sie meinten, sie hätten den Wert einer Kartenkombination selber bestimmt. Möglicherweise könnten sie selbst bestimmen, welche Kombination mehr wert sein sollte, aber da handle es sich letztendlich nur um eine unwichtige und nichts sagende Formalität, nicht aber um das Wesen ihres Handelns. Schließlich sei auch der Wert bzw. Geldwert der Kartenkombination, wie auch immer sie im Detail aussehen würden, eine Spiegelung dessen, was im Hintergrund wirklich abläuft. Aber so wie sich John nicht über den Sinn äußern wollte, so hartnäckig sträubte sich Johann, etwas konkret über das angeblich wahre Wesen der Spielgewinne zu sagen.

Johann hat also eine ontologisierte (essentialistische) Deutung des Kartenspiels abgeliefert, nach dem altbackenen Muster der Esoteriker, Mystiker und Metaphysiker. John hat das Kartenspiel als eine durch Regeln bestimmte soziale Handlung verstanden. Auch die regelbasierte Preisauffassung bei Smith war im Grunde etwas, was den Spielen ähnelt, aber damals, im 18. Jahrhundert, hätte er die wirtschaftliche Ordnung nicht als Spiel deuten können. Man hätte ihn für unseriös oder gar kindisch gehalten. Es hat fast zwei Jahrhunderte gedauert, bis man herausgefunden hat (John Neumann und Oskar Morgenstern, Spieltheorie und wirtschaftliches Verhalten, 1944) und sagen konnte, dass das Spiel eine Form des rationalen Entscheidungsverhaltens nach bestimmten Regeln ist, und dass es damit viel mit der Funktionsweise der Wirtschaft gemein hat:

  • Jeder Spieler bemüht sich (Leistungsprinzip)
  • Jeder investiert und geht ein Risiko ein (Risikoprinzip)
  • Jeder handelt rational (homo oeconomicus)
  • Jeder versucht das Maximale zu erreichen (Nutzenmaximierungsprinzip)

Die Ähnlichkeiten zwischen dem Spiel und der Wirtschaft sind also nicht nur umfassend, sondern auch grundsätzlicher Natur. Deshalb konnten die Regeln zum Schlüsselbegriff für die Erklärung der Preisbildung werden. Durch sie lassen sich die Preise noch besser erklären, als durch die „Werte“, weil sie mehr Faktoren des menschlichen Handelns berücksichtigen können, aber darüber später. Was die Regeln betrifft, soll hier noch erwähnt und hervorgehoben werden, dass sie analytisch noch mehr leisten können, als nur die Preise zu erklären. Das hat schon Smith herausgefunden. Bei ihm sind die Regeln die Grundlage der Konzeption einer historisch völlig neuen Ordnung, einer die keine hierarchische Lenkung benötigt. Dieser Aspekt der ökonomischen Theorie von Smith wurde aber bald völlig vernachlässigt. Die Spieltheorie war ein neuer Versuch in diese Richtung, so dass es angebracht ist, noch etwas über sie zu sagen. Vor allem geht es uns jetzt darum, zu verdeutlichen, warum beide Versuche so schnell an den Rand des theoretischen Interesses verdrängt werden konnten bzw. warum der wertbasierte Ansatz so leicht das ökonomische Denken erobern konnte.

Die anfänglichen Erfolge der Spieltheorie, verschiedene Verhaltensweisen der Menschen beim Tausch zu erklären, haben die berechtigte Hoffnung geweckt, dass das Spiel als ein neues Paradigma die neoliberale Maschine ersetzen wird. Dass dies nicht geschah, dazu haben auch die inneren Schwächen der Spieltheorie beigetragen.dorthin  Es spricht aber vieles dafür, dass zu einem so schnellen - und rein wissenschaftlich betrachtet bestimmt nicht berechtigten - Niedergang der Spieltheorie auch etwas anderes viel wesentlicher beigetragen hat: die politischen bzw. ideologischen Gründe. Das Spiel als Paradigma war für die Machteliten äußerst gefährlich. Was würde nämlich das Volk über seine Reichen und Privilegierten denken, wenn man sagen würde, dass die sozialen Unterschiede nicht gottgegeben und auch nicht leistungsbedingt, sondern vornehmlich das Ergebnis der Verteilungsregeln sind? Und dann würde dem Volk eine weitere gefährliche Frage in den Sinn kommen: Wer hat diese Regeln auserwählt? Bei der Suche nach der Antwort würde man schnell herausfinden, dass gerade diejenigen, die reich und privilegiert sind, die Regeln bestimmt haben, nach denen sie selbst reich und privilegiert geworden sind.

Diese „schlimmen“ Indizien der Spieltheorie musste man nicht erst erahnen. Die Spieltheorie hat nämlich selber nie ihre Verwandtschaft mit dem frühen Liberalismus verheimlicht, und dies konnte der Klasse der Besitzenden die Augen öffnen. Smith konnte sich bekanntlich nicht im Entferntesten vorstellen, dass Besitz und Einkommen etwas mit der individuellen Leistung zu tun haben könnten. Einer, der diese Auffassungen später aufgenommen hat und sie durch aktuelle Tatsachen als endgültig bestätigt sah, war John S. Mill. Seine Ansicht über die Einkommensverteilung in dem bereits real funktionierenden Kapitalismus bedarf in der Tat keiner zusätzlichen Erklärung:

„Die Gesetze und Bedingungen der Produktion von Vermögen zeigen den Charakter physikalischer Wahrheiten; hier gibt es nichts Wahl- und Willkürliches. Alles von Menschenhand Produzierte muß in der Art und Weise und unter den Bedingungen produziert werden, die durch das Wesen der äußeren Dinge ... gegeben sind. ... Anders verhält es sich mit der Verteilung des Vermögens. Diese ist eine rein menschliche Einrichtung. ... Die Gesetze, durch welche sie bestimmt ist, sind so, wie die Ansichten und Gefühle des herrschenden Teiles der Gemeinschaft sie gestalten, und sie sind in verschiedenen Zeiten und Ländern sehr verschieden; sie würden es noch mehr sein, wenn die Menschheit es wollte.“ ... >

Bald nach Mills Tod begann aber die große ideologische Wende in der liberalen Theorie. Die Aussage, wie die gerade zitierte, war für die nächste Generation der Liberalen ein rotes Tuch. Für sie sollte die freie Marktwirtschaft vor allem als ein perfekter Mechanismus für die Verteilung des Einkommens nach individueller Leistung verstanden werden. Folglich wurde der neue Liberalismus, der sogenannte Neoliberalismus (Neoklassik) zugleich auch eine Abrechnung mit der eigenen Vergangenheit. Und man hatte auch keine Probleme damit, anstatt sachlich zu bleiben auch persönliche Schuldzuweisungen zu machen. Es ist nicht uninteressant, sich daran zu erinnern.

Jevons, der geistige Vater des englischen Neoliberalismus, wirft Mill vor, er hätte mit seiner Verteilungstheorie die ganze Wirtschaftswissenschaft auf ein Nebengleis geschoben. Bei diesem Vorwurf ist es schon nicht richtig, die ganze „Schuld“ bei Mill zu suchen. Da ist Jevons offensichtlich etwas Wesentliches entgangen, oder er hatte einfach nicht genug Zeit, sich mit der Problematik näher und ernsthafter zu beschäftigen. Er war bekanntlich ein sehr beschäftigter Mensch. Vor allem hat er sich sehr engagiert, die außerirdischen Kräfte aufzuspüren, welche die ökonomischen Krisen verursachen. Bei ihm - wie bei allen Neoliberalen - war es eine ausgemachte Sache, dass es solche bösartigen Kräfte geben muss, denn eine so perfekte Einrichtung wie die Marktwirtschaft würde doch in der Praxis perfekt funktionieren. Und er hat schließlich den Übeltäter auch ertappt: die Sonnenflecken. Aber nicht nur das hat Jevons viel Zeit gekostet. Er studierte eifrig die klassische Mechanik, um sein wichtigstes ökonomisches Werk zu schreiben (Die Theorie der Politischen Ökonomie), das notgedrungen auch die Studenten des ersten Semesters der technischen Universität nutzen könnten. Aber wie dem auch sei, war es trotzdem nicht ganz korrekt von ihm, Mill zum „Hauptschuldigen“ zu machen. Zum Glück hatte er schon seine Verbündeten in dem Kreuzzug gegen den alten Liberalismus, zu denen auch Menger, der geistige Vater des deutschen (österreichischen) Neoliberalismus gehört hat. Er - wie man es von einem deutschen Pedanten erwarten konnte - ließ sich nicht durch Mill täuschen, sondern er packte das Unheil an seinen Wurzeln. Smith habe - so seine heftigen Vorwürfe - die „individualistische Methode“ nicht beachtet und sie eigentlich nicht richtig begriffen. Und da hat Menger recht. Smith war in der Tat kein Individualist. Seine Denkweise war keine individualistische, sondern eher eine kollektivistische oder noch besser gesagt holistische. Und wenn wir schon Menger erwähnen, fügen wir noch hinzu, dass auch er sich mit den Naturwissenschaften bestens auskannte - zumindest war er selber davon fest überzeugt. Erinnern wir uns nur daran, dass er unter anderem herausgefunden hatte, dass die Chemiker sich täuschen würden, wenn sie meinten, sie hätten mit „Realbegriffen“ zu tun. Die chemischen Elemente, wie etwa „Gold, Wasserstoff, Sauerstoff, und die Verbindungen derselben“ gäbe es empirisch nicht.

Den Wirrköpfen dieser Art ist es aber bald gelungen, den Kampf um die Deutungshoheit über den Liberalismus zu gewinnen. Dies wäre bestimmt nicht möglich, wäre der neue Liberalismus nicht eine Ideologie, welche den Reichtum, die Macht und die Privilegien der neunen Klasse der Kapitalbesitzer legitimiert. Der Siegeszug der neoliberalen Theorie wurde nur einmal im 20. Jahrhundert gestoppt, nach der Großen Depression. Auch in Deutschland hat man sich damals für eine kurze Zeit von dem Neoliberalismus (Neoklassik) distanziert, was hier kurz erwähnt werden soll. Als nämlich die Weimarer Wirtschaft mit immer neuen neoliberalen Maßnahmen endgültig ruiniert wurde, hat eine kleine Gruppe von erschrockenen und ratlosen Ökonomen ihren dogmatischen Glauben an die uneingeschränkte ökonomische Freiheit verloren. Man bezeichnete diese Konvertiten später als Ordoliberale. Sie suchten nach dem „dritten Weg“ mit den „Ordnungsrahmen“, ohne dass es ihnen je gelungen ist, herauszufinden, was diese Begriffe überhaupt bedeuten. Aber in der ökonomischen Theorie ist es schon ein großer Fortschritt, wenn die Tatsachen nicht der Theorie zuliebe geopfert werden. Und diesbezüglich verdienen die Ordoliberalen eine gewisse Anerkennung. Was die Einkommens- und Reichtumsverteilung in dem voll entwickelten Kapitalismus betrifft, stellt Alexander Rüstow in einer Rede ohne wenn und aber fest:

„Herr Vorsitzender! Meine Damen und Herren! An der prunkvollen Markuskirche in Venedig steht in goldenen Lettern geschrieben: »Omnis dives aut iniquus aut iniqui heres«, d. h.: Jeder Reiche ist entweder selber ungerecht oder der Erbe eines Ungerechten. Anders ausgedrückt: Jedes Vermögen oder Einkommen, das die Normalgrenze wesentlich überschreitet, kann nur durch Ungerechtigkeit, kann nur auf unmoralische Weise zustande gekommen sein. Meine Damen und Herren, das ist ein alter Spruch, der schon bei den Kirchenvätern zitiert wird, aber er entbehrt auch nicht der aktuellen Bedeutung. “ ... >

Noch etwas, was Rüstow schon damals - also vor fast einem halben Jahrhundert - sagte, verdient an dieser Stelle erwähnt zu werden.

„In Wirklichkeit geht es aber regelmäßig so, daß die bisher ungerechter Weise bevorzugte Gruppe ein wüstes Geschrei erhebt, weil sie die bisher genossene ungerechte Bevorzugung als wohlerworbenes Recht ansieht. Es kommt sogar vor, daß eine solche Gruppe dann, wenn die Änderung durchgeführt ist, auch noch Entschädigungsforderungen erhebt. Das ist ja nun die Höhe. Diesen Leuten pflege ich zu sagen: Seid zufrieden, daß wir nicht umgekehrt fordern, daß ihr von den Einnahmen, die ihr jahrelang zu Unrecht auf Kosten anderer gehabt habt, wieder etwas herausgebt. Das wäre eigentlich eine Forderung der Gerechtigkeit. Aber umgekehrt für eine vernünftige, gerechte Änderung der Dinge auch noch Entschädigung zu verlangen, ist doch geradezu haarsträubend. “ ... >

Die Aktualität dieser Aussage wird uns überaus deutlich, wenn wir über das Verhalten der gescheiterten Manager der kollabierten Banken nachdenken. Unsere Banken wurden gerade mit Hunderten von Milliarden der (zukünftigen) Steuerzahler vor der Pleite gerettet, und was tun die Bankiers? Als ob gar nichts geschehen wäre, gilt es ihnen als selbstverständlich, dass man ihnen jetzt, da das Geld nun wieder da ist, die irgendwann davor vertraglich vereinbarten Belohnungen für ihre schwer erarbeiteten besonderen Leistungen auszahlen muss.

Wenn man nur ein bisschen mit offenen Augen die Welt beobachtet, was würde man noch bei den Reichen erfahren können. Haben sie irgendwelche Werke errichtet, die die Zivilisation voran gebracht hätten? Haben sie irgendwelche Erfindungen gemacht, die das Leben der Menschen verbessert hätte - was ihnen die Arbeit erleichtert oder ihren Körper gesunder macht? Sind die Reichen die größten Wissenschaftler oder Künstler? Nichts davon wird man bei ihnen finden. Es ist eigentlich äußerst selten, dass jemand auf diese Weise im Kapitalismus reich geworden ist. Der Soziologe Claus Offe hat „Leistungsprinzip und industrielle Arbeit“ in dem entwickelten Kapitalismus ausführlich untersucht und ist zu den folgenden Schlussfolgerungen gekommen:

„Das bestehende System von Lohnrelationen beruht vielmehr auf einer Hierarchie positionsspezifischer Ansprüche, die durch einen relativ stabilen Konsensus der Beteiligten sanktioniert sind. Dieser Konsensus wird durch die Fiktion der technischen Begründbarkeit der Geltungs- und Lohnhierarchie stabilisiert. In Wahrheit beruht diese Hierarchie jedoch tendenziell ausschließlich auf kulturellen Definitionen der legitimerweise mit Arbeitsfunktionen verbundenen Statusansprüche. “ ... >

Offe stellte zugleich fest, dass das individuelle Leistungsprinzip sowohl status-legitimierende wie repressive Funktionen der kapitalistischen Ordnung erfüllt, wobei letztere Funktion immer mehr an Bedeutung gewinnt. Ihm wurde auch klar, dass dies nicht die ursprüngliche Vorstellung der Liberalen war, sondern dass es eine ideologische Kehrtwende im Liberalismus gab, wonach die ursprüngliche Tendenz „from status tu contract“ durch die Tendenz „from contract to status“ abgelöst wurde. So etwas muss gar nicht verwundern. Es ist eine alte geschichtliche Erfahrung, dass neue revolutionäre Lehre irgendwann später die Partei der neuen Klasse der Herrschenden ergreift. Man erinnert sich daran, wie der Marxismus als Stalinismus zur Ideologie der neuen Klasse der Parteibürokraten wurde. Die Verunstaltung des ursprünglichen Liberalismus zum Neoliberalismus hatte denselben Zweck: die Schaffung einer Ideologie für die Herrschaft der Klasse der Kapitalsbesitzer.

Die wertkonzipierten ökonomischen Theorien, welche das ökonomische Denken nach Smiths Tod kolonisiert haben, verdanken also ihren Erfolg nicht ihren wissenschaftlichen Ergebnissen, sondern den ideologischen Diensten, die sie verrichteten. Der Kapitalismus hat bekanntlich die Gesellschaft in zwei neue antagonistische Klassen gespalten, die ihre Ideologien brauchten und da haben diese Theorien ihre beste Verwendung gefunden. Aber auch die Schwächen des Liberalismus, so wie man sie von Smith geerbt hat, dürfen dabei nicht übersehen werden. Dazu sagen wir gleich etwas mehr. Weil wir aber danach die Smithsche bzw. die regelkonzipierte Auffassung der Ordnung für eine Zeit außer Acht lassen, um sie erst irgendwann später zum Thema zu machen, sollten wir über sie noch ein paar Worte verlieren.

Dank der Kybernetik, die vor gut einem halben Jahrhundert als neue Wissenschaft entstanden ist, konnte uns klar werden, was die frühliberale  „natürliche Ordnung“ wirklich war, nämlich die erste Konzeption der geregelten Ordnung. Alle Lehren vor ihr, wie auch der Marxismus und der Neoliberalismus danach, sind Konzeptionen der gesteuerten (hierarchischen) Ordnung. Das Steuern und das Regeln sind die zwei einzigen Möglichkeiten, wie eine Ordnung erhalten bleiben kann. Tertium non datur. Eine Ordnung der Freiheit gibt es nicht. Sie ist nur eine gezielte ideologische Täuschung. Wenn man aber ein System erfolgreich regeln will - das wissen wir aus der Kybernetik -, muss man es zuerst verstehen. Und das ist den Frühliberalen und den Spieltheoretikern nicht ganz gelungen. Genauer gesagt: Sie hatten eine hervorragende Preistheorie, aber keine richtige Theorie der Produktion. Sie wussten also nicht, wie sich die Produktion in die ökonomische Analyse integrieren lässt. In der Sprache des Soziologen Niklas Luhmann würde man sagen: Ihre theoretischen Entwürfe (Modelle) waren unterkomplex. Was nun?

In den nächsten Beiträgen stelle ich meine Auffassung vor, wie man die Produktion in die ökonomische Theorie richtig integriert. Danach wird eine ausführliche Analyse über die Funktionsweise der Wirtschaft folgen, aus der deutlich wird, welche „Konstruktionsfehler“ die Ursache des Marktversagens sind und warum die (laissez faire) Marktwirtschaft nicht anders als zyklisch verlaufen muss. Da wird sich unter anderem auch zeigen, dass das Geld nicht die Wurzel allen Übels ist, wie es in den monetären Nachfragetheorien angenommen wird, dass es aber der wichtigste Teil der Lösung sein kann. Wenn man all die neu gewonnen Erkenntnisse und die Lösungen bündelt, wird dabei eine geregelte Ordnung herauskommen. Ich werde damit dem Werk von Adam Smith eine analytisch stringentere Form verleihen und es vervollständigen, indem ich mich auf die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse stütze, vor allem die der Kybernetik. Das ist nun der grobe Überblick über das, was folgen wird. Der Beginn dieses Weges ist die Produktionstheorie bzw. die Kritik der bisherigen Produktionstheorien.

Produktionstechnische Gesetzmäßigkeiten („Koeffizienten“) anstatt Werte

Die Begriffe und die Methode des neuen Paradigmas lassen sich natürlich immer aus sich heraus erklären. Ich könnte also die neue Konzeption der Produktion als ein Kreislaufmodell mit den technischen und distributiven Koeffizienten auf einem direkten Wege darstellen und erklären. Doch sollte man bedenken, dass der schnellere Weg nicht immer auch der bessere ist. Jedes neue Wissen beruht nämlich auf einem vorherigen Wissen: das Unbekannte lässt sich nur mit dem Bekannten erklären. Das ist der Grund, warum ich in den nächsten Beiträgen zuerst die gängigen Auffassungen - die aus der neoliberalen oder marxistischen Theorie gut bekannt sind oder sogar als selbstverständlich gelten -, kurz vorstelle. Ich zeige dann, wo und warum sie versagt haben bzw. wie sie sogar in sich selbst widersprüchlich sind. Daran knüpfe ich an und erkläre neue Begriffe, die dann der Teil eines neuen Paradigmas sein werden.

Uns wird aber nur sehr wenig von den marxistischen und neoliberalen Theorien interessieren, nicht viel mehr als die Idee, mit der bei diesen Theorien der Begriff Wert verstanden wird. Beide Theorien wurden zwar im 19. Jahrhundert entwickelt, ihre Grundlagen beruhen aber auf bestimmten Überlegungen und Auffassungen, die bereits im Jahrhundert davor bzw. noch früher entstanden und diskutiert worden sind, was verdient zumindest kurz erwähnt zu werden. Schon aus dem Grund, dass sich der Sinn dieser wichtigen Ideen an ihrer Quelle leichter erkennen lässt.

Der Wert und der Mehrwert bei Quesnay und den französischen Physiokraten

Wir haben William Petty (1623-1687) schon erwähnt, als den ersten Ökonomen, der sich mit der Statistik („politische Arithmetik“) beschäftigt hat. Er war auch der erste, der in der Arbeit den aktiven Schöpfer des Reichtums gesehen und damit der Arbeit exklusive Verdienste bei Schaffung des „Reichtums“ eingeräumt hat. Damit hat er sich laut Marx den Verdienst erworben, als der Begründer der Arbeitswertlehre anerkannt zu werden. Marx hat bekanntlich aus der Arbeitswertlehre „radikale“ Schlussfolgerung gezogen, und zwar, dass den Arbeitern der ganze Ertrag ihrer Arbeit gehören sollte, was aber Petty nie im Sinn gehabt hatte. Nach Auffassung von Petty sollte das Gesetz „dem Arbeiter gerade das noch zum Leben Notwendige zugestehen; denn wenn man ihm das Doppelte zugesteht, dann arbeitet er nur halb soviel, wie er hätte tun können und andernfalls getan hätte; das bedeutet für die Gesellschaft einen Verlust des Ergebnisses von soviel Arbeit.“ Dass diese Auffassung vom Standpunkt der Gerechtigkeit und des Leistungsprinzips nicht besonders folgerichtig ist, hat Petty wenig gekümmert. Man sollte ihm dies aber nicht hoch anrechen. Die Denker dieser Zeit haben sich um die Interessen des gemeinen Volkes wenig gekümmert. Auch sollten wir nicht gleich folgern, dass seine Auffassung, die Arbeit sei der einzige produktive Faktor - wie man es heute ausdrücken würde - direkt zur Arbeitswertlehre à la Marx führt. Man brauchte nämlich dazu noch den Begriff Mehrwert. Aber auch dazu hat Petty zumindest den ersten Schritt getan. Von ihm stammt der Satz, der lange eine ungeheuere Popularität genossen hat:

„Die Arbeit ist der Vater und das aktive Prinzip des Wohlstandes, so wie der Boden seine Mutter ist,“

Mit diesem populären Satz ist Quesnay später (1694-1774) - nach fast einem Jahrhundert - zur Auffassung von produit net gelangt, die später bei Marx als der berühmte Mehrwert zur wichtigsten analytischen Größe wurde. Aber Quesnay wollte mit seinem produit net nicht dasselbe erreichen wie Marx, sondern das Gegenteil. Quesnay wollte nämlich beweisen, warum die Arbeit doch nicht den ganzen Ertrag bekommen sollte. Das produit net hat also die Wege geöffnet, die in genau gegensätzliche Richtungen laufen, was uns ahnen lässt, mit welcher abstrusen Beliebigkeit wir bei den Werttheorien zu tun haben werden. Aber zuerst wollen wir uns deutlich machen, welche Überlegungen und Auffassungen zum produit net geführt haben.

Der Bezugspunkt der Physiokraten war die Landwirtschaft, in der sich unmittelbar folgender Zusammenhang feststellen lässt: Wird Weizen im Speicher aufbewahrt, bleibt seine Menge unverändert. (Wenn man den Weizen nicht konsumiert.) Wie kann man aber die Weizenmenge vermehren? Die einzige Möglichkeit ist, ihn im Boden zu platzieren. Da liegt der Gedanke nahe, dass sich für den Überschuss, der auf diese Weise entsteht, der Boden verdient gemacht hat, und nicht etwa das Saatgut bzw. der Weizen. Nachdem dieses Denkmuster geschaffen wurde, ließ es sich auch anderswo anwenden. Man könnte nämlich annehmen, dass für den Produktionsfaktor Arbeit auch dasselbe gelten sollte, wie für den Weizen. Man könnte also sagen, dass auch die Leistung der Arbeit nur soviel wert ist, wie nötig ist, dass der Arbeiter seine Arbeitskraft biologisch reproduzieren kann. Diese Menge, die für den minimalen Erhalt des Arbeiters nötig ist, wurde als Existenzminimum bezeichnet. Ist das Ergebnis der Arbeit größer, dann wäre dieser Überschuss, also produit net, die Leistung eines anderen Faktors. Bei Quesnay käme dann nur der Boden in Frage. Dieser Fall können wir durch eine kleine Änderung an dem uns schon aus vorigen Beiträgen bekannten Bild anschaulich machen.

Man braucht nicht groß nachzudenken, um zu merken, dass die Begriffe Existenzminimum und folglich auch Mehrwert für praktische Zwecke nicht tauglich sind. Wir wissen nämlich nicht, was „zum Leben Notwendigen“ gehören soll. Wie viel braucht ein Mensch, nur um sich biologisch zu „reproduzieren“? Nur die minimale Zahl der Kalorien? Ganz bestimmt auch etwas zum Anziehen und zum Wohnen, aber wie viel? Und wie viel sollte ihm für die Gesundheit ausreichen? Und für die Ausbildung? Könnte ihm darüber hinaus etwas für die kulturellen Bedürfnisse zugebilligt werden? Wohin diese Beliebigkeit in der Praxis führte, kann man sich schnell ausdenken. Es wurde den Bodenbesitzern überlassen, nach eigenem Gutdünken zu entscheiden, was „zum Leben Notwendigen“ ihrer Untertanen gehören sollte. Der Rest würde dann ihnen gehören, weil ihnen als den Auserwählten Gott den Boden geschenkt hätte. Dass sie auserwählt sein sollten, das haben die feudalen Bodenbesitzer schon seit vielen Jahrhunderten von dem katholischen Klerus bestätigt bekommen. Nun hat ihnen Quesnay einen zusätzlichen „wissenschaftlichen“ Beweis dafür ausgehändigt. Die Schmarotzer und Betthüpfer auf dem königlichen Hofe, wo auch Quesnay als Arzt lebte, konnten also ihr parasitäres Dasein ohne Gewissensbisse weiter in vollen Zügen genießen. Aber ihre Tage waren bereits gezählt. Schon gut ein Jahrzehnt nach Quesnay Tod hat die große französische Revolution eine neue Herrschaftsordnung hervorgebracht. Die Bodenbesitzer wurden durch die Kapitalisten ersetzt. Für die Werttheorie von Quesnay bedeutete dies trotzdem kein Ende, im Gegenteil.

Sie hat sich als sehr flexibel und adaptionsfähig erwiesen. Man konnte nämlich den Boden mit dem Kapital austauschen. Aber nicht nur das. Die Preistheorie von Quesnay ließ sich auch als eine Boden-Arbeit-Wertlehre verstehen, also als eine Zweifaktoren-Werttheorie. Und wenn man schon bei der Zahl zwei war, brauchte man nur wenig Phantasie, um zur Zahl drei zu kommen, also dem Boden und der Arbeit den dritten Produktionsfaktor hinzufügen, das Kapital, oder auch noch weitere. Die Idee von Quesnay war eigentlich die Geburt der Idee der Produktivität der einzelnen - individuell genommenen - Produktionsfaktoren. Aber erst die Neoliberalen werden ausdrücklich behaupten, dass in jedem Produktionsfaktor eine ihm eigene (autochthone) Produktivkraft innewohnt.

Wie bereits angedeutet, werden wir jetzt kurz auf die zwei erfolgreichsten Werttheorien, die Marxsche und die neoliberale, zurückgreifen, ihre Mängel und Widersprüche zeigen und in der Fortsetzung dieser Kritik die Begriffe distributive und technische Koeffizienten klären, mit deren Hilfe sich die Produktion auf eine analytisch völlig neue Weise in die ökonomische Theorie integrieren lässt.

  zum nächsten Beitrag  
 
schmaler
schmaler
 
  11   zum Diskussionsforum caDF30