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  Was die Mathematik bedeutet und wie sie den Wissenschaften dient
  Grundlagenforschung und angewandte Wissenschaft à la manière allemande
       
   
Es gibt keine angewandte Wissenschaft, es gibt nur Anwendungen der Wissenschaft.
 
  Der französische Chemiker, Mediziner, Bakteriologe und Begründer der Mikrobiologie  Louis Pasteur    

Die historische Erfahrung zeigt uns, dass auch das komplizierte technische Wissen, mit dem vor einigen Jahrhunderten im Westen das industrielle Zeitalter begonnen hat, von nichtindustriell rückständigen Nationen kopiert und dann auch erfolgreich weiterentwickelt werden kann. Überzeugende Beispiele dafür liefern heute China und Indien, vor einigen Jahrzehnten waren es die „vier kleinen Tiger“  (Hongkong, Singapur, Taiwan und Südkorea) und im 19. Jahrhundert Deutschland und Japan. Aber nicht nur, dass eine „nachholende Industrialisierung“ möglich ist, sondern sie setze nicht einmal voraus, dass man dabei das westliche politische System und die aufklärerische und liberale Kultur übernimmt. So schreibt Helmuth Plessner in seinem Buch „Die verspätete Nation“, welches 1935 aufgrund von Vorlesungen an der Universität Gröningen entstand, über Japan:

„Japan hat gezeigt, wie ein nichtchristliches Land, außerhalb jeder Beziehung zum Griechentum, mit dem europäischen Fortschrittssystem fertig werden kann, ohne sich und seine Überlieferung aufzugeben. Es hat die Erfindungen und Arbeitsmethoden nach ihrer instrumentalen Bedeutung übernommen, aber keinen Versuch gemacht, das abendländische Ethos des Humanismus, der kapitalistischen Rechenhaftigkeit oder des faustischen Titanismus mitzuübernehmen. Es bedient sich des Europäismus zur Verteidigung gegen den Europäismus und lebt daneben sein überliefertes, eigentliches Leben ohne Fortschrittsideologie und Menschheitsutopien.“ ... >

Der ursprüngliche Weg in die Moderne, zuerst kommt die geistig-kulturelle Emanzipation vom Feudalismus und erst dann die Industrialisierung, hat sich also nicht als universal geltend bestätigt. Auch in Deutschland nicht. In dem vorhin genannten Buch wollte Plessner gerade diesen deutschen Sonderweg in das neue industrielle Zeitalter und zum modernen Nationalstaat erklären.

Anders als bei den westlichen Nachbarn, so seine Feststellung, wo als Träger des Nationalstaates eine neue Idee - etwa Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit - diente, war es in Deutschland die gemeinsame Abstammung. Es blieb aber nicht ganz ohne Folgen, dass Deutschland, anders als etwa Japan, geografisch ganz nahe den westlichen Zentren der Aufklärung und des Liberalismus lag. Der deutsche Denker und Philosoph konnte nicht in seiner mittelalterlichen feudalen Mentalität verkrochen bleiben und sich dem Trend der Säkularisierung völlig entziehen. Aber einen großen Sprung wagte er auch nicht. So ist er irgendwo auf halbem Wege stecken geblieben. Ihm

„ ... ist der religiöse Halt an der Offenbarung verlorengegangen. Nun sucht [er] den Halt an der neuen Wahrheit nicht in einem Jenseits hinter den Dingen, sondern diesseits der Dinge, vor ihnen, im Menschen. Alle Kritik an der Offenbarung geht in der Art zu Werke, daß sie geschichtliche Umstände und menschliche Urheber an die Stelle des göttlichen Urhebers setzt ... Auf der Suche nach dem verborgenen Diesseits arbeiten sich die zersetzenden Wissenschaften Schicht um Schicht tiefer an das Wesen des Menschen heran, weil sie hier den letzten und wahren Halt erhoffen, der durch die Entzauberung der christlichen Religion der Welt verlorenging.“ ... >

Bei der „Suche nach dem verborgenen Diesseits“ hat die deutsche Philosophie ein Schema für die Realitätsdeutung entworfen, mit dem sich sehr „geschickt“ die Realitätsfremdheit der neuen mathematischen ökonomischen Theorie rechtfertigen und verteidigen lässt.

Der deutsche philosophische Weg in die Moderne über die Platonsche Philosophie

Der bekannte britische Mathematiker und Philosoph Alfred Whitehead hat einmal bemerkt, dass die abendländische Philosophie nichts als eine Reihe von Fußnoten zu Platon sei. Ob dies allgemein stimmt, lässt sich bezweifeln. Wenn es um die deutsche Philosophie geht, ist seine Behauptung im Großen und Ganzen richtig. Diese Philosophie ist in der Tat durch und durch mit Platonschen Denkmustern und Denkfiguren durchsetzt. Erwähnen wir jetzt nur einige von ihnen.

Bei Platon ist die Demokratie von größtdenkbarem Übel. Auch kein deutscher Philosoph aus erster Reihe setzt sich für die Demokratie ein, unabhängig davon, ob er dem konservativen oder egalitären Flügel (Linkshegelianer, Marx) angehört. Die perfekte politische Ordnung nach Platon wäre eine absolute oder gar totalitäre Herrschaft der Philosophen-Könige. Auch der deutsche Philosoph kann sich eine gute gesellschaftliche Ordnung nicht anders als eine starre hierarchisch-elitäre Herrschaft vorstellen, in der die „Vernunft“ alle Macht hat. Er konnte die feudale Mentalität in seinem Kopf nicht überwinden. Man kann es so zusammenfassen:

Um die Französische Revolution herum verwandelte sich die moralisierende und literarische Öffentlichkeit in eine politische Öffentlichkeit. In Deutschland dagegen hat man das Moralisierende und Literarische zum Nimbus namens Kultur erhoben, um das Politische an den Rand des gesellschaftlichen Lebens zu verdrängen. An dieser Stelle ist es angebracht zu erwähnen, dass in dieser Hinsicht Deutschland gar nicht so verschieden vom zaristischen Russland war. Auch die Russen waren immer unheimlich stolz auf ihre Kultur - nur wir wollten davon nie Notiz nehmen, aus Gründen die man sich leicht vorstellen kann.

Die Ordnung der Vernunft sollte laut Platon deshalb die beste sein, weil sie die Ordnung des ganzen Universums widerspiegeln würde. Die von ihm bevorzugte hierarchisch-elitäre Herrschaft wäre also nur eine spezifische praktische Anwendung eines Schemas, nach dem alles was überhaupt existiert aufgebaut ist. Die Wirklichkeit sei laut Platon sozusagen zweigeteilt: in ein Reich der Ideen und eine Welt der Wahrnehmungen (Sinnenwelt). Das Reich der Ideen sei in jeder Hinsicht perfekt und das Vorbild für das Reich der Sinneseindrücke bzw. der Tatsachen, das aber von diesem Vorbild weit abweicht. Die Tatsachen seien also nur nachgeahmte, aber noch unterentwickelte und damit defekte Ideen. In der christlichen Theologie, welche die antike Philosophie ersetzte, würde man diese zwei Welten als Himmel und Erde oder Diesseits und Jenseits bezeichnen. Auch hier gilt, dass das Diesseits verpflichtet sei dem Jenseits zu folgen - wie, das sollte die allmächtige katholische Kirche bestimmen -, so dass in der Perspektive, nämlich nach dem jüngsten Gericht, das bereinigte Diesseits zum perfekten Jenseits wird. Die christliche Eschatologie hat die Idee der zeitlichen Perspektive der menschlichen Existenz gebracht, die der deutsche Philosoph unter die Platonische Metaphysik schiebt und sie in Bewegung setzt, woraus der Historismus entstanden ist - der Sonderweg der deutschen modernen Philosophie.

In einer Hinsicht passt aber der deutsche Historismus gut zum Zeitgeist der Moderne. Er trägt die Idee des Fortschritts in sich. Aber damit erschöpft sich die Verwandtschaft. Die Moderne hat sich nämlich von der platonischen Vorstellung der totalen Unterwerfung des Diesseits unter die Herrschaft des Jenseits befreit. Die neue analytisch-empirische Philosophie bei unseren westlichen Nachbarn hat sozusagen reinen Tisch gemacht: das Diesseits für sich behalten und das Jenseits der Theologie überlassen. Dem deutschen Philosophen fehlte aber dieser Mut. So wie er es sich nicht ohne zu schaudern vorstellen kann, sich in eine sozusagen einschichtige demokratische Gesellschaft einzuordnen, auf Augenhöhe mit dem einfachen und sinnesgeleiteten Bürger zu sein, so ist es für ihn auch undenkbar, dass er seine Vernunft auf die ganz gewöhnlichen und alltäglichen empirischen Tatsachen verschwendet. Weil es aber unmodern wäre nicht zu säkularisieren, wird nun von ihm das Diesseits zweigeteilt: in die Oberfläche mit den empirischen Tatsachen und in das „verborgene Diesseits“.

Für Kant ist die Zweiteilung der Realität in die „Erscheinungen“ und die „geistigen (intelligiblen) Dinge an sich“ eine solche Selbstverständlichkeit, die gar nicht hinterfragt werden muss oder gar darf. Folglich ist bei ihm auch die Vernunft zweigeteilt. Für die sinnenzugängliche Realität reicht schon die „praktische Vernunft“ (Verstand), für die dahinter liegende ist die „reine Vernunft“ unbedingt nötig. Die „reine Vernunft“ hat „theoretische Funktion“ und bietet allgemeine Gebrauchsanweisungen für die „praktische Vernunft“. Folglich können diejenigen, die nicht die Tiefe der „reinen Vernunft“ erreichen, nicht die Wirklichkeit richtig deuten und folglich auch nicht richtig praktisch handeln. Hier schlummern die totalitären Tendenzen der deutschen traditionellen Philosophie, die sich leicht missbrauchen lassen, wie es Plessner schon im Jahre 1935 ahnte und was in der Tat zum Verhängnis der „verspäteten Nation“ wurde.

„In der Kantischen Lehre sind zwei wesentliche Voraussetzungen des totalen Ideologiegedankens enthalten:
1. die Verstecktheit einer praktischen Gebrauchsbestimmung in einer theoretischen Funktion des menschlichen Geistes,
2. die Undurchsichtigkeit des Bewußtseins für sich selbst .“ ... >

Die exklusive Aufgabe der spekulativen Vernunft, die Suche nach den tiefer liegenden Prinzipien des Seins bzw. des „verborgenen Diesseits“, die sich angeblich nie aus dem unmittelbar Gegebenen herleiten lassen, wird bereits in der Antike als Metaphysik bezeichnet. In der angel-sächsischen Philosophie will man von der Metaphysik nichts mehr wissen. Sie wird als „zweifelhaft spekulativ“, „unwissenschaftlich“, „sinnlos“, „totalitär“ oder „nicht-empirische Gedankenspielerei“ abgelehnt. Wie geht aber der deutsche Philosoph mit der Metaphysik um. Kant ist noch guten Mutes. Es ist gerade „die Metaphysik, in welche ich das Schicksal habe, verliebt zu sein“, so sein Bekenntnis. Seine Nachfolger sind schon vorsichtiger und wollen sich nicht mehr so eindeutig zur Metaphysik bekennen, aber sie lehnen eher die Bezeichnung als den Inhalt ab. Sie sprechen lieber von der Wissenschaft. Marx etwa - auch wenn seine Dialektik nichts anderes als eine zeitliche Zweiteilung der Wirklichkeit und damit nichts anderes als eine reine Metaphysik ist - spricht ausschließlich von der Wissenschaft. Wir wissen, was aus seiner „Wissenschaft“ geworden ist, und nicht besser sieht es mit all den „wissenschaftlichen“ Spekulationen aller seiner früheren Kollegen (Hegel, Schelling, Fichte) aus. Keiner von ihnen hat je etwas Vernünftiges über die ersten und letzten Gründe der „tiefer liegenden“ Wirklichkeit gesagt. Auf keinen Fall etwas, was die Existenz des Menschen verbessern könnte - von den totalitären Entwicklungen, die diese Metaphysiker bewusst oder unbewusst angestoßen haben, ganz zu schweigen. Der Philosoph Herbert Schnädelbach, der sich aus unserer heutigen Perspektive mit dieser Problematik beschäftigt, fasst seine Überlegungen folgendermaßen zusammen:

„Offenbar verkörpert dieses so formulierte Ideal spekulativer Vernunft eine bestimmte Form intellektueller Weltflucht vor dem Hintergrund der Erfahrung. ... Der Metaphysiker ist demnach überzeugt, dass die Physik als die Wissenschaft von der Natur nicht die erste Wissenschaft sein kann, weil die allgemeinen Bestimmungen sowie die Gründe und Ursachen der natürlichen Dinge nicht in der Natur selbst zu finden sind, sondern nur im Reich des reinen Denkens. So ordnet auch Kant der Metaphysik immer noch die spekulative Vernunft zu, die den Bereich der sinnlichen Erfahrung überschreitet und sich „reine Vernunfterkenntnis aus bloßen Begriffen“ zutraut; und Kant zufolge war es Platon, der damit begann.“ ... >

Wenn das spekulative Wissen nur eine der Formen „der intellektuellen Weltflucht vor der Erfahrung“ wäre, also der Kultur wie etwa Musik und Poesie, ließe sich dagegen kaum etwas einwenden. Das Problem liegt aber darin, dass ein Wissen, für dessen Richtigkeit nur die Autoritäten haften, alle Grenzen zwischen Wissen und Beliebigkeit verwischt. Genauer gesagt ist es nur eine der Formen der Beliebigkeit und dass macht ein solches „Wissen“ gefährlich. Die Spekulative Vernunft ist der fruchtbarste Boden für den ideologischen Missbrauch der Wissenschaft. Deshalb lässt sich ahnen, dass die deutschen Ökonomen, die sich der reinen mathematischen Theorie von Walras und Pareto angeschlossen haben, nicht übersehen konnten, wie sich die deutsche klassische Philosophie bzw. ihre Erkenntnistheorie für ihre ideologischen Zwecke einspannen lässt.

Die angebliche Grundlagenforschung und die angewandten Wissenschaften

Hat man sich damit abgefunden, dass es neben den sinneswahrnehmbaren Tatsachen auch ein zweites verborgenes Sein gibt, kommt man schnell auf den Gedanken, die mathematische ökonomische Theorie von den Tatsachen freizusprechen und sie für dieses verborgene Sein zuständig zu erklären. Es war aber so, dass in Deutschland, noch bevor die neoliberale Theorie die Vorherrschaft gewinnen konnte, die ökonomische Theorie von der Historischen Schule der Nationalökonomie besetzt wurde. Sie war auch ein deutscher Sonderweg in der Wirtschaftswissenschaft und zugleich ein Produkt der deutschen Philosophie bzw. Denkweise. Diese ökonomische Schule war viele Jahrzehnte sozusagen mainstream der deutschen Wirtschaftswissenschaft. Sie blieb bis zu ihrem Ende hartnäckig und wollte sich nie der neuen mathematischen ökonomischen Theorie öffnen, so dass sich die „Analytiker“ in Österreich (Wien) organisiert und von dort aus ihren neoliberalen Kreuzzug gegen die „Historiker“ gestartet haben. Der Initiator und wichtigste Wortführer war der bereits erwähnte Carl Menger (1840-1921). Mit seinem Werk Untersuchungen über die Methode der Socialwissenschaften und der Politischen Oekonomie (1883) löste er den ersten Methodenstreit zwischen den deutschen Ökonomen und Sozialwissenschaftlern, der jahrelang andauerte, aus.

Die zentrale These von Menger war, dass „die Erkenntniswege, die Methoden der theoretischen Nationalökonomie und der praktischen Wissenschaften von der Volkswirtschaft nicht die gleichen sein können“. Im Klartext, jede Wissenschaft würde sich aus zwei völlig verschiedenen Wissenschaften zusammensetzen: aus einer theoretischen und einer praktischen Wissenschaft. Die erste, die sich angeblich gar nicht mit den empirischen Tatsachen beschäftigt, bezeichnet er entsprechend als theoretische, die zweite als historische Wissenschaft. Weil diese zwei Wissenschaften angeblich so verschieden sind, müsse man sie unbedingt auseinander halten:

„Die Theorie der Volkswirtschaft darf in keinem Falle mit den historischen, oder mit den praktischen Wissenschaften von der Volkswirtschaft verwechselt werden. Die theoretische Nationalökonomie kann nie als eine historische, oder, wie manche wollen, als eine praktische Wissenschaft aufgefasst werden.“ ... >

Das heißt, die Funktionsweise der Wirtschaft sollte nicht aus den empirischen Tatsachen, sondern aus der Theorie erklärt und innerhalb der Theorie endgültig nachgewiesen werden.

„Wir haben eine Erscheinung erkannt, wenn das geistige Abbild derselben zu unserem Bewusstsein gelangt ist; wir verstehen dieselbe, wenn wir den Grund ihrer Existenz und ihrer eigentümlichen Beschaffenheit (den Grund ihres Seins und ihres So-Seins) erkannt haben.“ ... >

Und wenn in unserem Bewusstsein das geistige Bild von der Realität und die empirische Realität nicht identisch sind? - fragen wir nüchtern. Auch dafür bekommen wir von Menger eine „strenge“ Erklärung. Mit der Diskrepanz zwischen den Tatsachen und den theoretischen Schlussfolgerungen müsse man sich einfach abfinden, weil .

„ ... die Methoden der theoretischen Nationalökonomie und der praktischen Wissenschaften von der Volkswirtschaft nicht die gleichen sein können.“ ... >

Ein solcher Methodenstreit war wirklich nur in Deutschland möglich und er ist in der Tat immer nur eine deutsche Angelegenheit geblieben. Die Anhänger der mathematischen Theorie konnten nämlich ihre Argumente von zwei Wissenschaftsarten nur in Deutschland problemlos vorbringen, weil sie sich auf die Autorität der dortigen mainstream Philosophie bzw. Metaphysik stützen konnten. Die deutschen „Analytiker“ waren zugleich überzeugte Antimarxisten, aber seltsamerweise war es ein Glück für sie, dass die russischen Bolschewiki siegten: Der Marxismus hat nämlich die bereits langsam sterbende deutsche Art zu philosophieren zu neuem Leben erweckt. Aber auch der Marxismus konnte das Leben der deutschen Metaphysik nur um einige wenige Jahrzehnte verlängern. Immerhin konnte der Zusammenbruch des Kommunismus den endgültigen Beweis erbringen, dass die „Suche nach dem verborgenen Diesseits“ von Anbeginn eine Sackgasse war. Wir können nun endgültig einen Strich ziehen: Die „reine Vernunft“ hatte nie etwas hinter den Tatsachen gefunden.

„Das Philosophieren verfügt über keinen eigenen Realitätszugang; immer ist er durch Erfahrung und die empirischen Wissenschaften vermittelt. Bloßes Denken ist noch kein Erkennen. ... Daraus könnte man ableiten - und das ist auch immer wieder versucht worden -, das philosophische Denken sei entweder die Tätigkeit der ersten Begründung des wissenschaftlichen Wissens oder die der Systematisierung zu einem allumfassenden wissenschaftlichen Weltbild. Philosophie als Grundlagenwissenschaft oder als Wissenschaftssynthese - mit diesen Programmen war stets das Bild vom Fundament oder vom Dach des Hauses der Wissenschaft verbunden; beide Vorstellungen halte ich für irreführend.
Wenn mit ,Grundlagen‘ die grundlegenden Erkenntnisse einer wissenschaftlichen Disziplin gemeint sein sollen, so gehören die immer schon dieser Disziplin an; es ist nichts Philosophisches an ihnen. Was Materie ist, sagt uns der Kernphysiker, und was das Leben, die Biologen, und wenn sie es den Philosophen nicht sagen, können die es auch nicht wissen. Die Dach-Metapher hingegen ist geeignet, die Philosophie hoffnungslos zu überfordern: Wie sollte ein Philosoph, der die Wissenschaften nicht wirklich kennt, deren Resultate zu einer alles umfassenden Weltsicht zusammenführen können, ohne die größte Konfusion anzurichten?“ ... >

Je offensichtlicher es wurde, dass die Metaphysik nach der deutschen Manier zwar viele Worte und geistreiche rhetorische Figuren aber keine praktischen Ergebnisse produziert, konnte auch die mathematische ökonomische Theorie immer weniger überzeugend als „reine“ Theorie verteidigt werden. Außerdem - um es noch einmal zu unterstreichen - war diese Art, die neoliberale Theorie zu verteidigen immer ein Spezifikum der „verspäteten Nation“ geblieben, so dass man damit bei den traditionell liberalen Nachbarn kaum jemanden beeindrucken konnte. Man musste sich also etwas anderes ausdenken. Auch hier hat sich Schumpeter - wie so oft - als sehr innovativ erwiesen. Ihm fiel eine spitzfindige Idee ein, mit der er sich wieder einmal den Applaus der neoliberalen Intellektuellenschickeria redlich verdiente.

Dass die mathematische Theorie keinen konkreten Nutzen vorweisen könne, so Schumpeter in aller Deutlichkeit, sei nichts Problematisches, im Gegenteil. So etwas gelte bei allen Wissenschaften als völlig normal. Die „reine“ ökonomische Theorie beschäftige sich nämlich damit, was man in den Naturwissenschaften als Grundlagenforschung bezeichnet. Für die praktischen Probleme seien folglich die sogenannten angewandten Wissenschaften zuständig. Schumpeter hat uns jedoch nie verraten, wo die von ihm gemeinten angewandten Wissenschaften zu finden sind. Auch nach mehr als einem Jahrhundert gibt es bekanntlich noch keine praxistaugliche Wissenschaft, die sich aus der neoliberalen Theorie des allgemeinen Gleichgewichts entwickelt hätte. Aber einmal abgesehen davon, schon beim Vergleich der Wirtschaftswissenschaften mit den Naturwissenschaften liegt Schumpeter völlig daneben. Genauer gesagt, er bedient sich des sophistischen Tricks vom Typ der ignoratio elenchi. Wir verdeutlichen jetzt an einem Beispiel, worum es sich dabei handelt.

Eine Grundlagenforschung im großen Stil betreibt bekanntlich auch das CERN, die Europäische Organisation für Kernforschung (Conseil Européen pour la Recherche Nucléaire) in der Nähe von Genf. Aufgrund des Aufwandes ist dieses Großforschungsprojekt international organisiert und finanziert. Über 8.000 Gastwissenschaftler aus 85 Nationen arbeiten an den Experimenten um die Geheimnisse der Materie zu enträtseln. Das Jahresbudget des CERN belief sich 2008 auf ungefähr 700 Millionen Euro. Nur einen kleinen Teil davon bekommen diejenigen, die ihren Kopf für das Denken benutzen, ein unvergleichbar großer Teil der Kosten entfällt auf den Teilchenbeschleuniger, dessen unterirdische Beschleunigerringe und Experimentierstationen sich geografisch auch auf französischem Staatsgebiet ausbreiten. Diese fast sündhaft teure Ausrüstung dient der „Produktion“ der empirischen Tatsachen, von denen selbst aber niemals ein praktischer Nutzen kommen wird. Sie dienen ausschließlich der Prüfung und Fortentwicklung der Theorien. Das heißt, die Grundlagenforschung in den exakten Naturwissenschaften ist ein ständiger Austausch zwischen der Theorie und der Empirie. Und genau da liegt der springende Punkt:

Die „reinen“ naturwissenschaftlichen Theorien - die übrigens nie als „rein“ bezeichnet werden - haben ihren eigenen unmittelbaren Zugang zu den konkreten empirischen Tatsachen, an denen sie ihre theoretischen Aussagen messen und bewerten.

Die theoretischen Ergebnisse der Grundlagenforschung kommen erst zur praktischen Anwendung nachdem sie sich empirisch als richtig erwiesen haben. Das gilt genauso für die Biochemie und die Physiologie, welche Schumpeter als Beispiele für die Grundlagenforschung in den exakten Wissenschaften vorweist. Auch diese Wissenschaften haben keine Chirurgie und keine Therapie nötig, wie Schumpeter meint, also keine zusätzliche angewandte Wissenschaft, um die Wirklichkeit zu erreichen. Ganz anders in der neoliberalen „Wirtschaftswissenschaft“. Dort erklärt man die rein spekulativen Ergebnisse eine Theorie, welche die Wirklichkeit nie zur Gesicht bekommen hat, für die Grundlagen einer Wissenschaft, nur weil eine Gruppe von „Experten“ davon überzeugt ist.

Wir fassen zusammen: Schumpeter will uns überzeugen, dass die theoretischen Ergebnisse der Grundlagenforschung der exakten Wissenschaften auch nur theoretisch sind, weil sie keinem praktischen Zweck dienen. Das stimmt. Aber darum ging es gar nicht. Es ging darum, ob die „reinen“ Theorien nur „rein“ bzw. spekulativ sind oder eine empirische Bestätigung haben. Und das ist etwas völlig anderes. Der logische Fehler bei Schumpeter ist also darin zu finden, dass er eine andere Behauptung beweist, als die in Frage stehende. Er liefert zwar für die von ihm unauffällig untergeschobene Behauptung einen gültigen Beweis, aber dieser ist für den vorliegenden Fall irrelevant. Verallgemeinernd lässt sich eine solche Vorgehensweise wie folgt formulieren:

Man tut so, als ob eine These bewiesen wird, obwohl sich die Argumentation auf eine andere These bezieht.

Das nennt man ignoratio elenchi oder Unterschieben einer These, was Schumpeter offensichtlich meisterhaft beherrscht, um seinen großen Helden Walras bzw. dessen unempirisches mathematisches Treiben zur Wissenschaft zu erklären.

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