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  Die „Experten“ als säkulare Priesterkaste im Dienste der modernen Plutokratie
  Die Macht der Statistik jeden gegebenen Zustand nach Wunsch zu deuten
    Ein Gastartikel
       
 
Ich möchte dieses Kapitel mit einer Anekdote einleiten: Der ehemalige sowjetische Staatschef Chrustchow und der amerikanische Präsident Kennedy traten zu einem Zweikampf im 100-m-Lauf an, den Kennedy gewann. Das Ergebnis gab Radio Erivan folgendermaßen bekannt: Unser Generalsekretär Chrustchow belegte bei einem hochkarätig besetzten Wettlauf einen ehrenvollen zweiten Platz, Kennedy dagegen wurde Vorletzter
Diese kleine Geschichte hat mich schon als Kind fasziniert. Sie veranschaulicht, wie gut man mit Zahlen und dem Verschweigen von Einzelheiten Sachverhalte umdrehen oder verschleiern kann.
 
    Manfred Julius Müllerdeutscher Unternehmer und Publizist    
       

Es ist beinahe müßig, diesen Beitrag mit der Feststellung zu beginnen, dass Statistiken Seriosität und Objektivität vermitteln sollen, aber diesen Anspruch nicht immer erfüllen. Man kann sogar ohne Übertreibung einen weit verbreiteten Missbrauch konstatieren. Jedes Zahlenwerk lässt sich zurechtbiegen und mit etwas rhetorischer Retusche lassen sich die tatsächlichen Verhältnisse, für deren Wiedergabe Statistiken eigentlich gedacht sind, beliebig darstellen. Und das alles, ohne im engeren Sinne zu lügen. Da wundert die allgemeine Bekanntheit der Redewendung nicht, die fälschlich Winston Churchill zugeschrieben wird und besagt, man solle keiner Statistik trauen, die man nicht selbst gefälscht hat. Allerdings kann man, wie eben angedeutet, trotz absichtlicher Manipulation der Daten und Verzerrung der Aussage niemals direkt von Fälschungen sprechen. Wir werden diese Thematik untersuchen, indem wir statistische Tricksereien im Zusammenhang mit den dahinterstehenden Interessen betrachten. Damit könnte man allerdings ganze Bücher füllen. Deshalb konzentrieren wir uns auf die Institutionen, die in den Leitmedien regelmäßig zu Wort kommen bzw. zitiert werden.

Staatliche Behörden und die scheinbare Qualität amtlicher Zahlen

Praktisch alle staatlichen Behörden haben mit Statistiken zu tun, doch zwei davon tauchen regelmäßig in Nachrichtenmeldungen auf. Das Statistische Bundesamt trägt es schon im Namen, aber auch die Bundesagentur für Arbeit gibt viele statistische Mitteilungen heraus, die sich an die breite Öffentlichkeit richten. Man könnte nun meinen, diese Institutionen könnten sich Unabhängigkeit und Objektivität leisten, ja sie sollten sich dem sogar verpflichtet fühlen. Nicht ohne Grund wird im Alltag manchmal die Redewendung gebraucht etwas sei „amtlich“, wenn es offiziell und endgültig feststeht. Die Praxis sieht jedoch anders aus. Regierungen und Politiker nehmen massiv Einfluss, weil sie natürlich nicht immer – vielleicht sogar eher selten – Interesse an einer objektiven und ausgewogenen Darstellung der Tatsachen haben. So berichtet uns der deutsche Statistiker und Mathematiker Gerd Bosbach von einem Erlebnis aus seiner Zeit beim Statistischen Bundesamt:

„Als ich beim Statistischen Bundesamt tätig war, hatte ich auch einmal die damalige Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth am Apparat. Sie wünschte sich von uns „Zahlen für die Ausbildung von Mädchen in traditionellen Männerberufen“. Ich fragte zurück: „Meinen Sie vielleicht Zahlen über die Ausbildung von Mädchen in solchen Berufen?“ Nein, sagte sie, hörbar lächelnd; sie wollte auf jeden Fall Zahlen für die Ausbildung von Mädchen, also Zahlen, die sie bei Firmenbesuchen einsetzen könnte, um für die Einstellung von Mädchen als Auszubildende zu werben. Das Charmante an dieser Begegnung mit unserem Fall „Schummeln für eine gute Sache“ war die durchaus selbstkritische Offenheit, mit der das geschah. Frau Süssmuth wusste, dass sie der „Wahrheit“ auf die Sprünge half, Zahlen aus dem Zusammenhang riss und instrumentalisierte, um ihr politisches Ziel, eine stärkere qualifizierte Berufstätigkeit von Frauen, zu unterstützen – und sie stand dazu.“ ... >

Offensichtlich bestellen sich Politiker aber nicht nur Zahlen, um sie für ihre Zwecke selbst zu verwenden, sondern die Behörde selbst wird auf Manipulation getrimmt, meist in Form von Beschönigungen. So kommt es, dass die Öffentlichkeit immer wieder mit irreführenden Mitteilungen des Amtes konfrontiert wird. Aktuelle Beispiele hierfür lassen sich in den tagesaktuellen Medien praktisch immer finden. Wir werden uns jetzt nur die wichtigsten ansehen, die oft für Schlagzeilen sorgen, aber auch leicht zu durchschauen sind.

So werden etwa bei der Ermittlung der Arbeitnehmergehälter hochbezahlte Manager in die Berechnung miteinbezogen. Mit den geeigneten statistischen Verfahren lässt sich die Datenlage so darstellen, als sei der Normalverdiener, der sich über sein zu geringes Gehalt beschwert, nur ein Einzelfall, da es ja schließlich „insgesamt“ um das Einkommen der Arbeitnehmer nicht schlecht bestellt sei. Ganz ähnlich funktioniert der berühmte Verbraucherpreisindex. Der so genannte Warenkorb wird einfach so zusammengestellt, dass unverhältnismäßig hohe Ausgaben von anderen Preisen abgepuffert werden. Ein solcher Puffer ist z. B. das Preisniveau von Elektronikartikeln. Diese sind vergleichsweise billig und jeder der sich schon einmal einen PC gekauft hat, weiß um den rapiden Preisverfall für baugleiche Geräte. Von Anschaffung oder Besitz dieser Dinge wird man aber nicht satt und man kann nicht darin wohnen. Außerdem spielen sie für das Konsumverhalten vieler Menschen, besonders älterer, kaum eine Rolle. Doch weil der einfache Bürger von der Berechnung des Verbraucherpreisindex nichts versteht, ahnt er nur, wie er verschaukelt wird, aber kann es nicht erkennen.

Doch manchmal sind statistische Kunstgriffe nur eingeschränkt möglich bzw. überflüssig. Dann wird ein wenig dazu erzählt, um die gewünschte Wirkung zu erzielen. Aktuell funktioniert das besonders gut, wenn es um die Entwicklung der deutschen Volkswirtschaft geht. Bekanntlich geht praktisch in ganz Europa die Rezession um. Da lässt sich auch das kleinste Bisschen Wachstum als Erfolgsmeldung verpacken. Ja, man findet immer etwas, mit dem man zur Erzielung des gewünschten Eindrucks vergleichen kann.

Das Allertraurigste an der ganzen Angelegenheit wird jedoch erst dann richtig erkennbar, wenn man die Medien mit ins Bild nimmt. Natürlich kann das Statistische Bundesamt nicht einfach Meldungen herausgeben und die Details unter Verschluss halten. In vielen Fällen ist es auch nicht zu vermeiden, dass in dieser genaueren Darstellung die Überschrift der Mitteilung wieder etwas revidiert wird, weil es sonst ein zu plumper Schwindel wäre. Doch die Details werden von den Medien fast nie beachtet. Zu allem Überfluss werden auch noch glatte Falschinformationen geschaffen, um schmissige Wörter benutzen zu können. So wurde Deutschland nach Ausbruch der Krise wiederholt als „Konjunkturlokomotive“ bezeichnet. Das ist ein grandioses (und absichtliches?) Missverständnis. Bekanntlich bezieht die deutsche Wirtschaft seit vielen Jahren gerne einen großen Teil ihrer Nachfrage aus dem Ausland. Das ist schon eine sehr seltsame Lokomotive, die nicht zieht, sondern sich schieben lässt. Nein, das war keine Lokomotive, sondern eine Abrissbirne. Wie dem auch sei, in der Statistik mag Deutschland dann zwar als eines der wenigen Länder mit positiver Entwicklung auftauchen, ohne das die Datenlage noch düsterer wäre, aber aus einem rein mathematischen Effekt eine reale Tatsache machen zu wollen, ist schon ein dreister Verdummungsversuch.

Während das Statistische Bundesamt als (theoretisch) unabhängige Institution kein grundsätzliches Interesse daran hat, Datensätze gemäß bestimmten Interessenlagen zu frisieren, sieht das bei der Bundesagentur für Arbeit anders aus. Diese ist schließlich offiziell beauftragt, beim Abbau der Arbeitslosigkeit zu helfen. In jüngster Vergangenheit hat man ihr mit den Hartz-Gesetzen sogar praktisch die Hauptrolle aufgedrückt. Die Arbeitsagentur hat also ein ureigenes Interesse daran, die Zahlen, die sie selbst betreffen, systematisch zu manipulieren um sich in einem guten Licht erscheinen zu lassen.

Die Tricksereien zur Beschönigung der Arbeitslosenstatistik sind vielfältig. So werden etwa Arbeitslose über 58 Jahre nicht ebenso nicht mitgezählt wie solche, die von privaten Jobvermittlern „betreut“ werden. Außerdem wird darauf geachtet - besonders zu den Stichtagen der Erhebungen - möglichst viele Erwerbslose in verschiedenen sinnlosen „Qualifizierungs“maßnahmen unterzubringen, wo sie nach wie vor kein Geld verdienen, aber dafür nicht in der Statistik auftauchen. Eine der besonders perfiden Methoden schiebt Menschen, die zwar arbeiten, aber von ihrem Lohn nicht leben können und den Fehlbetrag „aufgestockt“ bekommen, also die berühmten Kombilöhner, in die so genannte Kategorie „Unterbeschäftigung“. Damit sind sie statistisch gesehen nicht nur nicht arbeitslos, sondern zählen als Erwerbstätige. In die gleiche Kategorie kommen Leute, die einen Minijob haben, aber kein Geld aus öffentlichen Mitteln bekommen, weil sie von ihren Familien mitversorgt werden. Die fertig frisierte Statistik wird dann immer wieder von den Medien benutzt, um ihr Gerede von einem „Jobboom“ in Deutschland zu rechtfertigen. Das beinhaltet eine beißende Ironie, denn auch und gerade im Journalismus breiten sich niedrig bezahlte Stellen und andere „moderne“ Formen der Arbeit mehr und mehr aus. Man kann sich vorstellen, wie sich ein Journalist, der, um es im Amtsdeutsch zu sagen, geringfügig beschäftigt ist vorkommen muss, wenn er die Wahl hat, entweder vom hervorragenden Zustand des Arbeitsmarktes zu schreiben oder arbeitslos zu werden.

Private Institutionen als interessengesteuerte Meinungsmacher

Neben den staatlichen Behörden gibt es auch eine Reihe von privaten Forschungsinstituten, denen man in Name und Aussage in den wichtigsten Medien oft begegnet. Zwei davon sind besonders hervorzuheben: Das Ifo-Institut unter dem wohlbekannten Hans-Werner Sinn und die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK). Beide sind dafür bekannt, so genannte Stimmungsindices zu veröffentlichen. Es ist schon nicht einfach, einen Index aus exakt messbaren Daten zu erstellen und dabei seriös zu bleiben. Wenn dann noch so etwas schwer quantifizierbares wie die Stimmung bzw. das Klima abgebildet werden soll, kann man durchaus die Frage nach Sinn und Zweck stellen. Wir werden diese Frage nacheinander an beide Institute und ihren jeweiligen Index stellen.

Beim Ifo-Geschäftsklimaindex sollten wir zunächst darüber nachdenken, was unter Stimmung der Unternehmer denn überhaupt zu verstehen ist. Bekanntlich sind deren Interessen nicht deckungsgleich mit denen der Gesellschaft, ja nicht einmal mit denen der Arbeitnehmer des eigenen Betriebs. Unternehmer klagen bekanntlich immer über zu hohe Kosten. Genauso bekannt ist aber, dass während eines Aufschwungs die Kosten steigen, während sich die Absatzlage der Unternehmen bessert. Wie beurteilt dann jemand die Konjunktur, der nur betriebswirtschaftlich denken kann? Er würde vielleicht zugeben, sein Geschäft ginge gut, aber auch vor einem weiteren Anstieg der Kosten, insbesondere der Löhne warnen. Volkswirtschaftlich gesehen ist der Anstieg der Kosten während eines Aufschwungs aber kein Problem, solange es genügend Nachfrage gibt. Man kann also durchaus sagen, die Meinung von Unternehmern und Managern ist nicht viel wert, weil sie niemals das Ganze sehen. Sie wissen selber eigentlich nie, was Sache ist. Einer der deutlichsten Belege hierfür ist die Tatsache, dass Wirtschaftskrisen die Marktwirtschaft immer wie aus heiterem Himmel heimsuchen. Mögen gestern alle noch bester Stimmung gewesen sein, sind heute alle in Schwierigkeiten und keiner hat es kommen sehen. Doch so detaillierte Überlegungen wie die hier vorgestellten muss man gar nicht anstellen, um eine geringe Meinung vom Geschäftsklimaindex zu haben, wenn man sich ansieht, wie er zustandekommt. Dem was der deutsche Wirtschaftsblogger Steffen Bogs darüber schreibt, ist nichts hinzuzufügen:

„Angesichts der Methodik und der Tatsache das es sich ausschließlich um einen Stimmungsindikator handelt, ist es ein etwas erstaunlicher Vorgang, dass dieser Stimmungsindikator zu einem allseits hochstilisierten Konjunkturindikator mutierte. Die 7000 befragten Unternehmen geben Auskunft zur gegenwärtigen Geschäftslage und beurteilen ihre Erwartungen für die nächsten sechs Monate an Hand ziemlich simpler Abfragen. Sie können ihre aktuelle Lage mit “gut”, “befriedigend” oder “schlecht” und ihre Geschäftserwartungen mit “günstiger”, “gleich bleibend” oder “ungünstiger” bewerten. Zur Methodik gibt das ifo-Institut u.a. an: “Die Fragen, wie die Unternehmen ihre aktuelle Geschäftslage beurteilen und wie sich die Geschäftslage in den kommenden sechs Monaten in konjunktureller Hinsicht verändern wird, sind dabei bewusst unscharf formuliert. Den Unternehmen wird selbst überlassen, anhand welcher Kriterien sie ihre Geschäftslage bewerten. Durch diese Art der Fragestellung wird ein hohes Maß an Flexibilität erreicht, da die Unternehmen die für sie relevanten Faktoren wählen können. Die Zuverlässigkeit der Ergebnisse hängt von Position und Funktion der ausfüllenden Person ab. Die Interpretation, was unter Geschäftslage und Geschäftsentwicklung zu verstehen ist, wird dabei bewusst den Befragungsteilnehmern überlassen.” So viel zur Qualität der Erhebung und der daraus resultierenden statistischen Relevanz.“ ... >

Man kann sich ausmalen, wie leicht es ist, diesen Indikator immer gerade so aussehen zu lassen, wie man es gerade haben will. Wenn der Geschäftsklimaindex nicht immer so viel ernsthafte Beachtung erhielte, wäre es zum Lachen: Ausgerechnet das Institut des Erfinders des Begriffs „Basarökonomie“ bietet als wichtigste Leistung einen Basar der Beliebigkeiten.

Die GfK hat es da deutlich schwerer als das Ifo-Institut. Da ihr Index nicht eine allgemeine Aussage über den Zustand der gesamten Wirtschaft treffen soll, sondern über einen ganz bestimmten Aspekt davon, kann sie sich nicht so leicht herausreden, wenn der Konsumklimaindex und die tatsächlichen Einzelhandelsumsätze nicht zusammenpassen. Das passiert mit schöner Regelmäßigkeit. Zunächst sagt die GfK, die Menschen in Deutschland seien bester Konsumlaune, was man an besagtem Index einwandfrei erkennen könne. Wenig später widerlegen dann die handfesten Daten aus dem Handel diese Aussage ganz eindeutig. Wenn man Konsumklimaindex und Einzelhandelsumsätze in einer Grafik übereinanderlegt, klafft meist eine große bis riesige Lücke zwischen ihnen, was der eben zitierte Steffen Bogs als Propaganda-Gap bezeichnet:

  ... >  

Diese Diskrepanz führt zu haarsträubenden argumentativen Eiertänzen der GfK, die im Wesentlichen auf die Behauptung hinauslaufen, tatsächliches Geldausgeben habe mit Konsumneigung nichts zu tun. Da sollte man sich mal fragen, ob ein Einzelhändler sich erleichtert die Sorgenfalten von der Stirn lächelt, wenn die GfK ihm sagt, seine potentiellen Kunden fänden seine Ware ganz toll und wollten sie auch haben, nur kaufen würden sie sie nicht. Indessen sind sich Journalisten und Politiker nicht zu schade, trotzdem immer wieder eine „kräftige Binnennachfrage“ festzustellen, die die Wirtschaftsentwicklung in Deutschland „wesentlich mittragen“ würde.

Die beiden hier vorgestellten „Forschungs“institute sind natürlich nicht die einzigen, die neoliberales Gedankengut „wissenschaftlich“ legitimieren wollen. Leider muss man sagen, dass in Deutschland bis auf wenige Ausnahmen alle privaten Institute stramm neoliberal eingestellt sind. Viele der dort beschäftigen „Wissenschaftler“ gehören gleichzeitig auch noch zum Lehrpersonal öffentlicher Universitäten. Das erwähnen wir hier aber nur am Rande, weil damit unsere Behauptung über den unseriösen Wissenschaftsbetrieb in der Ökonomie aus dem vorhergehenden Beitrag belegt wird. Diese gekauften Fachleute und ihre Institute geben immer wieder Publikationen heraus, die in den Medien als „Studien“ bezeichnet werden. Wir sollten an dieser Stelle einmal darüber nachdenken, was dieses Wort eigentlich bedeutet. Normalerweise versteht man darunter eine systematische Untersuchung einer bestimmten Fragestellung, um etwas darüber herauszufinden, was als allgemein gültige Erkenntnis, also als Tatsache, gelten kann. Wie wir in unseren Überlegungen zur Erkenntnistheorie an anderer Stelle ausführlich erörtern ist es aber nicht möglich, einfach die Welt möglichst unvoreingenommen zu beobachten und das dann zu verallgemeinern. Jede Beobachtung und damit erst recht jede Studie gründet auf einem theoretischen Fundament. Im Fall der neoliberalen Experten ist das eine Theorie, die immer nur eine Interpretation der Tatsachen zulässt: Den Interessen der Reichen und Kapitalbesitzer muss so gut wie es nur geht entsprochen werden. Dies schimmert manchmal auch in der Berichterstattung durch, wenn ein Institut „arbeitgebernah“ oder (viel seltener) „arbeitnehmernah“ genannt wird. Durchaus zu Recht, muss man sagen. Für die Ökonomie als akademische Disziplin ist das jedoch ein Armutszeugnis ersten Ranges. Wer sich Wissenschaftler nennt und damit beansprucht, etwas über die Wirklichkeit herausfinden zu können, dessen Arbeit und besonders dessen Ergebnisse müssen unabhängig von irgendwelchen Interessenlagen sein. In den Naturwissenschaften ist so etwas unmöglich bzw. ein Fall von grobem Betrug. Nehmen wir einmal an, ein finanzstarkes Unternehmen beauftragt ein geowissenschaftliches Institut, in einer bestimmten Gegend nach Bodenschätzen zu suchen. Wenn dort keine vorhanden sind, dann ist dies das Ergebnis der wissenschaftlichen Studie, an dem sich nichts ändern lässt, und wenn sich die Geldgeber auf den Kopf stellen. Wir halten fest: Ein allzu großer Pluralismus innerhalb einer Disziplin und infolge dessen das gleichzeitige Vorhandensein von vielen, miteinander völlig unvereinbaren Gelehrtenmeinungen ist ein deutliches Zeichen für Unterentwicklung. Den Reichen und Mächtigen kommt ein solcher Zustand aber sehr gelegen. Es werden einfach die „Wissenschaftler“ großzügig unterstützt, welche die gewünschten Ergebnisse zu liefern in der Lage sind, ohne dass dabei die Absicht allzu sehr auffällt. Nicht nur Institute die sich einen wissenschaftlichen Anstrich geben, übernehmen diese Aufgabe, sondern auch Stiftungen und so genannte Think Tanks.

Die umtriebigsten Think-Tanks in Deutschland sind zum einen die Bertelsmann-Stiftung und die Initiative neue soziale Marktwirtschaft (INSM). Erstere veröffentlicht ständig Studien, die auf die Politik mittlerweile beachtlichen Einfluss ausüben. Daneben betreibt sie auch verschiedene Institute, in deren Namen meist das Wort „Centrum“ vorkommt. So war das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) maßgeblich daran beteiligt, die deutschen Universitäten im neoliberalen Sinne zu „reformieren“. Die INSM fertigt auch Studien an, betätigt sich aber auch gewissermaßen als Werbeagentur, die über Zeitungsanzeigen u. ä. Stimmung machen will.

Auf internationaler Ebene fehlt es ebenfalls nicht an neoliberaler Stimmungsmache. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD) ist dabei sehr häufig anzutreffen. Obwohl die berühmt-berüchtigte PISA-Studie praktisch jedem ein Begriff ist und für viel Aufregung sorgte, wissen viele nicht, dass sie von der OECD stammte. Es ging also nie darum, Kindern und jungen Menschen eine gute Bildung zu vermitteln, damit diese ein gutes Leben führen können, sondern schlicht und einfach um deren spätere Verwertbarkeit als Arbeitskräfte. Bei dieser Verbreitung des betriebswirtschaftliche geprägte Weltbilds wundert es nicht, dass auch große, international tätige Unternehmensberatungen wie McKinsey aus Amerika oder das britische Unternehmen Ernst & Young sich berufen fühlen, andauernd ihre Meinung zu volkswirtschaftlichen Fragen kundzutun und ggf. Forderungen an die Politik zu stellen.

Zum Schluss dürfen wir auch die so genannten Umfrage- bzw. Meinungsforschungsinstitute nicht unerwähnt lassen, wie etwa Forsa, Emnid, Allensbach oder Infratest Dimap. Da diese keine öffentlich finanzierten Institute sind, können sie sich keine echte Unabhängigkeit leisten. Was passierte nämlich, wenn man zu einem Ergebnis käme, das dem Auftraggeber nicht gefällt? Es gäbe keine Aufträge mehr. Deswegen sollte man immer skeptisch sein, wenn man mit der Veröffentlichung eines demoskopischen Instituts konfrontiert wird. Gerade bei Umfragen ist es ein Leichtes, durch geschickte Fragestellungen jedes gewünschte Umfrageergebnis zu erreichen.

Eine kurze Zusammenfassung und Bewertung

Über alle genannten Einrichtungen kann sich der Leser anderswo ausführlich informieren. Es gibt viele Websites und Bücher, die sich kritisch mit deren Hintergründen, Tätigkeiten und ihren Verstrickungen mit der Politik befassen. Uns geht es hier vor allem um ihre manipulativen Methoden. Einige davon haben wir schon genannt. Manipulationen an statistisch gut quantifizierbaren Zahlen und eine voreingenommene Perspektive auf die Welt sind noch sozusagen als höflich einzustufen. Die wesentliche Dreistigkeit, die uns schon bei den Indices für Geschäfts- bzw. Konsumklima begegnet ist, kann man als Messbarkeitslüge bezeichnen. Da werden Größen, die sich eigentlich gar nicht messen lassen, in Zahlen mit Nachkommastellen angegeben und in Grafiken dargestellt. Das soll eine Genauigkeit vortäuschen, die gar nicht gegeben ist. In den seriösen Wissenschaften wird so etwas Scheingenauigkeit genannt und rigoros abgelehnt. Aber die neoliberalen Stimmungsmacher brauchen nun mal Futter für ihre Kampagnen und wissen ganz genau, wie wenig der nicht entsprechend Gebildete von wissenschaftlicher Arbeitsweise versteht, von Erkenntnistheorie ganz zu schweigen. Und so werden wir immer wieder Zeugen, wie luftig formulierte Umfragen in exakte Zahlen gegossen und in bunten Schaubildern in den Medien auftauchen, woraufhin sich die Politik unter Zugzwang setzen lässt. Besserung ist nicht in Sicht, denn die „Experten“ haben selbstverständlich auch ihre Tricks, um über Jahre hinweg stets Recht zu behalten und ihre Inkompetenz bzw. Scharlatanerie zu verschleiern.

Denn eines kann jeder sehen, der weiß wonach er suchen muss: Die Realität lässt sich von falschen Theorien und interessengesteuerter Forschung nicht beeindrucken. Das kann man daran erkennen, dass die neoliberalen „Experten“ sich wieder und wieder irren. Ihre Vorhersagen treffen nicht ein und die von ihnen vorgeschlagenen Maßnahmen bringen nicht die versprochene Wirkung. Trotzdem schaffen es diese Schreibtischtäter jedes Mal wieder, ihr eigenes Scheitern zu übergehen und die Politik auf ihrem Kurs zu halten. Wie sie das erreichen, sehen wir uns im nächsten Beitrag an.

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