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  Thomas Hobbes: Die wichtigste Zwischenstation auf dem Weg in die Moderne
  Hobbes zwei Denkinnovationen, die die Tür in die Moderne aufgestoßen haben
       
 
Er glaubte die Ursachen der Zwietracht zwischen den Menschen ergründet zu haben.
 
    John Graybekannter englischer Liberal, später ein Kritiker des Neoliberalismus    
 
Der Mensch als reines Vernunftwesen wäre keineswegs ein Engel: er wäre weit eher das Gegenteil.
 
    Konrad Lorenzberühmter österreichischer Zoologe und „Tierpsychologe“    
 
Hobbes ging von der grundlegenden Annahme aus, daß die Gegenstände der menschlichen Wahrnehmung - also die Gesamtheit der uns unmittelbar zugänglichen Erscheinungen und Sinneseindrücke - keiner äußeren Welt entsprechen und folglich auch keinerlei gesicherte Aussagen über deren tatsächliche Beschaffenheit erlauben. Der Mensch ist gewissermaßen ein Gefangener seines eigenen Geistes.
 
    Richard Tuckführender englischer Forscher der Geschichte des politischen Denkens    

Auch in den vormodernen Philosophien und Theologien waren die empirischen Tatsachen wichtig. Sie dienten aber nur zur Ausgestaltung der bereits als nachgewiesen geltenden Gedankengänge und ihrer Schlussfolgerungen, um diese verständlicher und glaubwürdiger erscheinen zu lassen. Zugespitzt ausgedrückt, mit den Tatsachen wurde „Werbung“ gemacht. Dagegen spricht nicht viel, und ist auch nicht unwissenschaftlich. Das Problem liegt anderswo. Mit den Tatsachen kann man manipulieren. Man kann sie so benutzen, dass sie eine völlig realitätsfremde Spekulation im Hintergrund bedecken, so dass sie ihr den Anschein geben, als ob sie eine Erklärung der realen Welt wäre. Die abstrakten Systeme sind davon besonders gefährdet. Je leerer ein Gedankengang ist, desto mehr Tatsachen kann er in sich aufnehmen, wie ein Schwamm das Wasser. Es gibt eigentlich keine Anschauung und Auffassung, die so abstrus wäre, dass man sie nicht mit scheinbar überzeugenden „echten“ Beispielen aus der realen Welt „ausschmücken“ könnte. Deshalb ist die quantitative Menge der Tatsachen allein ungeeignet um zu bewerten, ob sich eine Anschauung oder Auffassung auf die reale Welt bezieht. Würde dies reichen, dann könnte zum Beispiel auch die Platonsche Philosophie und seine Konzeption des „idealen Staates“ nicht als unempirisch bezeichnet werden, im Gegenteil. Aber sogar Mythen, Märchen und literarische Werke würde man dann nicht als unempirisch bezeichnen können.

Das war das Problem aller vormodernen Philosophien bzw. ihrer Anschauungen und Auffassungen. Am Anfang der Moderne wollten die Philosophen etwas dagegen tun und so ist die empirische Philosophie entstanden. Die alten Philosophen, so sagte es Francis Bacon (1561-1626), der wichtigste Wegbereiter dieser neuen Philosophie, entwickelten ihre Gewebe aus sich selbst heraus wie eine Spinne. Das von ihnen gesponnene Netz sei ordentlich ausgearbeitet, aber es sei nur eine Falle. Auch das Bestehende nur zusammenzutragen und zu gebrauchen, wie eine Ameise, wäre noch keine richtige wissenschaftliche Tätigkeit. Der wahre Wissenschaftler würde wie eine Biene arbeiten, die aus den Blumen Stoff sammle und ihn dann verarbeite. Ein sehr passendes Bild, um die revolutionäre Wende von der kontemplativen zur operativen Methode in der Erkenntnistheorie zu verdeutlichen. Was die Spinne fängt und die Ameise anhäuft, sind nur bestehende Tatsachen, die Biene schafft neue.

Die empirische Philosophie wurde zur wichtigsten intellektuellen Stütze für die neu entstandenen Wissenschaften der Moderne. Bacon hat das Experiment zur wichtigsten wissenschaftlichen Methode erklärt: Der Forscher sammelt Erfahrungen, daraus werden Folgerungen geschlossen und allgemeine Sätze formuliert, dann Überprüfung dieser Sätze durch Experimente usw. Es ist verständlich, dass der Empirismus am Anfang noch manche Kinderkrankheiten und Schwächen hatte. Ein neuer Bezug zu den Tatsachen konnte aber trotzdem schon von den ersten Empirikern klar genug formuliert werden. Sie haben die Tatsachen zur letzten Instanz gemacht, welche entscheidet ob ein Gedankengang und seine Schlussfolgerungen als wahr zu bezeichnen sind. Dieses Kriterium haben sich die Wissenschaften zu Eigen gemacht. Es sind die ex ante Tatsachen, welche entscheiden, ob eine Theorie wissenschaftlich richtig ist, also die Tatsachen, die sich mit Hilfe der betreffenden  Theorie vorhersagen oder bewerkstelligen lassen.

Die ersten Empiriker haben das Experiment nicht richtig verstanden - sie haben seine deduktive Vorbereitung vernachlässigt - aber das ist verständlich, da sie am Anfang einer erkenntnistheoretischen Wende in der Philosophie standen. Es bleibt aber unbestritten, dass das Experiment die wichtigste Methode der seriösen wissenschaftlichen Forschung ist. In den Sozialwissenschaften ist es zwar nicht so einfach Experimente zu machen und zu wiederholen, ganz unmöglich ist es aber nicht. Außerdem macht die Geschichte so etwas wie Experimente.

Die neue Sprache der empirischen Philosophie: Affekte und Triebe statt Lasten und Sünden

Für die Empiristen sind die Tatsachen nicht nur das entscheidende Kriterium der (wissenschaftlichen) Wahrheit, sondern - was für die Philosophen von viel größerer Bedeutung ist - sie sind die einzige Quelle des Wissens. Nach dieser Auffassung sind alle unsere Gedanken und Vorstellungen nur ein Reflex und eine Kombination von dem, was wir irgendwann von unseren Sinnen empfangen haben, sowohl bei passiven Beobachtungen als auch bei Experimenten. Der Philosoph Ludwig Feuerbach hat es griffig formuliert: „Das Denken ist aus dem Sein, aber das Sein nicht aus dem Denken.“

Wenn man dem empirisch Beobachtbaren das Primat einräumt, führt das zu einer radikal anderen Auffassung darüber, was der Mensch ist. In der Vorstellung der vormodernen Denker war der Mensch ein Wesen, in dessen Zentrum die Vernunft und die Seele standen, der Körper war nur so etwas wie ein Versorgungsbetrieb. Bei den Empiristen ist es genau umgekehrt, weil die Vernunft und die Seele nicht empirisch erfassbar sind. Dadurch hat sich auch die Sprache verändert. Anstatt von Lasten und Sünden, die aus sich heraus auf Verstöße gegen Vernunft und Seele hindeuten, spricht man nun von Affekten und Trieben. Was der Mensch ist, seine wahre Natur, wird aus den Affekten und Trieben (Ursachen) bzw. aus den empirisch zugänglichen Tatsachen, die sie bewirken (Folgen), abgeleitet. Die nicht empirischen Produkte der Vernunft und der Seele wurden beiseite geschoben oder als reine Phantasien abgelehnt. So wirft etwa Spinoza den vormodernen Philosophen und Denkern vor:

„Sie glauben dergestalt etwas Erhabenes zu tun und den Gipfel der Weißheit zu erreichen, wenn sie nur gelernt haben, eine menschliche Natur, die es nirgendwo gibt, in höchsten Tönen zu loben, und diejenige, wie sie wirklich ist, herunterzureden. Sie stellen sich freilich die Menschen nicht vor, wie sie sind, sondern wie sie sie haben möchten; und so ist es gekommen, daß sie statt einer Ethik meistens eine Satire geschrieben und niemals eine Politik-Theorie konzipiert haben, die sich auf das wirkliche Leben anwenden ließe; produziert haben sie nur etwas, das als eine Chimäre anzusehen ist oder das man in Utopia oder in jedem goldenen Zeitalter der Dichter, wo dies führwahr am wenigsten erforderlich war, hätte errichten können.“ ... >

Die Affekte und Triebe, so wie sie biologisch geformt sind, galten für die vormodernen Vernunftphilosophen und Theologen als Quellen und Ursachen für alle Lasten und Sünden. Die Verdorbenheit und Sündhaftigkeit des Leibes war aber immer eine nicht nachgewiesene Auffassung. Hobbes empirische Forschung führt zu einem gegenteiligen Ergebnis, dass die Affekte und Triebe an sich nicht besonders sozial schädlich sein können. Sie werden erst in der Verbindung und Zusammenwirkung mit der Vernunft gefährlich und destruktiv, weil die Vernunft (1) fehlerhaft funktioniert und (2) überhaupt leistungsschwach ist. Die Vernunft verzerrt die Realität und produziert Phantasieprodukte, die sich verselbstständigen und Unheil anrichten. Wie bereits bemerkt, nach meiner persönlichen Meinung sind diese zwei Argumentationen die analytische Grundlage, auf der die modernen Sozial- und Wirtschaftswissenschaften erst möglich wurden.

     (1) Die Vernunft als Vortäuscher der Wirklichkeit
               
oder: Die Welt der Menschen als interpretierte Welt

Der Empirist muss annehmen, dass der Mensch ein Teil der lebenden Natur ist und dass er dort nähere und weitere biologische Verwandte hat. Wenn man davon ausgeht, dann liegt es nahe, dass auch die Daten darüber, wie diese Verwandten leben, für das Verständnis von Mensch und Gesellschaft nutzbar gemacht werden könnten. Heute kann es uns natürlich als selbstverständlich vorkommen, dass die Anthropologen und Soziologen auch die lebende Natur als Quelle für ihre Forschungen nutzen. Das war aber lange Zeit nicht der Fall. Nach dem Sieg des Christentums galt die Natur als der Ort der Verdammnis und der Sünden par excellence. Erst im 14. Jahrhundert, in der Renaissance, begann sich dies zu ändern. Der Mensch wurde zum „göttlichen Geschlecht in menschlicher Verkleidung“ (Marsilo Ficino) und die Schöpfung bzw. die Natur zur „Göttlichen Entfaltung“ erklärt. Aber dieser Mensch war offensichtlich immer noch in Bezug auf Gott bestimmt. Erst nach dem Dreißigjährigen Krieg musste sich Gott endgültig aus dem Diesseits zurückziehen und der Natur Platz machen. Der Mensch konnte auch nicht mehr seine exzellente Stelle zwischen Gott und Erde beibehalten, sondern er wurde in die Natur eingeordnet, an der Seite der anderen natürlichen Lebewesen. Begriffe wie natürliche Ordnung, natürliches Recht und natürliche Freiheit haben die Überlegungen und Analysen am Anfang der Moderne erobert.

Wenn man den Menschen in die Natur einordnet, kommt man schnell auf den Gedanken, auch seine soziale Ordnung mit der anderer biologischer Arten zu vergleichen. Auch Hobbes hat dies getan. Da konnte ihm schnell auffallen, dass der Mensch, so wie man ihn aus der Geschichte kennt, bei weitem nicht so friedlich und kooperativ lebt, wie es bei vielen Tierarten üblich ist. Der berühmte Spruch „Homo homini lupus“ kann nur eine Beleidigung der Wölfe sein, wenn man ihn wörtlich nimmt. Sie sind nämlich alles andere als rücksichtlose und brutale Egoisten. Sie sorgen nämlich dafür, dass sie so gut wie möglich miteinander auskommen. Wenn zum Beispiel die Nahrung knapp wird, schließen sich die Wölfe zu einem Rudel zusammen, in dem eine so genannte Alphawölfin an erster Stelle steht. Nur sie wird begattet, wodurch es nur einen Wurf im Jahr gibt. Auch durch andere Strategien vermeiden die Tiere einen selbstzerstörerischen Kampf um ihre Nahrungsquellen. Löwen reduzieren zum Beispiel durch Schlaf ihren Energieverbrauch. Bei den berüchtigten Räubern der Meere, den Haien, ist der Energieverbrauch durch einen effizienten Metabolismus so gut optimiert, dass sie mit sehr wenig Nahrung auskommen. Außerdem lässt sich feststellen, dass Raubtiere ihre Nahrungsvorräte auch dadurch schonen, indem sie keine riesigen Überschüsse zusammenraffen und horten, die sie niemals verbrauchen könnten, selbst wenn ihre Stärke ihnen dies erlauben würde. Unersättliche Gier und nicht begründbarer Hortungswahn sind allein Eigenschaften der Menschen. Doch damit noch nicht genug.

Bei den in Gruppen lebenden biologischen Arten sorgen die Instinkte sogar für ein Verhalten, das sich als Füreinander und Solidarität deuten lässt. Dieses Verhalten beeindruckt die Biologen schon seit langer Zeit. Zum Beispiel erhält jedes Mitglied eines Insektenstaates, jederzeit das was es von einem anderen fordert. Bei einem Experiment hat man Bienen 20 mg Zuckersirup gegeben, in dem sich radioaktiver Phosphor befand. Nach 48 Stunden waren alle Bienen, auch alle älteren Larven in ungedeckelten Zellen radioaktiv: Die Nahrung wurde also an alle verteilt. Wir wissen außerdem, dass die Solidarität bei sozial lebenden Tieren sogar in den kritischsten Situationen nicht aufgegeben wird. Man stellt erstaunt fest, dass die Population, wenn es nicht genug Nahrung für alle gibt, völlig ausstirbt, anstatt dass sich eine Gruppe der Rücksichtlosen in die Zukunft rettet.

In unserer Zeit, wo der Zeitgenosse dem sozialdarwinistischen „Gesetz“ des Überlebens des Brutalsten und Rücksichtslosesten nicht selten mehr Glauben schenkt als den physikalischen Gesetzen, muss man schon sehr überrascht sein, dass gerade bei der am weitesten verbreiteten tierischen Lebensform bei den Insekten, so viel Kollektivität und Solidarität vorzufinden ist. Der „Kollektivismus“ könnte offensichtlich keine so schlechte Überlebensstrategie sein. Könnte es aber sein, dass dies ausnahmsweise nur für die niederen biologischen Wesen, wie eben Insekten, gilt? Nehmen wir als Beispiel Ratten, die auch in Kolonien leben. Über sie gibt es viele Berichte in allen Medien, so dass man auch ungewollt über sie erfahren hat, wie erstaunlich intelligent und anpassungsfähig sie sind. Einige Forscher lassen ihrer Phantasie freien Lauf und sehen in den Ratten sogar die Bedrohung der Existenz des Menschen auf dem Planeten. Dass sie uns auf jeden Fall überleben werden, daran zweifelt kaum jemand. Wenn eine biologische Gattung einen dermaßen erfolgreichen evolutionären Lebenslauf vorzuzeigen hat, würde man gleich denken, dass zwischen ihren Mitgliedern besonders heftige und rücksichtslose Kämpfe herrschen, so dass die tapfersten und klügsten Individuen Sieger sind und ihre Gene weitergeben. Nicht ist falscher als das. 

„Im Rattenrudel gibt es keine Rangordnung. Das Rudel greift ein großes Beutetier geschlossen an und die stärksten Mitglieder haben den größten Anteil an seiner Bewältigung. Beim Fressen aber sind, ich zitiere Steiniger wörtlich, die kleineren Tiere die zudringlichen: die Größeren lassen sich gutwillig die Nahrungsbrocken von den Kleineren fortnehmen. Auch in der Fortpflanzung sind die in jeder Hinsicht lebhafteren halb- und drei-viertelwüchsigen Tiere den Erwachsenen eher überlegen. Alle Rechte stehen ihnen offen, selbst das stärkste Alttier wird ihnen nichts bestreiten.“ ... >

Beeindruckende Fälle von Mithilfe finden wir auch bei anderen höheren Säugetieren, etwa bei Robben, Delphinen oder Pottwalen.

„Es ist nicht die Ausgeburt einer heißen Seemannsphantasie, sondern Tatsache, daß Pottwale sich um ein verletztes Tier scharen und bei ihm ausharren. Die Waljäger benutzen dieses Verhalten für ihre Zwecke. Sie schießen eines der Tiere an, die Schar der übrigen versammelt sich dann um das verwundete Tier und bleibt bei ihm. Die Waljäger können nun nahe heranfahren und sich die größeren Tiere als Beute auswählen. ... Hyänenhunde bringen schwachen und mageren Tieren Futter, Elefanten helfen verletzten Tieren.“ ... >

Die Erforschung der Tierwelt bringt uns sogar Beispiele dafür, dass jüngere Tiere älteren helfen. Keiner will natürlich bestreiten, dass es im Tierreich auch viele Aggressionen innerhalb einer Art gibt, aber da soll man auch vorsichtig sein. Diese gehen aber kaum über das Abjagen von Nahrung oder von Weibchen und die Revierverteidigung hinaus. Auch die Rangkämpfe der Tiere zeigen nur selten die Brutalität, die wir bei Menschen beobachten. Sie haben eher einen rituellen Charakter. In festgelegten Bewegungsabläufen werden die Waffen so geführt, dass der Gegner nicht lebensgefährlich verletzt wird. Dies lässt sich besonders bei Huftieren beobachten.

„Durch Zufall entstandene prekäre Situationen des einen Tieres werden von dem Gegner nicht ausgenutzt; er bricht dann den Angriff ab und kehrt zum Ausgangspunkt zurück.“ ... >

Eine Steigerung der Aggression, die bis hin zum Raubmord führen kann, also zur Aneignung der Nahrungsmittel mit dem Ziel, den Rest zu beherrschen und zu versklaven, finden wir nur bei Menschen. Konrad Lorenz (1903-1989) der berühmte österreichische Zoologe, einer der Hauptvertreter der klassischen vergleichenden Verhaltensforschung (Ethologie) und einer der Begründer der „Tierpsychologie“ stellte fest:

„Auch derjenige, der diese Zusammenhänge wirklich durchschaut, kann sich einer immer wiederkehrenden neuen Bewunderung nicht entschlagen, wenn er physiologische Mechanismen am Werke sieht, die Tieren ein selbstloses, auf das Wohl der Gemeinschaft abzielendes Verhalten aufzwingen, wie es uns Menschen durch das moralische Gesetz in uns befohlen wird.“ ... >

Was damals Hobbes über das Leben der Tiere wusste, konnte noch nicht viel sein, aber offensichtlich war dies für ihn völlig ausreichend um festzustellen, dass die Menschen deutlich schlechter sozialisiert sind als die Tiere. Im siebzehnten Kapitel seines Hauptwerkes „Leviathan“ arbeitet er destruktive Neigungen der Menschen heraus, und im Vergleich mit den Insekten führt er fünf Gründe an, warum der Mensch kein staatsbildendes Tier ist:

  Die Menschen liegen (im Gegensatz zu den Tieren) miteinander im ständigen Wettstreit um Ehre und Würde; auch gibt es unter ihnen häufiger als bei Insekten Neid, Hass oder Krieg. 
  Das Gut der Insekten ist gemeinsam; und jeder fördert den Gemeinbesitz. Der Mensch aber ist habgierig und egoistisch; auch freut er sich, wenn andere weniger haben als er. 
  Die Tiere tadeln die Verwaltung und die Obrigkeit nicht; der einzelne Mensch aber ist dermaßen eitel, dass er ständig die Regierung und Verwaltung kritisiert und überhaupt dauernd herumvernünftelt. 
  Die Tiere haben zwar eine Stimme, aber keine ausgefeilte Sprache; und vor allem keine Redekunst. Diese aber verdreht die Wahrheit ständig und stiftet so Unfrieden. 
  Die Tiere sind zufrieden, solange sie genug haben; der Mensch aber wird unausstehlich, wenn er viel besitzt und sorgt dann für Zwietracht. 

Stellen wir zuerst fest, dass alles was Hobbes hier tadelt und beurteilt - Ehrgeiz, Neid, Hass, Habgier, Maßlosigkeit, Gewaltbereitscheit und Eitelkeit - schon Jahrtausende vor ihm als Laster und Sünden bekannt und im Namen der Vernunft und Gottes verdammt und bekämpft worden war. Sein Vergleich mit den Tieren ist aber aus einem anderen Grund interessant und hat sich als fruchtbar erwiesen: Der Mensch kann sprechen. Die Sprache macht es dem Menschen möglich zu kritisieren und „herumzuvernünfteln“. Hobbes versteigert sich sogar zur Behauptung, dass die Sprache nicht als Instrument der Verständigung dient, sonder als „Trompete des Krieges und Aufruhrs“ (Vom Bürger). Die Sprache ist aber nur ein Mittel der Vernunft. Durch die Sprache versucht der Mensch das, was ihm die Vernunft vorbereitet hat, den anderen einzureden. Wenn durch kritisieren und „herumvernünfteln“ das soziale Leben der Menschen beeinträchtigt wird, kann dies nur an der Vernunft liegen. Warum aber macht sie solche Probleme?

Wenn alle gleich denken würden, würden die Menschen alle Probleme einvernehmlich lösen können, aber dem ist nicht so. Menschen denken nicht gleich. Aber warum nicht? Diese Frage haben sich die Philosophen schon längst gestellt und verschieden beantwortet. Der erste wichtige Empirist Bacon, bei dem Hobbes eine zeitlang Sekretär war, hat sich auch mit dieser Problematik ausführlich beschäftigt. Die Ursache, warum die Menschen so unterschiedlich denken, findet er in den verschiedenen Schwächen des menschlichen Denkens. In seiner Analyse der menschlichen Irrtümer, die der berühmteste Teil seiner Philosophie ist, unterscheidet er je nach ihrer Quellen, vier Arten von Trügschlüssen. Er bezeichnet sie als Idole. Erörtern wir sie, ohne ins Detail zu gehen:

      Trugschluss idola tribus: Die Vernunft kann die Tatsachen und Ereignisse nicht richtig quantifizieren und ordnen, so dass daraus schiefe Bilder über die Realität entstehen und falsche Schlussfolgerungen gezogen werden. 
      Trugschluss idola specus: Unter anderem werden die persönlichen Lebensumstände und Lebenslagen beim Denken stark übergewichtet und überbewertet. 
      Trugschluss idola fori: Durch Sprache sind wir als Gruppenwesen von andern - insbesondere von den Sprachkünstlern - beeinflussbar. 
      Trugschluss idola theatri: Die Sprache macht auch die Vererbung der Irrtümer der Tradition und der alten Meisterdenker von einer Generation an die nächste möglich. 

Erwähnen wir nur kurz, dass die Lehre über Idole (Täuschungen) einige Anstöße für später weiterentwickelte Ansätze lieferte, wie etwa für das individuell und kollektiv Unbewusste, die Ideologie und das Klassenbewusstsein, die Entfremdung und die Sprachkritik.

Die letzten drei Arten von Trugschlüssen sind von den Umständen verschuldet, die sozusagen von draußen das Denken stören, die erste Art (idola tribus) lässt sich direkt auf die Natur - die Funktionsweise - unseres Intellekts zurückführen. Das bedeutet, dass das Denken nach Auffassung von Bacon ein Prozess ist, der sogar ohne äußere Störungen nicht immer zu besten Ergebnissen führen würde. Eine genauere Erklärung dafür, wie das Denken funktioniert und warum dabei manches nicht richtig läuft, hatte Bacon nicht vorgelegt. Das haben sich die späteren Empiristen, vor allem John Locke (1632-1704) und David Hume (1711-1776) zur Aufgabe gemacht. Um die Originalität ihrer empirischen Erklärung des menschlichen Denkens hervorzuheben, erwähnen wir noch zwei andere Auffassungen:

• Das Denken als Erinnern bei Platon: Die Seele, mit der der Mensch geboren wird, hat schon zuvor in der Welt der Ideen verweilt und das Wissen von dort in sich aufgenommen. Dieses Wissen kann sich der Mensch, durch das Denken, ins Bewusstsein rufen.

• Das Denken als das Verstehen der heiligen Texte: Nach dieser Auffassung gibt es kein Wissen, das nicht von Gott stammt. Etwas davon wird ab und zu den Auserwählten offenbart, die es den anderen zur Verfügung stellen. Das menschliche Denken ist nichts mehr als diese Offenbarungen richtig zu verstehen.

• Das assoziative Denken des Empirismus: Wie bereits erwähnt, bei den Empiristen ist das Denken ohne vorherige Aufnahme der äußeren Tatsachen bzw. der Sinneseindrücke unmöglich. Diese werden nach ihrer Auffassung als Bewusstseinsinhalte - heute würde man sagen Daten - in unserem Kopf abgelegt, direkt aber vor allem indirekt, durch vorherige Bearbeitung. Die aktuellen Sinneseindrücke und die Bewusstseininhalte in unserem Bewusstsein werden nämlich zerlegt und kombiniert und erst als solche aufbewahrt. Hobbes bezeichnet solche Bewusstseininhalte als Vorstellungen („ideas“). Nach welchen Kriterien zerlegt und kombiniert wird, ist eine schwierige Frage - die wir jetzt als solche ausklammern. Allgemein gesprochen hat dies zum Einen mit der Funktionsweise des Hirns und des Nervensystems zu tun, zum Anderen ist dies von den somatischen Zuständen des Organismus sowie mit verschiedenen Daten von draußen beeinflusst.

Wenn man alle drei Auffassungen vergleicht, fällt schnell auf, wie sehr sie sich unterscheiden, was den Anspruch auf die Wahrheit betrifft. Bei Platon und in den Religionen kann man im Prinzip die letzten Wahrheiten erkennen. Sie stehen sogar jedem zur Verfügung, man muss sich nur genug Mühe geben. In der empirischen Auffassung kann von der Erkenntnis der letzten Wahrheiten keine Rede sein. Dort ist es sogar problematisch davon auszugehen, dass das Denken überhaupt etwas mit der Suche nach der Wahrheit zu tun hat. Hume war in der Tat der festen Überzeugung, dass wir die Realität gar nicht denken können. Die in unser Bewusstsein aufgenommenen Vorstellungen, so seine Behauptung, liegen auf keinem objektiven Fundament der Realität. Folglich können wir nie erkennen was wirklich ist und somit auch keine kausalen Zusammenhänge (Ursache-Wirkung) zwischen den Gegenständen in der Natur: „Jede Wirkung ist ein von ihrer Ursache verschiedenes Ereignis. Sie kann daher in der Ursache nicht entdeckt werden.“

Hume hat den metaphysischen Mörtel, der bei vormodernen Denkern die objektive Welt als ein System logisch verknüpfter Beziehungen zwischen Fakten und Ereignissen zusammengehalten hatte, herausgeklopft, Kant hat den Schutt säuberlich weggetragen. Wenn wir mit der Vernunft die Gegenstände verkuppeln, so Kant, tun wir es nicht im Sinne, dass wir die kausalen Gesetze der wirklichen Realität irgendwie nachahmen oder spiegeln, sondern wir benutzen dazu Formen der Anschauung, die aus uns selbst stammen. Wir könnten Erfahrungen gar nicht anders strukturieren und verstehen als mit den Mustern, die nur Eigenschaften unseres Denkens sind, nicht aber dessen, was außerhalb uns liegt. Daher werden wir nie erkennen können, wie die Welt aufgebaut ist. Wie die Gegenstände unabhängig von ihrer Beziehung zu dem erkennenden Subjekt wirklich sind, darüber wird das Subjekt nie etwas wissen können. Die Realität „an sich“ ist dem Denken unerreichbar. Für den bekannten Kantianer Hans Vaihinger sind die Theorien schließlich keine Offenbarungen durch die Vernunft, sondern vielmehr Erfindungen, Konstruktionen, also Phantasieprodukte: Er nennt sie Fiktionen. Alles was wir in Wirklichkeit wüssten, sei schließlich immer nur „Als-Ob“-Wissen. Dies ist zweifellos der Standpunkt der heutigen Naturwissenschaften.

Wenn die Vernunft so eigenwillig arbeitet - sozusagen auf eigene Faust bastelt -, gibt es nur eine Möglichkeit zu prüfen, ob ihre Ergebnisse überhaupt etwas mit der Realität zu tun haben: diese an den Tatsachen zu prüfen. Aber - wie bereits angedeutet - nicht alle Tatsachen sind bei der Prüfung der Vorstellungen unseres Denkens, die wir als Erkenntnisse und Theorien bezeichnen, relevant, sondern nur diejenigen, mit denen sich solche Tatsachen vorhersagen oder bewerkstelligen lassen. Für solche Erkenntnisse und Theorien ist es berechtigt anzunehmen, dass sie mit der Realität irgendwo in Verbindung stehen, auch wenn man nie herausfinden wird, wo und wie. Was bei solchen Erkenntnissen und Theorien wichtig ist, ist ihre Nützlichkeit, weil wir mit ihnen im Voraus wissen können, welche unserer Handlungen wir wählen sollen, um bestimmte Ergebnisse zu realisieren. Der wissenschaftliche Fortschritt besteht gerade darin, dass der Mensch immer mehr solcher Vorstellungen bzw. Theorien gesammelt hat.

Man kann nicht oft genug unterstreichen, dass die empirische Philosophie es war, die den modernen Wissenschaften die erkenntnistheoretischen Grundlagen geliefert hat. Sie bzw. ihre Denkweise war tatsächlich der Weg, den die heute erfolgreichsten Wissenschaften konsequent gegangen sind. Der Beitrag von Hume war da entscheidend. „Wenn man seine Bücher von Hume liest, wundert man sich, daß nach ihm viele und zum Teil hochgeachtete Philosophen so viel Verschwommenes haben schreiben und dankbare Leser finden können“, so Einstein (Mein Weltbild). Er bedauert, dass die empirische Philosophie nicht endgültig siegen konnte. Ihr blieben in der Tat nur die Naturwissenschaften von Anfang an und für immer treu. Die Sozial- und Wirtschaftswissenschaften folgten ihr nur eine zeitlang, in dieser Zeit waren auch sie äußerst kreativ und erfolgreich, dann haben sie den empirischen Weg verlassen. Das geschah irgendwo im Laufe des 19. Jahrhunderts. Seitdem haben sie nichts von richtiger Bedeutung vorgebracht. Der amerikanische Soziologiehistoriker Harry E. Barnes stellt nach dem Zweiten Weltkrieg fest:

„Wir haben eine auf das Äußerste hochentwickelte und moderne Naturwissenschaft und materielle Kultur, mannigfaltiger und weit wirksamer als je zuvor. Trotzdem sind die Einrichtungen und das soziale Denken, durch welches wir diese materielle Kultur zu kontrollieren und auszubeuten suchen, ein antiquiertes Mosaik, ein Sammelsurium aus Relikten von der Steinzeit bis zum Ende des 18. Jahrhunderts.“ ... >

Es ist seltsam, dass die den Tatsachen verpflichteten Sozial- und Wirtschaftswissenschaften gerade am erfolgreichsten waren, als ihnen noch relativ kleine Mengen von Tatsachen zur Verfügung standen und die empirischen Methoden - sogar in den Naturwissenschaften - erst am Anfang ihrer Entwicklung waren. Wie primitiv aber dennoch erfolgreich sie damals gearbeitet haben, können wir bei Hobbes, bei seinem Vergleich Tier und Mensch, sehen. Aus einem einfachen Tatbestand konnte er herausfinden, dass die Vernunft von entscheidender Bedeutung ist, warum der Mensch nicht friedlich und sozial leben kann. Seine Schlussfolgerung lässt sich natürlich im Rahmen der assoziativen Auffassung über das Denken viel besser erklären, diese Auffassung wurde aber erst von späteren empirischen Philosophen ausgearbeitet und formuliert. Es spricht zwar manches dafür, dass Hobbes eine assoziativ-mechanische Auffassung über das Denken hatte, die auf die spätere skeptisch-empirische Erkenntnistheorie hinausläuft, aber er blieb in seiner Beweisführung auf der Oberfläche der Tatsachen. Die Nachteile seiner empirischen Einfachheit wurden zum Gewinn, was die Klarheit seiner Argumentation betrifft. Das schauen wir uns an:

Ein Mensch kann manches nicht allein für sich erledigen. Es war schon vor sehr langer Zeit so, als man zum Beispiel ein größeres Tier zu erlegen musste. Deshalb gibt es für den Menschen kein Entkommen aus der Gesellschaft. Wenn aber viele nötig sind, um eine Aufgabe erfolgreich zu erledigen, muss die ganze Vorgehensweise gut organisiert und geplant werden. Wer oder was entscheidet aber, was gut ist? Wenn die endgültigen Kenntnisse nicht schon irgendwo aufbewahrt sind - in der Seele (Platon) oder in den heiligen Texten (Religionen) - gibt es nur subjektive Auffassungen. Dann wird aber nicht jeder die gleiche Vorstellung darüber haben, was konkret zu tun wäre und wie man etwas in Angriff nimmt - nicht einmal zwei Menschen müssen sich einig sein. Wenn die Vorstellungen so auseinandergehen, dann lassen sich Konflikte nicht vermeiden, sogar dann nicht, wenn keiner „böse“ wäre oder egoistische Absichten hätte. Hier wird deutlich, worin sich Hobbes von Machiavelli unterscheidet. Auch Hobbes hat nie in Abrede gestellt, dass der Mensch ein Egoist ist und mit seinen Ansprüchen destruktiv wirkt, aber für ihn sind die falschen Vorstellungen über die Realität noch gefährlicher als die egoistischen. Jedem scheint seine Denkweise plausibel, sie ist es im Kontext seiner persönlichen Erfahrung und seiner Lebenslage ganz bestimmt, und jeder versucht seine durchzusetzen. Anstatt anzupacken, wird kritisiert und „herumvernünftelt“. Es ist doch offensichtlich, dass dies zu Konflikten führen muss. 

Um die Auffassung über das assoziative Denken zu vervollständigen, erwähnen wir hier noch, dass Hume nicht nur die Realität und die Erkenntnis voneinander trennt, sondern er bestreitet auch jeglichen Zusammenhang zwischen Wertung und Erkenntnis. In den vormodernen Philosophien, sowohl bei Platon als auch in der christlichen Theologie, sind das Wahre und das Gute untrennbar, Hume behauptet das Gegenteil. Bei der Wahl der Zwecke ist die Vernunft unbrauchbar, sie ist kompetent nur die Mittel zu bestimmen, die am besten zum Ziel führen. Das Zusammenleben der Menschen würde dann nicht nur durch sachliche, sondern auch durch moralische Unterschiede belastet.
 

     (2) Die Begrenztheit der individuellen Vernunft
               
oder: Man weiß nicht, was man alles nicht weiß

Die abendländischen Gesellschaften waren vor wenigen Jahrhunderten bekanntlich alle hierarchisch streng organisiert und ihre Legitimation war das Gottesgnadentum. Bei dem Philosophen Platon stand aber die Vernunft an erster Stelle, Gott erst danach. Er hat damit die zwei bei weitem wichtigsten Legitimationsargumente für die absolutistische Herrschaftsform erfasst und - wie wir es bereits festgestellt haben - die vollständigste Konzeption für die gesteuerte Ordnung entworfen, die es je gab. Praktisch brauchbare Vorschläge, wie man die zur Herrschaft berufenen Vernunftbegabten - heute würde man Eliten sagen -  auswählen soll, werden wir bei ihm aber nicht finden. Dasselbe Problem betrifft aber nicht nur die Spitze seiner hierarchischen Struktur der Gesellschaft. Platon war wahrscheinlich der erste Denker, der richtig verstanden hat, dass nur eine arbeitsteilige Wirtschaft effizient sein kann, und deshalb hat er darauf bestanden, dass in einer solchen Wirtschaft bzw. Gesellschaft  „jeder Einzelne von dem, was zum Staat gehört, ein einziges Geschäft treiben müsse, zu dem seine Natur am geschicktesten angelegt sei“. Aber er hatte auch hier keine Lösungen vorgeschlagen, wie man bestimmen sollte, wo der „gerechte“ Platz des Einzelnen in der Gesellschaft sein sollte. Und schon gar nicht hat sich Platon Gedanken darüber gemacht, wie die Menschen, damit sie auch noch motiviert sind, ihre Begabungen und Fähigkeiten zum Wohle der ganzen Gesellschaft intensiv zu nutzen, entlohnt werden sollten.

Es fällt sofort auf, dass Platon all das unter den Tisch fallen lässt, was zwei Jahrtausende später zur wichtigsten Problematik der Wirtschaftswissenschaft gehören wird. Aber die Bestimmung und Besetzung der gesellschaftlichen Rollen sowie der Entlohnung der Menschen ist nicht nur eine Problematik der Wirtschaft; das gleiche Problem taucht überall dort auf, wo die Menschen etwas zusammen unternehmen oder einfach nur zusammen leben, beginnend mit der Familie. Das sind alles Orte, wo Rollen, Status, Güter, Macht, Privilegien, Ehre, Achtung usw. verteilt werden, wodurch die Konflikte zwischen Menschen entstehen. In den absolutistischen Ordnungen hat man stillschweigend angenommen, mit der Gewalt damit zu Recht zu kommen. Die sozialen Konflikte werden kurzerhand der bösen menschlichen Natur zugeschrieben. Hobbes hat sich mit einer solchen Erklärung aber nicht zufrieden gegeben. Er macht nicht den Egoismus zur einzigen Ursache, warum solche Konflikte nicht zu vermeiden sind, sondern die Vernunft. Seine Erklärung beeindruckt - wie so oft - mit der Einfachheit, der man bei den genialsten Ideen begegnet.

Die Menschen sind nach Hobbes alle gleich. Er behauptet sogar, dass sich „bei den Geistesfähigkeiten eine noch größere Gleichheit findet“ als anderswo, aber gerade diese Gleichheit wird jedoch wie keine andere angezweifelt und bestritten. Er stellt fest, dass

„beinahe jeder sich viel weiser als alle übrigen dünkt, die wenigen ausgenommen, welche diese Gleichheit entweder wegen des allgemeinen Rufes oder wegen der Übereinstimmung ihrer Meinungen mit den ihrigen hochschätzen. Wenn auch der Mensch geneigt ist, einem anderen in der Beredsamkeit oder Gelehrsamkeit den Vorzug vor sich selbst zuzugestehen, so wird er doch nicht einräumen wollen, daß jemand klüger sei als er.“ ... >

Seine Erklärung fasst er zu einem Satz zusammen:

„Jeder sieht seinen eigenen Verstand gleichsam aus der der Nähe, den eines anderen aber aus der Ferne an.“ ... >

Hobbes argumentiert mir einer Bildsprache, deren Botschaft in ihrer unmittelbaren Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt: Keiner kann die geistigen und kognitiven Begabungen und Fähigkeiten der anderen kennen. Wir wissen nicht, was alles der andere weiß, und der andere weiß nicht, was wir alles wissen. Wir können eigentlich überhaupt nicht wissen, was wir alles nicht wissen. Auch daher die „Zufriedenheit eines jeden mit seinem Verstande“, die dem scharfen Blick von Hobbes ebenfalls nicht entgehen konnte. Hobbes erwähnt zugleich, dass es seltene Ausnahmen gibt, die sich wie folgt verstehen und verallgemeinern lassen:

Wenn zwei auf demselben Gebiet sich auskennen, also kompetent sind, dann ist es gewissermaßen möglich, die Leistung des anderen zu bewerten. Dann ist ein Vergleich möglich, weil die Bedingung erfüllt wird, dass das Gleiche mit dem Gleichen gemessen wird, oder wie man es zu sagen pflegt: Äpfel mit den Äpfeln, Birnen mit den Birnen. Es gibt aber zwischen zwei Menschen, auch wenn sie eine gemeinsame Lebensweise führen, wenn sie die gleiche Tätigkeit ausüben und wenn sie gleich qualifiziert sind, zahlreiche andere Aspekte, in denen sie sich trotzdem deutlich unterscheiden. Und dann hat es sich mit dem Vergleich wieder erledigt. Weil sich aber Summen aus qualitativ verschiedenen Werten nicht machen lassen, kann man zwei Personen in ihrer Gesamtheit eigentlich nie objektiv vergleichen. Hier sind die Grenzen der Vernunft, welche sie aber immer zu überschreiten versucht und dabei große Probleme verursacht.

Wegen der Unmöglichkeit eines jeden den andern zu kennen, wird der Weg frei zu den wildesten Phantasien über die eigene Einzigartigkeit und zu wahnsinnigen Selbstüberschätzungen. Bei den Mächtigen ließ sich dies schon immer klar beobachten. Noch vor nicht allzu langer Zeit war es bekanntlich bei den Herrschern üblich, sich auf göttliche Abstammung zu berufen oder sich sogar selbst zum Gott zu erklären. Und es scheint, dass sie nicht nur für Götter gehalten werden wollten, sondern dass sie sich wirklich eingebildet haben, Götter zu sein. Erwähnen wir Alexander den Großen und Cäsar. Dass dies heute nicht mehr vorkommt, liegt sicherlich nur an den später entstandenen monotheistischen Religionen, die jede Gottähnlichkeit streng verbieten. In der Psychologie spricht man von Narzissmus. Vor allem große Erfolge, so Freud, der Vater der Psychoanalyse, können zu Größenwahn führen. Die Philosophen sind da gar keine Ausnahme.

„In späteren Jahren erhob Kant Anspruch auf eine gewisse Unfehlbarkeit, behauptete, die Grenzen seines Systems seien zugleich die Grenzen der Philosophie selbst, und verwarf alle Versuche anderer Denker, darüber hinauszugehen. Die gleiche kindische Selbstüberschätzung läßt sich bei Hegel und vielen anderen Denkern von größter Intelligenz beobachten Solche Männer sind hochintelligent in gewisser Richtung, in anderer Hinsicht jedoch entsetzlich dumm. Intelligente Dummköpfe sind Leute, die es abgelehnt haben, ihre Intelligenz auf das Subjekt anzuwenden, das sie selbst sind.“ ... >

Nicht von ungefähr sieht Hobbes im „Wettstreit um Ehre und Würde“ den wichtigsten Grund, warum die Menschen nicht friedlich und solidarisch in Kolonien leben können, wie etwa Insekten. Das ist die dunkle Seite der Vernunft. Wenn man sich dessen bewusst wird, kann man sich kaum der Frage erwehren, ob der Mensch wirklich die „Krone der Schöpfung“ ist oder eher nur ein defektes Produkt der Evolution? Auf jeden Fall steht es fest, dass der Mensch „das einzige Säugetier, das in großem Maßstab ein Mörder und Sadist ist“ (Erich Fromm) und „einzigartig im Reich der Lebewesen ist, was das Fehlen instinktiver Schutzvorkehrungen gegen das Töten von Artgenossen betrifft“ (Arthur Koestler). Es scheint so, als ob sich die Evolution gegen die den Menschen verschworen hat. Sie steckte ihn sozusagen in einen Schraubstock. Von einer Seite drückt der Egoismus, von der anderen die objektive Unmöglichkeit seinen Nächsten und Mitbürger zu kennen bzw. bewerten. Und das kann nach Hobbes Überzeugung nicht gut gehen. Er hat das Problem in seiner ganzen Reichweite erkannt. In der Tat ist jedes politische System, das aus dem Auge verliert, dass ein Mensch extrem böse sein kann, eine Fehlkonstruktion, weil es instabil wird. Früher oder später wird ein solches System durch innere destruktive Kräfte auseinander fallen. Und nach einem Zerfall muss es sich nicht notwendigerweise auf „bessere“ Weise spontan reorganisieren - es gibt keine Garantie für sozialen Fortschritt. In menschlicher Geschichte sind schon viele Zivilisation an inneren Konflikten zugrunde gegangen oder in die Barbarei zurückgefallen. Dies ließe sich nach Hobbes nur durch einen absolutistischen Staat verhindern.

Die Hobbes’sche politische Konzeption des Staates, sein berühmter Leviathan, ist aber weder originell noch besonders interessant. Wenn man aber über Hobbes spricht, kann man sie nicht unerwähnt lassen. Sie ist eine Ordnung, die auf der Steuerung beruht und deshalb ein Relikt der Vergangenheit. Seine Vorstellung über die Marktwirtschaft war etwas anderes. Wie vage sie auch sein mag - Hobbes war kein Ökonom -, sie ist in Ansätzen eine geregelte Ordnung. Die Regelung ist für ihn eine Lösung des von ihm erkannten Problems, dass der Mensch den andern nicht kennen kann. Aber dazu werden wir später noch kommen und es ausführlich abhandeln.

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