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  Was die Globalisierung ganz bestimmt  n i c h t  ist:
  Sie ist keine produktionstechnisch bedingte weltweite Arbeitsteilung
 
 
Das Bedürfnis nach einem stets ausgedehnteren Absatz für ihre Produkte jagt die Bourgeoisie über die ganze Erdkugel. ... Die Bourgeoisie hat durch ihre Exploitation des Weltmarkts die Produktion und Konsumtion aller Länder kosmopolitisch gestaltet. ... Die uralten nationalen Industrien sind vernichtet worden und werden noch täglich vernichtet. Sie werden verdrängt durch neue Industrien, deren Einführung eine Lebensfrage für alle zivilisierten Nationen wird, durch Industrien, die nicht mehr einheimische Rohstoffe, sondern den entlegensten Zonen angehörige Rohstoffe verarbeiten und deren Fabrikate nicht nur im Lande selbst, sondern in allen Weltteilen zugleich verbraucht werden. An die Stelle der alten, durch Landeserzeugnisse befriedigten Bedürfnisse treten neue, welche die Produkte der entferntesten Länder und Klimate zu ihrer Befriedigung erheischen. An die Stelle der alten lokalen und nationalen Selbstgenügsamkeit und Abgeschlossenheit tritt ein allseitiger Verkehr, eine allseitige Abhängigkeit der Nationen voneinander.
    Die Bourgeoisie reißt durch die rasche Verbesserung aller Produktionsinstrumente, durch die unendlich erleichterten Kommunikationen alle, auch die barbarischsten Nationen in die Zivilisation. Die wohlfeilen Preise ihrer Waren sind die schwere Artillerie, mit der sie alle chinesischen Mauern in den Grund schießt, mit der sie den hartnäckigsten Fremdenhaß der Barbaren zur Kapitulation zwingt. Sie zwingt alle Nationen, die Produktionsweise der Bourgeoisie sich anzueignen, wenn sie nicht zugrunde gehn wollen; sie zwingt sie, die sogenannte Zivilisation bei sich selbst einzuführen, d.h. Bourgeois zu werden. Mit einem Worte, sie schafft sich eine Welt nach ihrem eigenen Bilde.
 
  Manifest der Kommunistischen Partei (1848), Karl Marx    

So weit man in die Geschichte zurück blicken kann, lässt sich feststellen, dass Menschen immer über die Grenzen des eigenen Territoriums hinaus Handel betrieben haben. Die Gründe dafür sind plausibel. In den verschiedenen Regionen der Erde herrschen unterschiedliche klimatische Bedingungen, die jeweils andere Pflanzen und Tiere besser gedeihen lassen, so dass es lohnender (ökonomischer) ist, manches auszutauschen (kaufen), als es selber zu produzieren. Auch lebenswichtige Mineralien und Energieträger sind nicht gleichmäßig auf die Weltregionen verteilt. Zu den ältesten dieser Mineralien gehört z.B. das Salz. Also ist auch hier der Handel unentbehrlich. Der erste produktionstechnische Grund für die internationale Arbeitsteilung lässt sich so formulieren:

Die klimatischen und geologischen Unterschiede

Auch der Vater des Kapitalismus, Adam Smith, war der festen Überzeugung, dass die Arbeitsteilung die wichtigste Quelle der Produktivitätssteigerung ist. Seine Überlegungen waren aber nicht nur auf die Natur beschränkt. Ihm ging es um die maschinelle Produktion und da hat er Folgendes festgestellt: Die Maschine kann zwar keine intellektuelle Leistung vollbringen wie der Mensch, wenn es aber um triviale Operationen geht, kann sie diese unvergleichlich präziser und schneller ausführen. Sie kann also die Produktivität der Routinearbeit erheblich erhöhen. Weil aber die Maschine teuer ist, wird man sie nur dann ökonomisch rentabel einsetzen können, wenn man sie auf die Produktion einer bestimmten Ware spezialisiert, die dann in großen Mengen hergestellt wird. (Man spricht in der Ökonomie von Skaleneffekten - increasing returns of scale.) Weil diese Mengen nicht auf einem kleinen Territorium verbraucht werden können, muss man die Märkte vergrößern. Den zweiten Grund der Arbeitsteilung können wir dann so formulieren:

Die Spezialisierung der Produktion

Den dritten produktionstechnischen Vorteil der Arbeitsteilung hat David Ricardo (1772-1823), der bedeutendste Ökonom der nächsten Generation nach Smith, entdeckt. Es handelt sich um die sogenannten komparativen Vorteile des internationalen Handels, auf die sich auch die Vertreter der Globalisierung immer noch am häufigsten berufen. Diese Ricardosche Entdeckung ist auch deshalb interessant, weil sie zeigt, dass die Mathematik für die ökonomische Denkweise von Nutzen sein kann. Bis dahin haben die Ökonomen nur verbal argumentiert. Wir wollen uns mit dieser Mathematik aber nicht konkret befassen (an ihr allein ist nichts auszusetzen - dies bestreitet keiner); uns geht es hier darum, ihren ökonomischen Sinn zu verdeutlichen. Zu diesem Zweck bedienen wir uns des Beispiels, das auch Ricardo benutzt: portugiesischer Wein und englische Textilien.

Das sonnige Portugal hat bekanntlich für die Weinproduktion bessere natürliche Bedingungen als das neblige und regnerische England, so dass es einleuchtend ist, dass man lieber dort Wein produzieren soll. Damit bleiben wir aber immer noch beim ältesten Grund für die internationale Arbeitsteilung. Ricardo meint etwas anderes. Er hat den technologischen Fortschritt vor Augen, aber bei ihm geht es nicht - wie bei Smith - um die Spezialisierung und die Massenproduktion. Er meint Folgendes:

Nehmen wir an, durch bessere Technologien gelingt es auch England einen genauso guten Wein und zwar genauso billig zu produzieren. Anders gesagt, die Produktivität - die Zahl der Arbeitsstunden pro Liter Wein - ist dann in beiden Ländern gleich. Was folgt daraus? Hätte es für England jetzt keinen ökonomischen Effekt mehr, den Wein aus Portugal zu importieren? Der gesunde Menschenverstand würde uns natürlich sofort sagen: Natürlich nicht! Die Schlussfolgerung ist nicht unbedingt falsch. Sie wäre aber nur in einem spezifischen Fall richtig, nämlich wenn England und Portugal auch gleich produktive Technologien für die Herstellung der Textilien hätten. (Dies war damals nicht der Fall, so dass Ricardos Beispiel zugleich mit realitätsnahen Annahmen hantiert.) Wenn man nun berücksichtigt, dass England eine bessere Technologie für die Herstellung von Textilien als Portugal besitzt, würde sich der Handel für beide Länder doch lohnen. Portugal sollte sich also auf Wein und England auf Textilien spezialisieren. Es gibt also auch einen dritten Grund, der für internationale Arbeitsteilung spricht:

Die komparativen Vorteile

Das vorgeführte Beispiel hat etwas Interessantes hervorgebracht. Wenn man einen neuen Faktor in ein Denkmodell einfügt, kann das Ergebnis völlig anders aussehen als davor. Wenn wir in diese Richtung weiter denken, wäre für uns also vorstellbar, dass ein anderer Faktor das Ricardosche „Gesetz“ über komparative Vorteile der Lüge strafen könnte. In der Tat hat sich dieses „Gesetz“ in der Praxis nicht bestätigt. Was ist nun dieser „geheimnisvolle“ Faktor, der das Gesetz zur Makulatur machte?

Der Handel zwischen England und Portugal hat sich für eine gewisse Zeit für beide Seiten ausgezahlt. Auf Dauer erwies sich aber diese internationale Arbeitsteilung für Portugal als verhängnisvoll. Portugal ist nämlich ein Agrarland geblieben, England hat seine Technologien und damit die Produktivität immer weiter entwickelt. Später hat sich zwischen Indien und England dasselbe abgespielt, jedoch eine Nummer größer. Mit folgendem Ergebnis in der Produktivität: In den 1780er Jahren bekam ein englischer Arbeiter für seine Tagesarbeit 6-7 kg Weizen, in Indien nur etwa 1 kg weniger. 1910 aber verdiente ein englischer Arbeitnehmer das Äquivalent von 33 kg Weizen, während sein indischer Kollege immer noch gleich viel bekam.

Man kann natürlich sagen, dem Ricardoschen „Gesetz“ könne man nicht anlasten, dass Portugal und Indien das Industriezeitalter verschlafen haben und ihre Technologien nicht entwickelten. Sie hätten sich z.B. nicht in der Textilindustrie weiter zu entwickeln brauchen, sondern in anderen Bereichen: z.B. im Schiffsbau. Ja, leichter gesagt als getan - sagt das Sprichwort zu Recht. Waren nämlich auch dort die Engländer nicht schon viel weiter? Die Schlussfolgerung: Die kurzfristigen komparativen Vorteile haben den technologisch rückständigen Wirtschaften langfristig nur geschadet. Man kann sie als trojanisches Pferd des Westens betrachten. Deshalb gab es nie ein rückständiges Land, das sich durch völlige Öffnung der Grenzen je industrialisiert hat. Es war z.B. nicht ein freier Welthandel, sondern ein vernünftiger Protektionismus, der es den USA und dam kaiserlichen Deutschland ermöglicht hat, die englische Produktivität zu erreichen und hinter sich zu lassen. Die komparativen Vorteile sind letztendlich immer die Vorteile des bereits ökonomisch Stärkeren. Es handelt sich bei ihnen nicht um eine globale Gewinner-Gewinner (win-win), sondern um eine Gewinner-Verlierer-Strategie. Auch später haben sich die Volkswirtshaften nie durch plumpe Öffnung der Grenzen entwickelt. Als Beispiel nehme man nur die kleinen Asiatischen Tiger, erst jüngst China und (endlich auch) Indien. Eine vertiefte Erläuterung des Prinzips der komparativen Vorteile und ihr Kritik kommt in einem der folgenden Beiträge.dorthin

Angesichts dieser Erfahrungen kann man nicht davon ausgehen, dass die westlichen Macht- und Wirtschaftseliten dies nicht wussten, als sie sich für die Globalisierung eingesetzt haben. Warum haben sie dies dann getan? Dazu gehören bestimmt und vor allem folgende zwei Gründe:

  • Sie haben sich erhofft, die ehemaligen kommunistischen Länder ökonomisch zu kolonisieren und die ehemaligen (politisch unabhängigen) Kolonien ökonomisch zu beherrschen.
  • Die, in der Zeit des „Kalten Krieges“ gegen den Kommunismus, erzwungenen und gewährten sozialen Errungenschaften zurückzunehmen und die neue Umverteilung von unten nach oben zu erzwingen.

Das erste Ziel hat man nur teilweise erreicht, das zweite umso erfolgreicher. Aber dazu kommen wir noch. In diesem Beitrag geht es uns nur um die Frage, ob die Vorteile der internationalen Arbeitsteilung die heutige Globalisierung wirklich rechtfertigen und erklären können. Vor allem geht es um die komparativen Vorteile, weil diese das stärkste Argument der Globalisierer sind.

Wie bereits gesagt, die komparativen Vorteile würde es geben, wenn Länder in unterschiedlichen Technologien führend wären und diese Unterschiede nicht unerheblich wären. Die Tatsachen widersprechen aber dieser Annahme. Unsere „postmoderne“ Welt bzw. die globale Wirtschaft sieht nicht im Entferntesten danach aus, als hätten die komparativen Vorteile wirklich viel mit der Globalisierung zu tun. Wir greifen hier ein längeres Zitat des bekannten französischen Ökonomen Daniel Cohen auf, das diese „Kuriosität“ sehr treffend beschreibt.

    Die Waren, die innerhalb Europas getauscht werden, sind weitgehend identische Produkte. Man tauscht Renault gegen Volkswagen oder Mode von Saint Laurent gegen solche von Prada. Das Hauptgeschäft im Welthandel ist der Handel zwischen Nachbarländern geworden, die untereinander vergleichbare Produkte austauschen.
    Für die im 19. Jahrhundert an den Universitäten gelehrte volkswirtschaftliche Welthandelstheorie Ricardos wäre es undenkbar gewesen, dass Länder mit praktisch gleichartigen Produkten ein Interesse daran haben könnten, miteinander Handel zu treiben. Ricardo ging von der festen Vorstellung aus, dass das, was man verkauft, per Definition verschieden von dem sein muss, was man einkauft. Der Bäcker kauft die Schuhe des Schusters und der Schuster kauft dem Bäcker sein Brot ab.
    Auf diesem Sachverhalt baute Ricardo sein Theoriegebäude auf, als er erklärte, England verkaufe seine Textilstoffe an Portugal und kaufe dafür - zum beiderseitigen Vorteil - in Portugal Wein ein. Je unterschiedlicher die Länder in ihrer Ressourcen-Ausstattung und in ihrem produktiven Know-how seien, desto mehr Gründe gebe es für einen Warenaustausch. Welche Überraschung wäre es sicher für Ricardo und seine Schüler, wenn sie sehen könnten, wie heutzutage der internationale Handel abläuft. Der internationale Handel knüpft heute nicht vorrangig ein Netz zwischen weit voneinander entfernt liegenden Ländern, er findet vorwiegend zwischen eng miteinander verbundenen Ländern statt.

Mit einem Wort, die internationale Arbeitsteilung kann in keinerlei Hinsicht erklären, warum wir heute eine globalisierte Wirtschaft haben und damit auch, warum wir sie weiterhin beibehalten sollten. Die produktionstechnischen Gründe sind für die Globalisierung noch am wenigsten verantwortlich. Es muss also andere Gründe geben, warum die Grenzen zwischen Volkswirtschaften mit aller Kraft abgebaut worden sind.

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