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  Eine auf den defekten Grundlagen aufgebaute ökonomische Theorie
  Die Revolution als die Entbindung einer kapitalschwangeren Wirtschaft
 
 
So einfach das Gesetz [der fallenden Profitrate] erscheint, sowenig ist es aller bisherigen Ökonomie gelungen ... es zu entdecken. Sie sah das Phänomen und quälte sich in widersprechenden Versuchen ab, es zu deuten. Bei der großen Wichtigkeit aber, die dies Gesetz für die kapitalistische Produktion hat, kann man sagen, daß es das Mysterium bildet, um dessen Lösung sich die ganze politische Ökonomie seit Adam Smith dreht, und daß der Unterschied zwischen den verschiednen Schulen seit A. Smith in den verschiednen Versuchen zu seiner Lösung besteht. ... Erwägt man aber andrerseits, daß die bisherige politische Ökonomie ... nie gründlich die Verschiedenheit in der organischen Zusammensetzung des Kapitals ... analysiert hat, so hört es auf, rätselhaft zu sein, daß ihr die Lösung dieses Rätsels nie gelang.
 
  Karl Marx        

Die wichtigste Aufgabe der ökonomischen Theorie sei, nach Marx, das „Rätsel“ zu lösen, warum die Profitrate in der kapitalistischen Wirtschaft tendenziell fällt. Dass sie fällt, war die weit verbreitete Meinung der damaligen Ökonomen, der sich Marx unkritisch angeschlossen hat. Sie alle waren jedoch auf dem Holzweg. Heute wissen wir, dass die Profitrate tendenziell nicht fällt. Die damaligen Ökonomen haben damals nur unvorsichtig gewisse kurz- und mittelfristige Erscheinungen zu einem Faktum oder gar einem Gesetz (Marx) erklärt, dass es gar nicht gibt. Sie haben - was die Ökonomen auch bis heute regelmäßig und gerne tun - die Folgen mit den Ursachen verwechselt. Um zu begreifen, worum es damals ging, wollen wir uns in die ökonomische Lage am Anfang des 19. Jahrhunderts versetzen.

Die fallende Profitrate - Einer der größten ökonomischen Irrtümer

Bereits nach wenigen Jahrzehnten, nachdem Adam Smith seine „Bibel“ der Marktwirtschaft fertig geschrieben hatte (1776), sind sowohl die Vorteile als auch die Nachteile der neuen Ordnung ans Tageslicht gekommen. Diese hat sich als fähig erwiesen, die Produktivkräfte so dynamisch zu entwickeln, wie es in der ganzen Geschichte noch nie der Fall war. Dagegen hat sie sich als völlig unfähig erwiesen, nachhaltig und stabil zu funktionieren. Ihr Ablauf ist durch starke Schwankungen gekennzeichnet. Diese Schwankungen zeigten von Anfang an eine gewisse Regelmäßigkeit auf. Sie dauerten im Durchschnitt etwa 9 Jahre und hatten mehrere typische Phasen, die sich in derselben Reihenfolge wiederholten:

Aufschwung   >>>>   Boom   >>>>   Abschwung   >>>>   Depression (Krise)

Während des Abschwungs und vor allem während der Depression (Krise) geht die wirtschaftliche Aktivität stark zurück und die Arbeitslosigkeit wächst bis hin zur Massenarbeitslosigkeit. Das Geheimnisvolle an diesen Schwankungen ist, dass sie durch keine sichtbaren äußeren (externen, exogenen) Faktoren, wie etwa Dürren, Kriege oder Seuchen verursacht werden. Und gerade dies macht sie historisch einzigartig.

Dass eine Wirtschaft ohne äußere Faktoren („einfach so“) zusammenbricht, war in der vorkapitalistischen Zeit undenkbar. Wen soll es dann noch wundern, dass die Ökonomen der ersten Generation nach Smith ratlos und enttäuscht waren. Viele haben ihren Glauben an die neue Ordnung verloren. Dies gilt auch für zwei der wichtigsten Ökonomen der ersten Generation nach Smith, Thomas Malthus (1766-1834) und David Ricardo (1772-1823). Deshalb wurden sie später auch als „pessimistische Ökonomen“ bezeichnet und bekannt.

Malthus und Ricardo waren gut befreundet, aber schon bei wichtigsten Fragen konnten sie fast nie auf einen gemeinsamen Nenner kommen. In einer Frage, die nicht rein ökonomischer Natur ist, waren sie sich jedoch stets einig. Sie waren überzeugt, dass die Menschen, genauer gesagt die Armen, so vom Sex geradezu besessen seien, dass sie zu viele Kinder in die Welt setzen würden. Genau da müsste man, so ihre Folgerung, nach dem Ursprung aller ökonomischen Übel der neuen Ordnung suchen. Die hohe Geburtenrate bei den Armen sei auch die Ursache, warum es der Wirtschaft mittel- und langfristig immer schlechter gehen sollte - warum die Profitrate fallen müsste. Wir schauen uns jetzt die Ricardosche Erklärung der fallenden Profitrate genauer an, auf deren Kritik Marx eigene Erklärung aufbaut.

Wenn sich die Bevölkerung unverantwortlich schnell vermehrt, muss natürlich mehr Nahrung produziert werden. Konkreter gesagt, es müssen mehr landwirtschaftliche Flächen bebaut werden. Aber woher sollen diese kommen? Es ist bekanntlich so, dass Menschen - logischerweise - zuerst den besseren Boden bewirtschaften; wenn es sein muss, dann auch den nicht so guten und schließlich muss man auch den schlechten Boden nehmen. Die Bewirtschaftung des schlechteren Bodens bedeutet nichts anderes, als dass bei dem gleichen Arbeitsaufwand die Erträge kleiner sind. Das Bevölkerungswachstum hat also zur Folge, dass die Produktivität pro Arbeiter bzw. Bauer im Schnitt sinkt. Dies wird wesentliche und weit reichende Folgen auf die Verteilung des gesamtwirtschaftlichen Einkommens haben. Wir fassen jetzt seine Verteilungstheorie kurz zusammen:

  1. Wenn die Nachfrage nach Boden steigt, können die Bodenbesitzer die Pacht (Bodenrente) erhöhen, so dass ihr Anteil am gesamtwirtschaftlichen Einkommen steigen wird.
  2. Den Arbeitern bzw. Bauern muss man mindestens so viel durch Löhne überlassen, damit sie überleben. Auch ihr (relativer) Anteil am gesamtwirtschaftlichen Einkommen wird mehr oder weniger größer werden.
  3. Wenn die Bodenbesitzer nehmen, was sie können, und wenn man die Arbeiter nicht verhungern lässt, wird für die Profite immer weniger übrig bleiben. Die Profitrate wird also tendenziell fallen müssen.

Ricardo hat sein Verteilungsmodell auch mathematisch bzw. mit numerischen Beispielen noch überzeugender dargestellt und erläutert. (Er war überzeugt, dass die Verteilung die wichtigste Frage der ökonomischen Theorie ist.) Aber ins Detail brauchen wir jetzt nicht zu gehen. Wichtig ist, dass die Profite bei ihm deshalb fallen, weil der gute Boden immer knapper wird und die Bodenrente deswegen steigt. Das hat Ricardo aber nicht als gerecht empfunden. Warum sollen die Bodenbesitzer wegen des Bevölkerungswachstums immer reicher werden? Weil er sich nicht anders helfen konnte, hat er sich schließlich für die offenen Grenzen, also eine globale Wirtschaft stark gemacht. (Sein Freund Malthus wollte genau das Gegenteil tun - ihm wäre es lieber, die Arbeiter aushungern zu lassen. Schließlich seien sie alleine an der Misere schuld. Deswegen hat ihn Marx wie keinen anderen gehasst.) Durch den Welthandel würde man sich, so Ricardo, gegen die Erpressung durch die Bodenbesitzer wehren können. England sollte das Getreide von dort importieren, wo es mehr und bessere Böden gibt und es mit industriellen Produkten bezahlen. Sein wichtiges und originelles Argument für den internationalen Handel unter dem Namen Komparativvorteile ist später zum wichtigsten Argument der Globalisierung geworden.       

Man kann sich heute berechtigter Weise fragen, warum Ricardo so fest mit der bedrohlich wachsenden Bevölkerung rechnete, warum er die Möglichkeit der Produktivitätssteigerung in der Landwirtschaft so gering schätzte und überhaupt, warum die Landwirtschaft der Kern seines Wirtschaftsmodells ist. An dieser Stelle muss man aber bedenken, dass Ricardo seine Theorie vor knapp zwei Jahrhunderten (1817) entworfen hat. Damals haben all diese Annahmen sehr gut der Realität entsprochen. Die Bevölkerung wuchs schnell, die Produktivität der Landwirtschaft hinkte hinterher, und den Hauptanteil des Sozialprodukts haben die landwirtschaftlichen Produkte ausgemacht. Marx ließ all diese Annahmen links liegen und rückte die industrielle Produktion in den Fokus seines ökonomischen Modells. Schon dies alleine verlangte damals einen gewissen Mut, so dass Marx in dieser Hinsicht sogar visionär war. Und er hatte Glück dabei. Der technische Fortschritt hat sich stärker erwiesen als das Bevölkerungswachstum.

Wäre Marx bei dem Ricardoschen Modell geblieben und hätte er in ihm nur die fallende Produktivität mit der Annahme von steigender Produktivität ausgetauscht, hätte er natürlich zur Schlussfolgerung kommen müssen, die Profitrate würde nicht tendenziell fallen, sondern steigen. Aber er hat dieses Modell eben nicht übernommen. Er hat die Landwirtschaft völlig außer Acht gelassen und zum Kern seines Modells die angebliche Tendenz der steigenden organischen Zusammensetzung des Kapitals gestellt. Wir wollen uns diese seine Lösung - die ihn zum berühmtesten Ökonomen aller Zeiten machte - näher anschauen. Zuerst müssen wir aber den Begriff Profitrate ein bisschen näher erläutern.

Die Profitrate (nicht verwechseln mit der Profitquote) ist ein Koeffizient, der zeigt, wie viel Prozent jemand verdient, der in der Wirtschaft sein Geld investiert. Nach dieser Definition wird also die Profitrate auf folgende Weise bestimmt:

Profitrate = Profite / konstantes Kapital * 100 = 1000 / 22000 * 100 = 4.5%

Bemerkung: Die konkreten Werte sind aus dem numerischen Beispiel des früheren Beitrags entnommen (mehr...)

Weil die Profitrate eine mathematisch sehr einfache Formel ist, lässt sich unmittelbar schließen, dass die Profitrate kleiner ist, wenn die Größe im Nenner, also das konstante Kapital größer ist. Wenn also das konstante Kapital tendenziell wächst, muss die Profitrate tendenziell fallen. Und schon sind wir zur berühmten Lösung von Marx gelangt. Weil die tendenzielle Aufstockung des Kapitals (das Wachstum seiner organischen Zusammensetzung) nach Marx nichts anderes bedeutet als das Produktivitätswachstum, fällt die Profitrate letztendlich deshalb, weil die Wirtschaft immer produktiver wird.

„Die progressive Tendenz der allgemeinen Profitrate zum Sinken ist also nur ein der kapitalistischen Produktionsweise eigentümlicher Ausdruck für die fortschreitende Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkraft der Arbeit.“

Bei Ricardo ist es, wie wir gesehen haben, genau umgekehrt. Bei ihm fällt die Profitrate weil die Wirtschaft immer weniger produktiv ist.

„Die Profitrate fällt nicht, weil die Arbeit unproduktiver, sondern weil sie produktiver wird. Beides, Steigen der Rate des Mehrwerts und Fallen der Rate des Profits, sind nur besondre Formen, worin sich wachsende Produktivität der Arbeit kapitalistisch ausdrückt.“

Nebenbei sei bemerkt, dass Marx wegen der steigenden organischen Zusammensetzung des Kapitals auch den tendenziellen Fall des Zinsfußes vorhergesagt hat, der auch nie aufgetreten ist.

„Da man gesehn, daß die Höhe der Profitrate im umgekehrten Verhältnis steht zur Entwicklung der kapitalistischen Produktion, so folgt daher, daß der höhere oder niedre Zinsfuß in einem Lande in demselben umgekehrten Verhältnis zur Höhe der industriellen Entwicklung steht.“

Wenn wir uns die Definition der Profitrate noch einmal anschauen, stellen wir unmittelbar fest, dass die Profitrate auch davon abhängt, wie groß der Profit ist. Da hat Marx mit seinem Gesetz der fallenden Profitrate ein gewisses Problem. Wenn nämlich die Löhne der Arbeiter im Kapitalismus real nicht (oder kaum) wachsen würden, wie Marx es immer wieder behauptet, dann würden wegen des Produktivitätswachstum Profite tendenziell wachsen. Dies würde bewirken, dass die Profitrate steigt. Aber das Wachstum der Profite hat eine Grenze, nämlich das gesamte Nettoeinkommen. (Außerdem kann man Löhne nicht auf Null drücken, weil die Arbeiter verhungern würden.) Für die Akkumulation des Kapitals (die organische Zusammensetzung) gibt es diese Grenze jedoch nicht. Das konstante Kapital kann im Prinzip 2, 3, 4, 5, ... x mal größer sein als die gesamten Nettoeinkünfte. Unter der Voraussetzung, so etwas würde tatsächlich stattfinden, ist das Marxsche „Gesetz“ vom tendenziellen Fall der Profitrate eine formal-theoretisch (mathematisch) richtige Schlussfolgerung.

Was sagen aber die empirischen Tatsachen über die Profitrate aus? Wir haben bereits gezeigt, dass die Steigerung der Organischen Zusammensetzung des Kapitals eine akademische Schnapsidee war, so dass schon aus diesem Grund der Fall der Profitrate nie eine reale Chance hatte, empirisch bestätigt zu werden. Im Klartext:

Marx als Ökonom hat sich nicht nur mit falschen Problemen beschäftigt, sondern auch seine Lösungen sind eindeutig falsch.

Die Marxsche Theorie war eine Sackgasse und gehört ins Museum der nutzlosen Ideen. Punkt! Sie ist zugleich ein faszinierendes Beispiel dafür, wie umwerfend mangelhaft und trotzdem äußerst einflussreich eine wissenschaftliche Theorie sein kann. An dieser Stelle könnte man die Marxsche ökonomische Theorie ad acta legen. Weil aber diese „Theorie“ wie kaum eine andere die Menschheit in ihren Bann gezogen hat, geben wir uns doch noch ein bisschen Mühe und verfolgen sie bis zum Ende. Wir haben nämlich die allerwichtigste Frage, warum der Kapitalismus angeblich zusammenberechen muss, immer noch nicht beantwortet.

Akkumulieren, akkumulieren, ... bis alles der Teufel holt

Aus dem Marxschen „Gesetz“ über die fallende Profitrate (sogar wenn es richtig wäre), lässt sich natürlich noch kein Zusammenbruch schlussfolgern, im Gegenteil. Weil die Steigerung der Produktivität nach der Marxschen Auffassung eine simple und triviale Angelegenheit sein sollte - man brauche nämlich nur zu sparen - deutet alles darauf hin, dass der Kapitalismus keine ernsthaften ökonomischen Probleme haben dürfte. Deshalb führt Marx in sein Modell noch eine Annahme bzw. eine Tendenz ein: Die Kapitalisten werden immer mehr sparen und akkumulieren müssen. Zum Wesen der kapitalistischen Produktionsweise gehöre also auch die tendenzielle Beschleunigung der Kapitalakkumulation. Warum sollte dem so sein?

Unter der Akkumulation [Anhäufung, Aufhäufung, Ansammlung, Speicherung] des Kapitals versteht Marx nichts anderes als Investieren. Deshalb kommt die „bürgerliche“ Theorie auch ohne den Begriff Akkumulation gut zurecht. Aber auf den Begriff alleine kommt es nicht an. Entscheidend ist zu klären, warum Unternehmen akkumulieren oder investieren, bzw. warum sie es in einem sich immer weiter beschleunigenden Maße tun.

Ein Grund, warum in einer Wirtschaft investiert wird, ist die bereits erwähnte steigende Bevölkerungszahl, also der Bedarf der Wirtschaft, neue Arbeitsplätze zu schaffen. Dieser Grund ist zwar für Marx nicht der wichtigste, aber diese Art der Akkumulation lässt sich am einfachsten verstehen. Deshalb gibt er sich Mühe, zuerst die Akkumulation zu diesem Zweck - er nennt sie „erweiterte Reproduktion“ - zu erklären. Er behandelt sie ausführlich im Band II des Kapitals. An unserem Balkendiagramm lässt sich schnell verdeutlichen, wie sie abläuft.


 

 

Schon auf den ersten Blick lässt sich erkennen, dass in der Reproduktionsperiode, als das Wachstum begonnen hat - anders als davor - der obere (graue) Teil des rechten Balkens größer ist als der obere Teil des linken Balkens. Dies bedeutet, dass die Wirtschaft mehr Produktionsgüter produziert als sie während der betrachteten Reproduktionsperiode verbraucht hat. Dieser Überschuss (grün)  an Produktionsgütern kann in der darauf folgenden Reproduktionsperiode sofort investiert bzw. akkumuliert werden.

Wenn aber die Wirtschaft mehr Produktionsgüter herstellt als sie verbraucht, hat dies zur Folge, dass man weniger Konsumgüter produzieren kann, so dass auch weniger Konsumgüter verbraucht werden können. (Die untere Hälfte des rechten Balkens.) Dies ist eine wichtige Schlussfolgerung: Will man, dass die Wirtschaft wächst, muss vorübergehend auf Konsum verzichtet werden. Dies hat - was sich aus dem Diagramm unmittelbar entnehmen lässt - eine entsprechende Umschichtung bei den Nettoeinkünften zur Folge. Ein Teil der Nettoeinkünfte bzw. des Geldes - auf dem Bild mit S bezeichnet -, das früher in den Konsum überging, soll auf die Bank gebracht werden. Die Banken leiten dann dieses Geld weiter an Unternehmen, die mit ihm Produktionsgüter kaufen - also investieren. Das wird in der ökonomischen Theorie als Sparen bezeichnet. Das Sparen ist also ein Mechanismus, um den Kapitalstock (das konstante Kapital) zu vergrößern. In unserem Diagramm wird in zwei nacheinander folgenden Reproduktionsperioden gespart. Weil danach der Kapitalstock der Wirtschaft so groß geworden ist, dass alle Arbeitslosen Arbeit gefunden haben - so unsere Annahme -, hat die Wirtschaft keinen Grund weiter zu sparen und zu akkumulieren.

Sparen und Investieren zu dem Zweck, zusätzliche Fabriken zu bauen, damit mehr Menschen Beschäftigung finden, ist aber nicht das, was laut Marx zum wichtigsten Wesen der kapitalistischen Wirtschaft gehört. Seiner Auffassung nach ist eine andere Akkumulation des Kapitals für die Funktionsweise der kapitalistischen Wirtschaft entscheidend: die zum Zweck der Produktivitätssteigerung bzw. zur Erhöhung des organischen Zusammenhangs des Kapitals. Was zwingt aber die Unternehmen, auch zu diesem Zweck zu investieren? Natürlich die Konkurrenz. Wenn ein Unternehmer nicht zu diesem Zweck ständig investiert, kann er - nach Marxscher Auffassung - seine Produktivität nicht steigern, so dass ihn der Markt früher oder später mit Konkurs bestrafen wird. Daraus folgt unmittelbar, dass ein Unternehmer Geld braucht, viel Geld. Aber woher?

Die Arbeiter, die von ihren Löhnen gerade noch überleben können, haben keine Möglichkeit zu sparen. Folglich lässt sich vom Profit sparen. Aber wie viel? Wenn die organische Zusammensetzung des Kapitals tendenziell wächst, ist der Kapitalist gezwungen, einen immer größeren Teil seines Profits zu investieren. Er wird sich also immer weniger ein üppiges Leben leisten können.

An dieser Stelle ist es angebracht zu erwähnen, dass die Marxsche Idee von sparsamen Reichen später von Max Weber in seiner Theorie des Kapitalismus (der „Kapitalbildung durch asketischen Sparzwang“) aufgegriffen wurde. So gelang es Weber im Schlepptau der Marxschen Akkumulationstheorie zu dem berühmtesten Ökonomen des 20. Jahrhunderts zu werden. Man sieht auch hier deutlich, was eine akademische Schnapsidee anrichten kann.

Aber mehr als den ganzen Profit können auch die asketischsten Kapitalisten nicht einsparen. Weil aber die Kapitalzusammensetzung immer weiter steigt, werden immer weniger von ihnen genug Geld für Investitionen aufbringen können, auch wenn sie alle ihre Profite eingespart hätten. So wie in dem Ricardoschen Modell der (gute) Boden immer mehr fehlte, so fehlt es im Marxschen Modell immer mehr an Kapital. Die unmittelbare Folge der halsbrecherischen Produktivitäts- und Akkumulationssteigerung ist, dass das Kapital immer weniger Arbeiter beschäftigen kann.

„Hieraus folgt, daß je mehr die kapitalistische Produktionsweise sich entwickelt, eine immer größere Kapitalmenge nötig ist, um dieselbe und mehr noch eine wachsende Arbeitskraft zu beschäftigen. Die steigende Produktivkraft der Arbeit erzeugt also, auf kapitalistischer Grundlage, mit Notwendigkeit, eine permanente scheinbare Arbeiterübervölkerung.“
„Je größer der gesellschaftliche Reichtum, das funktionierende Kapital ... desto größer die industrielle Reservearmee. ... Die verhältnismäßige Größe der industriellen Reservearmee wächst also mit den Potenzen des Reichtums. Je größer aber diese Reservearmee im Verhältnis zur aktiven Arbeiterarmee, desto massenhafter die konsolidierte Übervölkerung, deren Elend im umgekehrten Verhältnis zu ihrer Arbeitsqual steht. Je größer endlich die Lazarusschichte der Arbeiterklasse und die industrielle Reservearmee, desto größer der offizielle Pauperismus. Dies ist das absolute, allgemeine Gesetz der kapitalistischen Akkumulation.“

Unter dem Gesetz der kapitalistischen Akkumulation, das Marx auch als Gesetz der kapitalistischen Produktion bezeichnet, werden die kleineren Firmen, also die Mittelschicht, immer mehr in Mitleidenschaft gezogen. Bis sie nämlich genug eingespart haben, um neue Technologien zu kaufen, die ihre Produktion auf die nächste Produktivitätsstufe heben würde, haben die größeren Firmen dies bereits getan. So sind die Großen immer den Kleinen einen Schritt voraus, die Kleinen werden immer häufiger in den Bankrott getrieben. Der Kapitalismus ist also auch der Totengräber der Mittelschicht. Er bringt nicht nur die Arbeiter, sondern auch die Mittelschicht, also einen immer größer werdenden Teil der Gesellschaft gegen sich. Dies wird ihm schließlich zum Verhängnis. Folglich wird geschehen was geschehen muss:

„Je ein Kapitalist schlägt viele tot. Hand in Hand mit dieser Zentralisation oder der Expropriation vieler Kapitalisten durch wenige ... mit der beständig abnehmenden Zahl der Kapitalmagnaten, welche alle Vorteile dieses Umwandlungsprozesses usurpieren und monopolisieren, wächst die Masse des Elends, des Drucks, der Knechtschaft, der Entartung, der Ausbeutung, aber auch die Empörung der stets anschwellenden und durch den Mechanismus des kapitalistischen Produktionsprozesses selbst geschulten, vereinten und organisierten Arbeiterklasse. Das Kapitalmonopol wird zur Fessel der Produktionsweise, die mit und unter ihm aufgeblüht ist. Die Zentralisation der Produktionsmittel und die Vergesellschaftung der Arbeit erreichen einen Punkt, wo sie unverträglich werden mit ihrer kapitalistischen Hülle. Sie wird gesprengt. Die Stunde des kapitalistischen Privateigentums schlägt. Die Expropriateurs werden expropriiert.“

Nun haben wir die Marxsche „Große Erzählung“ zu Ende gebracht. Wir wissen jetzt, warum der Kapitalismus nicht weiter existieren kann. In letzter Konsequenz deshalb, weil er tendenziell betrachtet immer weniger Konsumgüter und immer mehr Produktionsgüter produzieren muss. Er ist sozusagen eine schwangere ökonomische Ordnung, in deren Schoß sich ein Kapital-Fötus entwickelt und ständig wächst und wächst. Dabei saugt er allmählich die ganze Energie der Gesellschaft in sich ein - wie schwarze Löcher, die die Materie des ganzen Universums in sich aufnehmen. Das ist der wahre Grund, warum er immer mehr Armut produzieren muss. So bringt er immer mehr Menschen zur Verzweiflung, die nichts anderes tun werden können und müssen, als Revolution zu machen. Und diese wird der Glückfall der Geschichte sein. Es wird ein Happy-End geben, weil der Kapitalismus gerade durch seinen Wahn zum Sparen und zum Investieren objektive Voraussetzungen für die endgültige Lösung aller ökonomischen bzw. materiellen Probleme der Menschheit geschaffen hat. Die Revolution würde also eine Entbindung des Kapitals aus dem Organismus der privaten Wirtschaftsordnung sein. Und danach wird alles gut sein. Nicht eine kleine Gruppe der Kapitalisten wird über das Kapital entscheiden, sondern die ganze Gesellschaft. Habe davor die Akkumulation die Geschichte bestimmt, wird nun der Mensch die Akkumulation beherrschen und die Geschichte nach eigener Vorstellung gestalten.

Der Umkreis der die Menschen umgebenden Lebensbedingungen, der die Menschen bis jetzt beherrschte, tritt jetzt unter die Herrschaft und Kontrolle der Menschen, die nun zum ersten Male bewusste, wirkliche Herren der Natur ... werden. Die Gesetze ihres eigenen gesellschaftlichen Tuns, die ihnen bisher als fremde, sie beherrschende Naturgesetze gegenüberstanden, werden dann von den Menschen mit voller Sachkenntnis angewandt und damit beherrscht

Es hat sich aber nach den Revolutionen erwiesen, dass der Kapitalismus nicht ein bisschen schwanger gewesen war. Zuerst konnte man dies mit der Tatsache verschleiern, dass die proletarischen Revolutionen in den rückständigen Ländern stattgefunden haben, in den Gesellschaften, die - offensichtlich - noch gar nicht kapitalschwanger sein konnten. Den jungen kommunistischen Gesellschaften blieb also nichts anderes übrig, als zuerst das zu tun, was in den entwickelten kapitalistischen Gesellschaften schon die Kapitalisten erledigt haben: „Akkumuliert, akkumuliert! Das ist Moses und die Propheten!“ Nach einigen Jahrzehnten erfolgreicher Akkumulation sind aber immer mehr Zweifel aufgetaucht, dass die Schaffung von Kapitals automatisch zum Produktivitätswachstum bzw. zum Wohlstand führe. Die empirischen Forschungen zeigten immer deutlicher, dass sich die Kapitalausstattung (die organische Zusammensetzung des Kapitals) in den ehemaligen sozialistischen Ländern immer mehr dem Stand der kapitalistischen Länder annäherte, aber die Unterschiede in der Produktivität sind trotzdem noch riesig groß geblieben. Weil aber die kommunistische Wirtschaft so konzipiert war, dass sie nichts anderes außer der Kapitalakkumulation erfolgreich machen konnte, waren ihre Tage gezählt.

Wo bleibt die Soziologie des Zusammenbruchs

Wenn wir nun ans Ende der Marxschen „Großen Erzählung“ gelangt sind, und wenn wir über alles nachdenken, drängt sich eine Fragen auf: Wenn der Kapitalismus im Großen und Ganzen nur ein einziges Problem oder nur einen einzigen Defekt haben sollte, die halsbrecherische Akkumulation des Kapitals, warum sollten die Kapitalisten nicht etwas dagegen unternehmen können? Warum hat sich aber Marx diese Fragen nie gestellt?

Marx ist immer nur ein Philosoph geblieben, ein deutscher Metaphysiker und damit im Wesentlichen ein mittelalterlicher Mystiker. (Mit einem kleinen Unterschied, dass seine Prosa nicht so schrecklich wie die seiner Vorgänger war.) Auch nachdem er sich der Ökonomie widmete, wollte er nicht wirklich die kapitalistische Wirtschaft studieren, sondern einen Beweis für die Richtigkeit seiner Philosophie finden. Nachdem er sich sicher wurde, in der Ökonomie diesen Beweis gefunden zu haben, hat er alle soziologischen und ethischen Themen, mit denen sich Geisteswissenschaften beschäftigen, einfach vom Tisch gewischt. Weil die ökonomischen Verhältnisse alles andere dominieren, ist der Mensch für ihn kein soziales, sondern ein ökonomisches Wesen. Die Menschen sind nach seiner Überzeugung einander dermaßen entfremdet, dass es ihnen nicht möglich ist, gesellschaftliche Leben nach der eigenen Vorstellung zu gestalten, oder gar nur zu beeinflussen. Alles was die Einzelnen und die Gruppen tun, gehe also nie über das hinaus, was die ewigen und universellen ökonomischen Gesetze - heute würde man Sachzwänge sagen - ihnen aufdrängen. Dies ist gemeint, wenn Marx sagt, die ökonomische Basis würde den ganzen geistigen Überbau (Staat, Politik, Kunst, Religion, ...) bestimmen. Folglich gibt es im Marxschen Historischen Materialismus keinen Platz für Soziologie, Politikwissenschaft, Psychologie und andere Sozialwissenschaften.

Mit einem Wort: Marx hat alles auf eine Karte gesetzt und - wie sich herausgestellt hat - alles verloren. Der Kapitalismus war noch zu retten, auch deshalb, weil er doch die Möglichkeit hatte, Einfluss auf seine ökonomischen „Gesetze“ auszuüben. Nicht zu retten war dagegen der Kommunismus, auch deshalb nicht, weil sich mit den ökonomischen „Gesetzen“ bzw. „Sachzwängen“ alleine, auch wenn ihm alle Gewalt zur Verfügung stand, noch keine funktionierende, ja nicht einmal eine überlebensfähige Gesellschaft einrichten ließ.

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