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       Wie unsere Machteliten ihre Kritiker als Verschwörungstheoretiker diffamieren
     Die „wissenschaftliche“ Immunisierung des Neoliberalismus gegen Tatsachen
 

  Ein Gastartikel

 
Lakatos und Du betrachtet euch als Revolutionäre? Dass ich nicht lach! Da sieht man, in den deutschen philosophischen Sümpfen ist selbst ein Popperianer noch revolutionär. Was mich betrifft, so ist der Popperismus die schwärzeste Reaktion, die ich je gesehen habe und doppelt gefährlich, da sie unter dem Deckmantel des Fortschrittes und der Humanität auftritt.
 
  Aus einem Brief des bekannten Philosophen Paul Feyerabend an den popperianischen Philosophen Hans Albert    

Wir haben schon gezeigt, dass Kritiker der gesellschaftlichen Verhältnisse eine sehr emotional geprägte Haltung der Realität gegenüber haben, was nicht verwundern kann. Sie sind oft die in irgendeiner Form Verlierer der Verhältnisse: Menschen mit Existenzängsten, die Betrogenen und Ausgeraubten. Sie sind die Empörten, die in ihrer dramatischen Lage ihre Emotionen nicht immer unter Kontrolle haben. Das erleichtert den Herrschenden, oder wie man es auch noch sagt den Machteliten, sie als irratonal oder schizophren, also psychisch gestört oder gar krank zu bezeichnen - als Menschen, die sich der Realität verweigern. Das haben wir im vorigen Beitrag näher erörtert.

Aber so einfach können sich die Machteliten heute ihrer Kritiker doch nicht entledigen. Denn die Tatsachen von denen die angeblichen Verschwörungstheoretiker ausgehen, wenigstens einen Teil davon, haben unsere Machteliten gewollt und insgeheim verursacht. Diese Tatsachen sind unbestreitbar real. In den meisten Fällen handelt es sich dabei um Tatsachen, die der breiten Öffentlichkeit sogar gut bekannt sind, was die Herrschenden zusätzlich zwingt, die Argumente der „Verschwörungstheoretiker“ ernst zu nehmen. Dazu kommt, dass es heutzutage in den Industrieländern die Meinungsfreiheit und die Demokratie gibt - zumindest offiziell. Außerdem ist die Mehrheit in den westlichen parlamentarischen Demokratien tatsächlich im Stande, eine verlogene und korrupte Regierung abzuwählen. Das führt dazu, dass unvorteilhafte Tatsachen ein viel größeres Problem für die Machteliten darstellen als früher. Die heutigen Machteliten müssen die Tatsachen doch ernst nehmen. Sie müssen sich bemühen, sie zu entkräften, ohne sie zu leugnen. Es gibt mehrere Möglichkeiten dafür.

Die „Verschwörungstheoretiker“ als nur naive und unwissenschaftliche Realitätsvereinfacher

Die Lösung der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Probleme verlangt Fachwissen, das die große Mehrheit der Bürger natürlich nicht hat. Dann ist es möglich, den unzufriedenen Bürgern zu unterstellen, dass sie bestimmte Tatsachen einfach übersehen oder fasch verstanden haben. Man gesteht ihnen zu, etwas korrekt beobachtet zu haben, aber im nächsten Schritt wirft man ihnen vor, ihre Sichtweise wäre nicht vollständig und schon deshalb sei sie nicht zutreffend. Oder schlimmer noch, die nicht qualifizierten Bürger würden Tatsachen in den Vordergrund stellen, die letztendlich doch gar nicht relevant seien. Von einer solchen unvollständigen oder gar an der Sache vorbei gehenden Wahrnehmung aus würde man dann angeblich die Probleme mit Mitteln zu lösen versuchen, die völlig ungeeignet seien. Beispiele für diese Art des Umgangs mit den Kritikern gibt es viele. Erwähnen wir nur die aktuellsten:

Man gibt zu, die Bürger hätten richtig gesehen, dass ständig reformiert wurde, aber keine der versprochenen Wirkungen eingetreten ist. Die Bürger sehen ebenfalls richtig, dass die Wirtschaft und die Banken seit dem Herbst 2008 ständig gerettet wurden, jedoch nach jeder Rettung die nächste Rettung nötig wurde. Ja, in letzter Zeit wären zwar nur die Reichen reicher geworden - auch das gibt man mittlerweile zu - aber selbst das hätte doch eigentlich dem guten Zweck dienen sollen. Die Reichen sollten investieren und Arbeitsplätze schaffen - immerhin wolle man für die Bürger nur das Beste. Aber daraus wurde bekanntlich nichts. Das alles war nach einem gewissen Zeitabstand so offensichtlich, dass es kaum mehr möglich war, die unzufriedenen Bürger als irrationelle oder geistig verstörte Verschwörungstheoretiker zu denunzieren. Was sich nicht mehr geheim halten oder vertuschen lässt, muss man irgendwie zugeben, aber gleichzeitig auch umdeuten - also unschädlich machen.

Dafür haben die Machteliten ihre „Experten“ und „Wissenschaftler“ - so wie die Feudalherren „von Gottes Gnaden“ damals ihre Pfaffen und Priester. Ihre Aufgabe besteht darin, den Bürgern in „seriösen“ und „unabhängigen“ Medien zu erklären, dass die Thematik „sehr komplex“ und für den Normalbürger nicht einsichtig sei. Die Maßnahmen seien auf jeden Fall gut überlegt und richtig, es gebe nur ein „Vermittlungsproblem“. Und die heute nachweisbaren negativen Auswirkungen seien doch nur „vorübergehend“, aber „langfristig“ würde sich schon alles zum Guten wenden, wenn man von dem einzig richtigen Weg ja nicht abgeht. Die Maßnahmen, die richtig und alternativlos sind, benötigten nun einmal „Zeit, um zu wirken“.

Verantwortlich für die negativen Folgen ist somit niemand. Unsere Machteliten verstecken sich hinter anonymen Phänomenen, wie z. B. dem Strukturwandel der Wirtschaft, dem demographischen Wandel oder der Globalisierung. Es wird immer wieder betont, dass die „Sachzwänge“ gar keine Handlungsalternativen zuließen. Ja, noch besser als den Missbrauch der eigenen Macht zu leugnen ist es zu leugnen, überhaupt Macht zu haben. Wer diese Ausreden nicht gelten lässt und Personen oder Gruppen für die Resultate ihres Handelns zur Rechenschaft ziehen will, wird zum Paradebeispiel eines Verschwörungstheoretikers erklärt. Als das Äußerste an persönlich zu verantwortendem Tun gilt höchstens noch der Umgang mit dem allgegenwärtigen und unerbittlichen „Sachzwang“. Aber das sei nun mal eine Sache, die nur „Experten“ etwas anginge. Dem normalen Bürger stünde ein Urteil gar nicht zu.

Damit der Bürger auch glaubt, wie extrem kompliziert diese Angelegenheiten sind, produzieren die „renommierten“ Institute, mit den besten Köpfen aus den „Elitenuniversitäten“, immer neue Gutachten. Ihre Verfasser, die „Experten“, sind bekanntlich stolz darauf, wie „analytisch streng“ sie dort ihre Behauptungen nachweisen können, doch schließlich erweisen sich diese Gutachten als ein Haufen Müll aus Worten und Zahlen, die nicht das Papier Wert sind, auf dem sie stehen. Die methodische Strenge und eine sozusagen handwerkliche Perfektion dieser Gutachten, mit der die Laien eingewickelt werden sollen, kann man ihnen in der Tat nicht absprechen. Es wird dazu des Öfteren ironisch bemerkt: Die Ökonomen sind Wissenschaftler, die analytisch streng nachweisen können, warum heute das exakte Gegenteil von dem richtig ist, was sie gestern für richtig gehalten haben.

Angesichts dieser Tatsache, dass eigentlich nichts stimmt, was die neoliberalen „Experten“ und „Wissenschaftler“ sagen und versprechen, ist es verwunderlich, dass dieses Verhalten bzw. Versagen ihrem Ansehen so wenig geschadet hat. Ein Teil der Antwort ist der Medienkonsum der Bürger. Dazu sagen wir im nächsten Beitrag mehr. Wir bleiben hier dabei, wie die neoliberale „Wissenschaft“ auf eine „streng wissenschaftliche“ Weise kritische Stimmen abzustellen versucht.

Den so genannten Laien, mag man noch ein einfaches Denken unterstellen können, mit dem sie die wichtigen Zusammenhänge nicht zu begreifen in der Lage sind, jedoch gibt es in jeder Gesellschaft auch selbständig denkende und gut ausgebildete Menschen, den sich geistig bei den Machteliten prostituierenden „Experten“ fachlich ebenbürtig sind. Diese soziale Gruppe ist zwar klein, aber ihr Einfluss lässt sich nicht vernachlässigen. Nebenbei bemerkt, war diese Gruppe auch vor nicht allzu langer Zeit der relevanteste und der wichtigste Faktor beim Zusammenbruch des Kommunismus. Das danach fehlnde Engagement der Intelligenzija hatte zur Folge, dass der Kapitalismus mehrere Jahrzehnte keine qualifizierten Kritiker mehr hatte. Das ist aber nur eine vorübergehende Erscheinung. Die kritische Intelligenzija wird sich zurück melden, aber nicht deshalb, weil die Bildungsbürger bessere Menschen sind, denen eine gerechtere Gesellschaft am Herzen liegt, sondern weil der Kapitalismus nicht nur bei den Niedrigqualifizierten eine Reservearmee erzeugt, sondern genauso auch bei den Akademikern. Und weil nichts stärker das Bewusstsein des Menschen bestimmt als sein soziales Sein - wie es Marx richtig festgestellt hat - werden die Akademiker irgendwann nolens volens wieder dort landen, wo sie seit dem entstehen des Kapitalismus bis etwa zur Mitte des 20. Jahrhunderts waren, nämlich auf der Seite der besitzlosen Bevölkerungsmehrheit.

Die letzten Jahrzehnte waren also ein besonderer und sehr ungewöhnlicher Zeitabschnitt in der Geschichte des Kapitalismus. Die sozusagen „normale“ Situation war, dass die Intelligenzija die schärfsten und gefährlichsten Kritiker der kapitalistischen Klassengesellschaft stellte. Diese Zeit wird zurückkehren. Deshalb ist es angebracht, uns daran zu erinnern, wie die gut gebildeten Kritiker schon damals intellektuell eingeschüchtert werden sollten.

Die linken Denker und Intellektuellen, als angeblich die übelsten aller „Verschwörungstheoretiker“

Am Anfang des 19. Jahrhunderts stolperte der Kapitalismus von einer Katastrophe in die andere. Weder Kriege noch der Faschismus konnten ihn retten, im Gegenteil. Nach dem Ersten Weltkrieg kam es in Russland zur kommunistischen Revolution, nach dem Zweiten breiteten sich Kommunismus und Sozialismus auf allen Kontinenten wie Lauffeuer aus. Der Kapitalismus stand mit dem Rücken zur Wand, so nah wie nie zuvor seit seinem Entstehen. Folglich war seinen Verteidigern jedes Mittel recht, die Völker der Welt vor dem Kommunismus zu „schützen“ und ihnen die „Freiheit“ zu bringen, auch wenn man diese Völker dabei auslöschen sollte - erinnern wir uns an die Napalmbomben und andere abscheuliche und teuflische Kriegsverbrechen in Korea, Vietnam und anderswo.

Es waren aber immer die armen Länder, die sich von dem Sozialismus ein besseres Leben erhofften, und somit für die Versprechen des Marxismus und der anderen sozialistischen Theorien empfänglich waren. Die Armen wollten sich nicht mehr mit dem Beten und Schuften zufrieden geben und mit dem paradiesischen Jenseits vertrösten. Außerdem konnte es den Menschen nicht mehr einleuchten, warum die Wirtschaft und die Produktivität wachsen, aber es der großen Mehrheit der Menschen immer gleich schlecht oder noch schlechter gehen soll. Dieses Problem haben wir auch in den letzten drei Jahrzehnten, nach der neoliberalen Konterrevolution. Und genau das hat Marx immer dem Kapitalismus vorgeworfen: Der kapitalistische Überbau wird immer weniger dem Niveau der Entwicklung der Produktivkräfte („materielle Basis“) gerecht. Das hat die linken Intellektuellen gefährlich gemacht. Sie waren es in der Tat, die den Menschen den Fortschritt ins Ohr geflüstert hätten, so Raymond Aron (1905- 1983), ein konservativer und liberaler französischer Philosoph und Soziologe.

„Der Kommunismus jedoch hat sich der Massen nicht deswegen bemächtigt, weil er eine christliche Ketzerei ist, sondern weil er die extremste Form, die entschlossene Auslegung der rationalistischen und optimistischen Philosophie zu sein scheint.
Die Revolutionen des 20. Jahrhunderts sind keine proletarischen Revolutionen, sie wurden von Intellektuellen erdacht und geführt. “ ... >

Es war aber unmöglich den linken Intellektuellen vorzuwerfen, sie seien Realitätsvereinfacher. Ihre Theorien, Marx ist dafür das beste Beispiel, waren alles andere als simple Verschwörungstheorien, die auf irgendwelchen unbedeutenden oder nicht relevanten Tatsachen fußten. Marx war einer der gebildetsten Menschen des 19. Jahrhunderts und er wird in der Geschichte als einer der größten Philosophen und Ökonomen bleiben - daran wird trotz seiner Irrtümer und Fehler niemand etwas ändern. Wie kann man gegen einen solchen Menschen vorgehen? Aron - wie auch den anderen Freiheitskämpfern - fiel nicht viel mehr ein, als nur zu pöbeln und zu poltern.

„Die falschen Liberalen stammen alle von einem Psychopaten namens Karl Marx ab.“ ... >

Unterstreichen wir noch einmal, dass Aron diese Aussage nicht kurz vor Mitternacht an einem Stammtisch entglitten ist, sondern sie steht in einem seiner wichtigsten Bücher: Opium für Intellektuelle. Und damit war er kein Sonderfall. Wir haben bereits im vorigen Beitrag erwähnt, wie der Neoliberale Mises die Arbeiter, denen während der kapitalistischen Krisen den Boden unter den Füßen weggezogen wurde, noch der psychischen Erkrankung bezichtigte. Da fragt man sich, wie heute die Nachfolger von Aron und Mises reagierten, würde man mit gleicher Münze zahlen. Welche Entrüstung würde jemand auslösen, wenn er öffentlich sagte, dass die falschen Liberalen alle von einem Psychopaten namens Hayek abstammten. Man würde demjenigen sofort jegliche Seriosität und Kompetenz absprechen, seine Reputation wäre ruiniert. Eigentlich würde in den Medien keiner je die Chance bekommen, so etwas überhaupt zu äußern; in den Medien der kapitalistischen Gesellschaften kann man nur so viel sagen, wie man Geld hat. Das ist die gespaltene Zunge, mit der der Neoliberale schon immer spricht.

Den Hexenhammer für den Kampf gegen die linken Intellektuellen und vor allem gegen Marx hat aber erst Popper erfunden, mit seiner Erkenntnisphilosophie, auch bekannt als Kritischer Rationalismus. Dem widmen wir nun unsere volle Aufmerksamkeit.

Karl Popper und seine „wissenschaftliche“ Methode Marx und die lästigen Tatsachen zu überlisten

Der neue Liberalismus, ganz anders als der ursprüngliche oder klassische Liberalismus, hatte im wahrsten Sinne des Wortes totalitäre Ansprüche den anderen Geisteswissenschaften gegenüber, was sich leicht verstehen lässt:

Wenn die einzige Realität angeblich nur das Individuum sei, was der erste und wichtigste Glaubensatz des Neoliberalismus ist, wenn es also keine Gesellschaft gäbe - „there is no such thing as society“ (Margaret Thatcher) -, dann wäre die Soziologie unmöglich; wenn alle moralischen Gefühle individuell relativ seien, dann wäre auch die Ethik gegenstandslos - überflüssig und hinfällig. Mit dem Sozialdarwinismus hat der neue Liberalismus sogar versucht, sich der Biologie zu bemächtigen, sie auf „fressen und gefressen werden“ zu reduzieren. Der Mensch als gnadenloser, rationaler Nutzenmaximierer könne schließlich kaum mehr als ein gefühlloser Mechanismus sein, so dass auch für die Psychologie so gut wie nichts zu tun bleiben würde. Einen solchen Totalangriff auf die Wissenschaften hat sich seit dem Anfang der Moderne nicht einmal die Religion mehr getraut. Es ist merkwürdig wie der Neoliberalismus in dieser Hinsicht dem Marxismus, der auch alles der „materiellen Basis“ unterordnete, verblüffend ähnlich ist.

Mit seinem konsequenten Festhalten an der bedingungslosen Unterordnung aller Wissenschaften unter das Muster der neoliberalen Doktrin wurde Hayek nach der Großen Depression zum unangefochtenen Hohepriester der radikalen Marktideologie in Europa. Der einzige, den Hayek in gewissen Grenzen gewähren ließ, außerhalb der strengsten ökonomischen Dogmen etwas zu unternehmen, war Karl Popper. Man kann sogar sagen, dass Popper der Philosoph von Hayeks Gnaden war. Er verdankte Hayek im Wesentlichen seine Karriere. Deshalb kann es nicht verwundern, dass Hayek zu den wenigen Intellektuellen gehörte, die Popper nie ernsthaft kritisierte. Das war der Preis, den Popper für seine Sonderposition als einziger anerkannter Philosophen des marktradikalen Liberalismus zahlen musste.

„Popper konnte sich in kontroversen Punkten gegen Hayek nie durchsetzen. In Diskussionen mit Hayek ruderte Popper immer wieder zurück. Sein Weg führte ihn damit nach rechts, und während der rechtsliberale Neoliberalismus sich mit dem Appendix einer erfolgreichen Wissenschaftstheorie modernisierte, verfiel der Kritische Rationalismus, um Paul Feyerabend zu zitieren, seinerseits in Stagnation und die ,schwärzeste Reaktion'.“ ... >

Hayek hat bei Popper sogar geduldet, dass er so etwas wie eine Großtheorie - eine „Große Erzählung“ im Sinne des postmodernistischen Sprachgebrauchs - zu betreiben. Die Philosophie und die Erkenntnistheorie von Popper ist nämlich kein methodologischer Reduktionismus à la Hayek. Die Auffassungen von Hayek (individualistischer Reduktionismus) und Popper (Kritische Theorie) waren im Grunde unterschiedlich, aber im Nachhinein betrachtet, waren sie mehrere Jahrzehnte ein erstaunlich erfolgreiches Team. Sie marschierten getrennt aber schlugen gemeinsam. „Der Weg zur Knechtschaft“ von Hayek und ein Jahr später „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ von Popper waren die Werke, die im Laufe der Geschichte eine große Tiefenwirkung erzielten. Ihr Einfluss reichte weit in die Sozialdemokratie hinein, weil diese in ihrem Kampf gegen links die Vorzüge von Poppers Ausschlussverfahren schätzen lernte. Aus heutiger Perspektive kann man aber sagen, dass sich Popper nie von der Rolle des Juniorpartners befreien konnte, dass sein Kritischer Rationalismus allenfalls in der politischen Auseinandersetzung des Kalten Kriegs als Stichwortgeber gegen den real existierenden Sozialismus von Bedeutung war. Mehr nicht.

Es ist interessant, wie Popper zum Erzfeind des Marxismus wurde. Angeblich, so pflegte er immer wieder zu erzählen, sei er selbst einmal Marxist gewesen.

„Was mich vom Kommunismus abbrachte ... Es war kurz vor meinem siebzehnten Geburtstag. Mehrere junge sozialistische und kommunistische Arbeiter wurden erschossen. Ich war erschüttert: entsetzt über das Vorgehen der Polizei, aber auch empört über mich selbst. Denn es wurde mir klar, dass ich als Marxist einen Teil der Verantwortung für die Tragödie trug.“

Es war das Jahr 1919, als bei einer Demonstration unbewaffneter Sozialisten und Kommunisten in Wien einige junge Arbeiter von der Polizei erschossen wurden. Das Erlebnis sollte bei Popper eine Bekehrung auslösen. Bekehrung ist in der Tat ein starkes Wort. Passt aber ein solches Wort für einen Jungen der am Anfang der Pubertät steht? Kann man bei einem so jungen Menschen von einem weltanschaulichen Richtungswechsel sprechen? Hatte Popper schon als siebzehnjähriger begreifen können, was ein Marxist zu sein bedeutet? Es klingt zumindest merkwürdig, wenn Popper behauptet, bis zu seinem siebzehnten Lebensjahr, in den frühen Jahren seiner Jugend, sei er Marxist gewesen. Man kann dahinter etwas Anderes vermuten. Es macht nämlich Eindruck, wenn jemand etwas in dem Sinne sagt wie: Ich gehörte zu ihnen, ich kenne mich als Insider bestens aus, aber gerade deshalb weil ich sie kenne, habe ich mich von ihnen abgewandt. Keinem glaubt man mehr als dem Gläubigen, der keiner mehr ist - ein vom Glauben Abgefallener.

Nach diesem tragischen Erlebnis hatte Popper also vorgeblich begriffen, was der Marxismus wirklich bedeutet: Unglück und Tod. Eine in der Tat merkwürdige Schlussfolgerung. Nicht der liberal-kapitalistische Staat und seine Polizei trug die Schuld dafür, dass die Arbeiter demonstrierten und erschossen wurden, also an den von ihm konkret produzierten Opfern. Der Kapitalismus konnte in Poppers Logik gar keine unschuldigen Opfer produzieren. Aber Popper geht noch weiter.

Für ihre Rebellion gegen die Staatsgewalt waren nicht die Arbeiter selbst verantwortlich, sondern die Kommunisten, ohne die die Arbeiter, so die feste Überzeugung von Popper, nie gegen die kapitalistische Ordnung rebelliert hätten. Dass es sich um eine soziale Revolte handeln könnte, kam in der Argumentation von Popper nie in Frage. Folglich delegitimierte die Erschießung der Demonstranten moralisch nicht den kapitalistischen Staat, sondern die Rebellen bzw. die Kommunisten als Schreibtischtäter hinter diesen.

„Er verwarf den Marxismus als zynische Ideologie, die den Tod ihrer Parteigänger einkalkuliere. Nur diese falsche Ideologie sei für die Katastrophe in der Hörigasse verantwortlich. Die schießende Polizei war in Poppers Geschichte eine ideologiefreie Kraft. Die Ideologieproduzenten waren einseitig auf der angreifenden, revolutionären Seite zu suchen. Ideologie führte in dieser Logik zwangsläufig zu Gewalt. Er gelangte zu der Auffassung, dass eine gewalttätige Staatsmacht nicht provoziert werden dürfe.“ ... >

Popper hat sich selbst als Kritiker betrachtet, was eine alte Gewohnheit in der deutschen Philosophie ist. Schon Kant war Kritiker und in den Titeln seiner Bücher findet sich immer wieder das Wort „Kritik“. An die Kritik der sozialen Verhältnisse wird damit nicht gedacht, im Gegenteil. So schreibt er in „Die Metaphysik der Sitten“:

„Wider das gesetzgebende Oberhaupt des Staates gibt es also keinen rechtmäßigen Widerstand des Volks; denn nur durch Unterwerfung unter seinen allgemein-gesetzgebenden Willen ist ein rechtlicher Zustand möglich; also kein Recht des Aufstands (seditio), noch weniger des Aufruhrs (rebellio), am allerwenigsten gegen ihn, als einzelne Person (Monarch) unter dem Vorwande des Mißbrauchs seiner Gewalt (tyrannis).“

In seinem 1793 in der „Berlinischen Monatsschrift“ veröffentlichen Aufsatz „Über den Gemeinanspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis“ erklärt er „alle Widersetzlichkeit gegen die oberste gesetzgebende Gewalt, alle Aufwiegelung, um Unzufriedenheit der Untertanen tätlich werden zu lassen, allen Aufstand, der in Rebellion ausbricht“, für „das höchste und strafbarste Verbrechen im gemeinen Wesen“.

Die deutsche Philosophie war schon von Anfang an stockkonservativ, eine Gegenaufklärung mit aufklärerischen Begriffen und Mitteln. So ist sie bis heute weitgehend geblieben. Popper reiht sich nahtlos in diese Tradition ein.dorthin Er sieht nun in all dem Widerstand gegen die freiheitliche Ordnung, als die er den Kapitalismus verstand, das Werk der Intellektuellen bzw. der Marxisten, die nur kurzsichtige und partielle Interessen verträten. Die Marxisten seien die Betrüger und Verschwörer, die den Menschen etwas Unrealistisches und damit Falsches vorgaukelten, die also absichtlich falsches Bewusstsein produzierten um Menschen zu ihren Zwecken einzusetzen und im Extremfall über Leichen zu gehen.

Poppers Vorwürfe gegen den Marxismus waren natürlich nichts Neues in der Geschichte, sondern nur eine Neuauflage der konservativen Denker bzw. Ideologen, die all jenen, die für soziale Gerechtigkeit kämpfen, intellektuellen Betrug und Verschwörungstheorien unterstellen. Nichts Anderes haben damals die Hofdenker und der Klerus den Denkern der Aufklärungs- und Emanzipationstheorie im Vorfeld der Französischen Revolution vorgeworfen. Die Aufklärer wurden falscher Motive bezichtigt und die Umsetzung ihrer Ideen laufe nur auf Terror hinaus. Diese seit der Französischen Revolution die typische Argumentation der Gegenaufklärung finden wir vor allem bei Edmund Burke, Alexis de Tocqueville und Lord Acton. Die Betrugstheorie von Popper hatte keine anderen Hintergründe, er hat nur mehr das „einfache“ Volk geschont, was sich im demokratischen Zeitalter nicht mehr vermeiden ließ. Das Volk sei im Prinzip unschuldig, hinter jedem politischen Ereignis lauerten aber verborgene Drahtzieher, Funktionäre der linken Parteien, die im Auftrag der falschen Ideologen agierten. Die Gründe dafür liegen auf der Hand. Anders als in den vormodernen Zeiten, als es keine freien Wahlen gab und es unwichtig war, was das Volk denkt, musste Popper dem Volk schmeicheln. Beim Volk will er keine kriminellen Energien und Instinkte erkennen, es handele sich vielmehr um eine verblendete, fehlgeleitete, naive Masse.

Aber mit solch durchsichtigen rhetorischen Kniffen und Spitzfindigkeiten erschöpft sich die Philosophie von Popper nicht. Es war der Kritische Rationalismus, mit dem sich Popper angeblich zu den größten Erkenntnistheoretikern des 20. Jahrhunderts erhob. Sein Kritischer Rationalismus bzw. die Methode der Falsifikation sollte angeblich so etwas wie die richtige Philosophie der Wissenschaften, eine Wissenschaft über die Wissenschaft sein. Nun schauen wir uns an, was damit gemeint wird. Weil der sogenannte Kritische Rationalismus in der Auseinandersetzung mit dem Marxismus entstanden ist, weil er ein Produkt des damaligen Kalten Krieges der Systeme war, ist es angebracht ihn in den Bezug zu dem Marxismus zu verdeutlichen und zu erklären.

Die angebliche „Wissenschaft der Wissenschaften“, die schließlich nur ein ideologischer Betrug war

Popper war gut bekannt, was in der Physik, der Königin der Wissenschaften, am Anfang des 20. Jahrhunderts geschah. Was die Physiker für ewige Wahrheiten gehalten hatten, und zahlreiche Philosophen auf ihre Weise „methodisch streng“ und „endgültig“ nachzuweisen wussten, hat sich nämlich als falsch erwiesen. So wie schon lange zuvor David Hume behauptete - den Einstein besonders schätzte -, erklärt sogar die beste Wissenschaft die Natur nicht so, wie sie „wirklich“ ist. Auch Popper sieht es nicht anders. Schließlich lehnt er alle „essentialistischen“ Auffassungen ab, die unter die Oberfläche der Tatsachen durchzudringen und die „Tiefe“ zu erklären meinten. Bis dahin würde heute jeder Wissenschaftler Popper zustimmen, ein Wissenschaftler der erfolgreichen Wissenschaften sowieso. Für die erfolgreichen oder exakten Wissenschaften gilt, dass ihre Theorien genau sagen können, was unter diesen oder jenen Umständen geschehen wird. Sie können etwa genau ausrechnen, wo sich der Jupiter am 1. Januar im Jahre 2100 am Himmel befinden wird. Übertragen auf die Geisteswissenschaften würde etwa eine exakte Soziologie vorhersagen können, wie sich der Kapitalismus entwickeln würde. Damals sprach aber tatsächlich alles dafür, dass niemand sonst eine so verblüffend gute Vorhersage getroffen hatte wie Marx. Aber damit nicht genug.

In der Zeit, als Popper seinen philosophischen Kreuzzug gegen Marx führte, wütete die Große Depression. Mises, Hayek, Röpke und die anderen Markradikalen haben mit ihren „wissenschaftlichen“ Ratschlägen die ganze westliche Welt gegen die Wand gefahren. Dies zuzugestehen wäre für Popper natürlich fatal gewesen. Wie bereits hervorgehoben, war er immer Hayeks Günstling. Was tun? Was Popper einfiel, kann man kaum glauben. Weil es ein so großer Unsinn ist, lässt es sich nicht so einfach erklären, aber versuchen wir es trotzdem.

Laut Popper sei es zumindest zweitrangig, was eine Wissenschaft oder theoretisches Wissen praktisch bewerkstelligen oder nicht bewerkstelligen kann. Ob die Vorhersage von Marx richtig und die von Mises, Hayek, Röpke, ... usw. falsch wären, würde also über die Richtigkeit der Theorien, auf denen sie beruhen, überhaupt nichts sagen. Das klingt auf den ersten Blick seltsam, einen gewissen Sinn hat diese Auffassung schon. Nehmen wir ein bekanntes Beispiel, dass bei den Erkenntnistheoretikern zu einem anderen Zweck dient, das Beispiel über das Huhn und die Bäuerin. Die Bäuerin füttert das Huhn liebevoll Tag ein Tag aus, eines Tages dreht sie ihm plötzlich den Hals um und es endet im Kochtopf. Es wäre also schon von Vorteil für das Huhn, wenn es nicht leichtsinnig glauben würde, dass etwas schon deshalb zur endgültigen Wahrheit gehöre, nur weil es sich praktisch immer wieder als richtig erwiesen hat. Aber was wäre die Alternative? Sollen wir an dem festhalten, was ständig in der Praxis scheitert, wie etwa die freie Marktwirtschaft, in der Hoffnung, am Ende wird es gut sein? Wenn jemand so etwas behauptet, muss man schon richtig stutzig werden.

Man kann also Popper Recht geben, dass es eine absolut sichere Wahrheit nicht gibt. Daraus hat der Kritische Rationalismus schon von Anfang an seine ganze Überzeugungskraft geschöpft. So weit so gut. Aber Etwas Neues war der Kritische Rationalismus aus dieser „Erkenntnis“ nie imstande zu schaffen. Er ist immer eine Banalität, dass es eine endgültige Wahrheit nicht gibt, geblieben. Es kann in der Tat immer ein Fall auftreten, wo eine gut abgesicherte Erkenntnis völlig versagt. Natürlich wäre es gut, wenn wir diesen letzten entscheidenden Fall kennen würden - sozusagen das experimentum crucis -, dann würden wir ihn testen können und hätten dann die endgültige Wahrheit. Das bieten aber die Marxisten nicht, wirft ihnen Popper triumphierend vor. Gut gebrüllt, Löwe! Ja, das haben sie in der Tat nicht im theoretischen Angebot. Aber haben es die Marktradikalen? Nein. Doch ihnen wirft Popper nichts vor. Was für eine falsche Schlange - kann man mit Recht sagen.

Hat Popper vielleicht erklärt, wie man die endgültigen Tests verfertigen soll und kann? Hat er nicht. Er hat nichts Konkretes zu seinem Kriterium der allerletzten Theorieprüfung - seiner fallibilistischen Methode - gesagt. Da ist einigen eingefallen, dass Popper eigentlich auch für seine fallibilistische Methode einen fallibilistischen Beweis dafür liefern müsste, dass sie richtig ist. Wir können uns denken was er diesbezüglich getan hat. Nämlich nichts.

Heben wir noch einmal hervor, dass Popper nicht im Namen der Geisteswissenschaften sprach, sondern für alle Wissenschaften, auch die Naturwissenschaften. Da staunt man nicht schlecht. Diese erfolgreichsten aller Wissenschaften haben von einer fallibilistischen Methode nie etwas gehört. Einer der größten Erkenntnistheoretiker des vorigen Jahrhunderts Thomas Kuhn warf Popper berechtigterweise vor, keine der erfolgreichsten Theorien hätte eine Poppersche Prüfung je bestanden. In jeder Wissenschaft bzw. jeder Theorie gibt es von Anfang an „Anomalien“, also Bereiche wo sie versagt. Würde dies den Widerruf der Theorie bzw. des Paradigmas zur Folge zu haben, dann hätte man ausnahmslos jede Theorie, die es je gab, verwerfen müssen.

Noch etwas lässt sich bei den erfolgreichen Wissenschaften feststellen. In ihrer Fortentwicklung haben sie sich nicht auf Herumbasteln und Durchwursteln verlassen, und sie wurden auch nicht immer einfacher. Die Wissenschaften wurden nicht immer mehr jedermanns Sache, nicht etwas was jedem unmittelbar einleuchtet, so wie sich zum Beispiel Hayek die ganze Wirtschaftswissenschaft vorstellte. Nebenbei bemerkt, es war auch die Meinung von Marx, im 1. Band des Kapitals, wo er vom universalen Facharbeiter träumte, dass also die Wissenschaft eine immer einfachere theoretische und praktische Form einnehmen würde. Später vertritt Marx diese Meinung über die Aufhebung der Arbeitsteilung jedoch nicht mehr. Hayek hat jedoch daran sein ganzes Leben festgehalten, um die Arbeit der Intellektuellen zu entwerten. Hier stand ihm Popper beiseite, mit seiner Stückwerktechnik, wonach man Wissen in die einfachsten Teile zerlegen soll und Satz für Satz, durch ständig neue Tests überprüfen soll. Man kann natülich nichts gegen die unendliche Prüferei nichts haben. Sie ist recht und gut, aber woher sollte das neue Wissen kommen? Hayek als Held an den Stammtischen der Unternehmer konnte immer sagen, es käme jedes Mal auf das Ausprobieren an, man tut einfach was und es wird schon was dabei herauskommen. Popper als überzeugter Rationalist konnte sich eine solche Naivität nicht leisten, aber eine Erklärung, wie dann sonst das neue Wissen entstehen soll, fiel ihm nie ein. Man hat ihm das spöttisch vorgeworfen als das „Vertrauen in die Weisheit abwesender Vernunft“.

Es ist also alles falsch in Poppers „Wissenschaft der Wissenschaften“, was sofort ins Auge sticht, wenn man an die Naturwissenschaften denkt. Die großen Durchbrüche bei diesen erfolgreichen Wissenschaften, welche eine Stagnation beendeten, waren nie einer „kritischen“ Prüfung der kleinen Wahrheiten zu verdanken, sondern es waren völlig neue, revolutionäre Entwurfe: Paradigmen. Die Kritische Theorie als eine Philosophie der Erkenntnis hat damit völlig versagt. William Warren Bartley, ein amerikanischer Philosoph hat es auf den Punkt gebracht:

„Poppers Art, Philosophie zu betreiben, verhält sich zum Ansatz der meisten zeitgenössischen Berufsphilosophen ungefähr so wie die Astronomie zur Astrologie.“

Popper stellte also keine positiven Theorien zur Diskussion. Ihm ging es offensichtlich darum, den Gegner mit allen möglichen skeptizistischen und agnostischen Argumenten von der wissenschaftlichen Bühne zu verbannen. Und heute weiß man auch, dass seiner Methode von allmählicher „Annäherung an die Wahrheit“ in kleinen Schritten des Herumbastelns und unendlichen Prüfens auch niemand gefolgt ist. Poppers Erkenntnistheorie muss als gescheitert betrachtet werden: Es war eine Sackgasse. Sie war in der Tat nichts mehr als ein ideologisches Produkt des kalten Krieges, das dazu dienen sollte Marx, den man auf dem offenen Felde nicht schlagen konnte, ein Schnippchen zu schlagen. Popper mit seinen Spitzfindigkeiten ist dem Marxismus nicht gewachsen, trotz aller Irrtümer und Fehler, von denen dieser nicht verschont geblieben ist. Diese Irrtümer und Fehler waren aber die des Zeitgeistes, deshalb hat sich Popper daran die Zähne ausgebissen. „Der Marxismus ruht im Denken des 19. Jahrhunderts wie ein Fisch im Wasser. Das heißt: überall sonst hört er auf zu atmen“ - hat Michel Foucault mit recht behauptet. Marx hat das Denken seiner Zeit, mit all seinen Unzulänglichkeiten und Schwächen zum Tanzen gebracht. Er hat die kapitalistische klassische Ökonomie gegen sie uminterpretiert. Und er hat es fantastisch geschickt getan. Nun blieb seinen Gegnern nichts Anderes übrig, als diese Theorie als noch nicht „endgültig“ nachgeprüft und deshalb gefährlich und ihre Anhänger als böse Verschwörer zu diffamieren.

Was die Gefährlichkeit des neuen, noch nicht ausreichen kritisch und fallibilistisch geprüften Wissens betrifft, kann man noch einige Merkwürdigkeiten bei Popper feststellen. Eine Auseinandersetzung mit dem rechten Totalitarismus und Nationalsozialismus ist an keiner Stelle bei Popper zu finden. Wie konnte er diese Gefahr so übersehen? Das überrascht desto mehr, als er selber Jude war. Was für eine falsche Schlange, kann man nochmals sagen.

Und war es wirklich so ungefährlich, als man sich in der Weimarer Zeit mit den neoliberalen Maßnamen von Mises, Hayek, Röpke ... klein durchwurstelte? Waren nicht diese angeblich ungefährlichen Reformen der „Stückwerktechniker“ die Ursache für die Große Depression, dann für den Faschismus und den Weltkrieg? Das waren sie. Der Faschismus und der Kommunismus waren nur der misslungenen Verusche den Kapitalismus zu heilen.dorthin Der Leuchtturm des damaligen deutschen Liberalismus und Hayeks Ziehvater Mises hieß sogar mit folgenden Worten den Faschismus willkommen: 

„Es kann nicht geleugnet werden, daß der Faszismus und alle ähnlichen Diktaturbestrebungen voll von den besten Absichten sind und daß ihr Eingreifen für den Augenblick die europäische Gesittung gerettet hat. Das Verdienst, das sich der Faszismus damit erworben hat, wird in der Geschichte ewig fortleben.“ ... >

Popper mochte mit zunehmendem Alter gern erzählen, dass bei seinem Negierungs- und Ausschlussverfahren eine Art darwinistischer Überlebenskampf zu sehen sei, aber statt Menschen stürben die Theorien im Kampf ums Dasein. Was für ein Zynismus. Um die „ungefährlichen“ Reformen nach dem Ende des Kalten Krieges durchzuziehen, haben in der Jelzin-Zeit die Chicago-Boys ohne Bedenken der Bevölkerung Hunger, Kälte und Krankheiten zugemutet. So sind nach dem Sieg des Kapitalismus in den Staaten der ehemaligen UdSSR 10-20 Millionen Menschen einfach verschwunden. Die Friedhöfe in den ex-kommunistischen Ländern explodierten - das kann jeder sehen, der es will. Und es geht nicht nur um die ganz alten Rentner, für die sich das Leben schon dem Ende näherte. Es handelt sich um Menschen, die nicht, wie vor 1992, im Schnitt 70-72 Jahre, sondern nur noch 54-56 Jahre alt werden konnten. Dabei waren viele, sehr viele junge Leute, die am Anfang ihres Lebens ihrer Existenz beraubt wurden. Die alten waren noch gut erhalten, weil sich der Kommunismus um die Gesundheit (sowie die Ausbildung) ihrer Bürger sorgte - auch wenn es immer wieder keine Bananen gab. (Referenz: der Beitrag von Nicolas Werth im Livre Noir du Communisme.... >) Zum Vergleich: In der UdSSR gab es ein solches Massensterben zuletzt unter dem Gewaltregime Stalins in der Zeit von 1930 bis 1952, als 8-9 Millionen Menschen durch staatliche Morde und Hungersnot umkamen. Mann kan hir noch hinzufügen, dass 1996 in den USA mehr als 1,6 Millionen Menschen unter teils unmenschlichen Bedingungen eingekerkert waren, was eine Verdoppelung in knapp zehn Jahren bedeutet. Damit hat die gesamtgesellschaftliche Sträflingsquote diejenige der stalinistischen Sowjetunion zur Zeit des Gulag überschritten, stellte die liberale Wirtschaftswoche verwundert fest, als sie den Rückgang der Kriminalität mit der Praxis der „Zero Tolerance“ lobte.... >

Alles spricht dafür, dass ein ähnliches Schicksal wie in der Jelzin-Zeit - man kann es durchaus als sozialer Genozid bezeichnen - die junge Generation in den alten kapitalistischen Staaten nach der neoliberalen Konterrevolution erwartet. In den südlichen Staaten der EU ist dieser neoliberale Genozid schon im vollen Gange. Das ist das neuste Ergebnis von den angeblich ungefährlichen Reformen der heutigen „Stückwerktechniker“. Schon zwei Jahrzehnten nach dem Sieg über den Kapitalismus klingt es als Hohn, was damals Popper zu Protokoll gab, dass nämlich „das, was Marx Kapitalismus genannt hat, es nie auf der Welt gegeben, auch nie etwas Ähnliches“. Zur „Dritten Welt“ ließ Popper verkünden: Das „ist hauptsächlich auf die politische Dummheiten der Führer in den verschiedenen Hunger-Staaten zurückzuführen. Wir haben diese Staaten zu schnell und zu primitiv befreit“. Und über das Ozonloch? Da hüllte sich der sonst so triumphale alte Mann in seinen probaten Skeptizismus, mit dem er sich schon immer gegen unangenehme Fragen immunisierte: „Man kennt doch diese Dinger noch nicht. Die Ozonlöcher können seit Millionen Jahren existiert haben. Möglicherweise haben die keine Beziehung zu irgendetwas Modernem“ (Spiegel, 23-3-1992).

Seines akademischen Jargons entkleidet, ist der Kritische Rationalismus eine Mischung aus der Realitätsfremdheit und der Leugnung der offensichtlichen Tatsachen, und zwar im Dienste der Rechtfertigung der kapitalistischen Ordnung: Einerseits demonstrative Gewissheit bezüglich der angeblichen Segnungen der parlamentarischen Demokratie und des freien Marktes, andererseits abgründige Skepsis gegenüber dem Wahrheitsgehalt kritischer Einwände. Dazu Adorno bei dem bekannten Positivismusstreit:

„Vergleiche zwischen der Schlechtigkeit von Gesellschaften verschiedener Epochen sind prekär; daß keine soll besser gewesen sein als die, welche Auschwitz ausbrütete, fällt mir schwer anzunehmen.“

Nun haben wir sehr ausführlich dargestellt, wie die Neoliberalen sich intellektuell gerüstet haben, um jegliche Kritik an ihrer Weltsicht möglichst schon im Keim zu ersticken. Aber ein solcher Aufwand wie eben gezeigt ist gar nicht nötig, um den nicht intellektuell veranlagten Bürger der Mittelschicht ruhig zu stellen. So lange es diesem gut geht, wird er nicht besonders kritisch werden und stellt keine besondere Gefahr dar. Und wenn der Kapitalismus mal wieder in Krise rutscht und der Bürger unruhig wird, kann man den Vorwurf der Verschwörungstheorie sogar gegen ihn verwenden. Ja, er funktioniert gerade dann besonders gut. Wir sehen uns das im nächsten Beitrag an.

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