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       Die Lüge von der leistungsgerechten Einkommensverteilung auf dem Markt
     Die Intelligenztests als untaugliche Erklärung der sozialen Ungleichheit
           Ein Gastartikel
 
 
Unsere Arbeit macht deutlich, dass viele populäre Erklärungen für die wirtschaftliche Ungleichheit zum großen Teil falsch sind. Wir können die ökonomische Ungleichheit nicht in erster Linie auf genetische Unterscheide in der Menschen Fähigkeit zum abstrakten Denken zurückführen. Zwischen Brüdern, die im selben Elternhaus aufwuchsen, besteh in der Tat fast genauso viel ökonomische Ungleichheit wie in der allgemeinen Bevölkerung.
Kinder, die gut lesen, Rechenaufgaben richtig lösen und ihre Gedanken klar ausdrücken können, haben zwar eine etwas größere Fortkommenchance als andere, aber es spielen noch viele andere, gleich wichtige Faktoren eine Rolle. So gibt es zwischen denen, die bei Standardtest gut abschneiden, fast ebensoviel [ökonomische] Ungleichheit wie in der allgemeinen Bevölkerung. Auch wenn man allen beibringt, gleich gut zu lesen, würde man die Zahl der ökonomischen „Versager“ nur unerheblich verringern.
 
  Christopher Jencks, bekannter amerikanischer Soziologe und Intelligenzforscher    

Wie wir in den letzten Beiträgen gesehen haben, ist es unmöglich, die Höhe des Einkommens einer Person ausschließlich mit deren Leistung erklären zu wollen. Das allein schon ist für die meisten Leute eine unangenehme Wahrheit. An Versuchen, die Stellung eines Menschen in der Gesellschaft zu begründen fehlt es nicht. Es scheint so, als könne der Mensch an sich es schwer ertragen, nicht zu wissen, wie die Gesellschaft funktioniert, selbst dann nicht, wenn der Einzelne selbst es nicht schlecht getroffen hat. Sich mit dem Nichtwissen nicht zufrieden zu geben ist grundsätzlich etwas Gutes. Allerdings muss man dann beachten, wann man überhaupt davon sprechen kann, etwas zu wissen. Über diese wissenschaftstheoretische Frage sprechen wir später. In den Diskussionen, was den wirtschaftlichen Erfolg eines Menschen ausmacht, taucht seit langer Zeit besonders häufig die Frage nach der Rolle der Intelligenz auf. Es lohnt sich, auf diesen Ansatz näher einzugehen.

Auf den ersten Blick erscheint es sinnvoll, das Einkommen eines Menschen mit seiner Intelligenz in Verbindung zu bringen. Wer für die einfachsten Tätigkeiten zu dumm ist, der ist nirgendwo als Arbeitskraft gefragt und kommt nie auf einen grünen Zweig. Intelligente Menschen müssen doch den weniger intelligenten gegenüber Vorteile haben, auch wenn man diese nicht exakt nachweisen kann. Die Intelligenten passen sich dem Wandel der Zeiten an und sorgen für Fortschritt, während die unproduktiven Dummen nur dem Rest der Gesellschaft zur Last fallen. Nicht erst seit Sarrazin fürchtet sich (nicht nur) der deutsche Kleinbürger gemeinsam mit der „Elite“ vor den „Asozialen“ und „Schwachsinnigen“, die sich rasend schnell vermehren und bald die Mehrheit stellen werden. Wirtschaftlicher und kultureller Niedergang sind demzufolge unausweichlich, wenn man nichts gegen die „Unterschichten“ unternimmt.

Kritiker dieser Weltanschauung beschränken sich meistens darauf, die implizite Annahme des vererbten Intelligenzniveaus zu kritisieren. Doch die wichtige Rolle der Intelligenz wird meistens nicht bestritten. Wir setzen genau hier mit unserer Kritik an. Natürlich können wir nicht einfach behaupten, Intelligenz spiele überhaupt keine Rolle. Das wäre eine Aussage, die wir unsererseits beweisen müssten. Stattdessen treten wir einen Schritt zurück und hinterfragen so selbstverständlich scheinende Wörter wie „intelligent“ oder „dumm“ grundlegend.

Der doppelte Zirkelschluss der Intelligenzforschung

Was bedeutet das eigentlich, „Intelligenz“? Es gibt unzählige Definitionen dafür, und die meisten davon sind kompliziert und abstrakt. Für unsere Zwecke können wir uns eine genaue Definition sparen und direkt dazu übergehen, wie Intelligenz überhaupt festgestellt und quantifiziert wird. Schon als nur mäßig skeptischer Mensch sollte man sich darüber wundern, dass Intelligenz so einfach und zweckmäßig messbar sein soll wie etwa die Zimmertemperatur. Genau diesen Eindruck hat man aber, wenn man sich die Intelligenzforschung näher ansieht. Doch sie wandelt da auf ziemlich dünnem Eis. Der österreichische Journalist Sebastian Leitner weist in seinem Buch über das menschliche Lernen auf eine besondere Eigenschaft von gängigen Intelligenztests hin:

„Da werden beispielsweise einfache Schlußrechnungen verlangt. Da werden Zahlenreihen vorgegeben, die nach bestimmten Regeln aufgebaut sind – der Prüfling soll sie fortsetzen. Da werden geometrische Figuren dargestellt, und darunter Bruchstücke dieser Figuren – die Testperson soll angeben, zu welcher Figur sich diese Bruchstücke zusammensetzen lassen. Wiederum handelt es sich um Dinge, die sich üben und lernen lassen, zum Teil sogar um Schulwissen, letzten Endes um den Bildungsschatz einer Wort- und Zahlenkultur wie der unseren.“ ... >

Nur wenige Zeilen später macht er die Relativität einer solchen Auffassung von Intelligenz deutlich, indem er sie mit den Anforderungen einer gänzlich anderen Umwelt vergleicht.

„Wenn dieselben Prüflinge nicht in einer Zivilisation der Worte und Begriffe, der Zahlen und geometrischen Figuren aufgewachsen wären, sondern in den Urwäldern des Amazonas oder bei den Eingeborenen Australiens, dann können sie vielleicht vortrefflich Spuren lesen oder den Bumerang handhaben: an diesem Intelligenztest müßten sie, trotz angeblich eingeborener Intelligenz, kläglich scheitern.“ ... >

Man stelle sich vor, ein Nobelpreisträger würde ohne Hilfsmittel seiner eigenen Zivilisation in einem Wüstengebiet ausgesetzt. Die Einheimischen würden ihn beobachten, wie er unfähig Wasser oder Nahrung zu finden umherirrt und Mühe hat, am Leben zu bleiben. Sie würden sich schnell fragen, mit was für einem entsetzlich dummen Menschen sie es da zu tun hätten.

Warum hat die Intelligenzforschung den versierten Umgang mit Worten, Zahlen, abstrakten Konzepten usw. zum Merkmal intelligenter Leute erklärt? Nun, diejenigen, die über solche Fähigkeiten verfügen sind zum großen Teil Absolventen einer so genannten „höheren“ Bildung. Sie haben in der Regel besser bezahlte Jobs und sind seltener von Arbeitslosigkeit betroffen. Also hat man das, was sie besonders gut können, als Intelligenz definiert und die Tests entsprechend konzipiert. Bedeutet das, die per Intelligenztest messbaren geistigen Fähigkeiten sind der Grund für die gesellschaftliche Stellung? Diese Schlussfolgerung ist nur dann zulässig, wenn man alle anderen Faktoren sicher ausschließen kann. In einem Akt großer Anmaßung hat die Intelligenzforschung genau das getan. Sie geht selbstverständlich davon aus, alles berücksichtigt zu haben. Aber damit dreht sie sich im Kreis. Sie behauptet, Intelligenz mache Menschen erfolgreich, und dass dem so ist, sehe man daran, dass erfolgreiche Menschen intelligent sind. Da es sich hier um einen Zirkelschluss handelt, könnte man aus den Ergebnissen der Intelligenzforschung auch ohne weiteres herleiten, Erfolg mache Menschen intelligent. Das wird ein gestandener Intelligenzforscher natürlich nicht auf sich sitzen lassen und uns darauf hinweisen, dass es längst weitere Erkenntnisse gäbe, die seine Sicht der Dinge stützen.

Naturwissenschaftlich vorgebildeten Lesern wird die Gauß’sche Normalverteilung ein Begriff sein. Meist wird sie ihrer Gestalt wegen einfach als „Glockenkurve“ bezeichnet. Was viele Zeitgenossen überraschen und Eltern schulpflichtiger Kinder beängstigen dürfte, ist die Tatsache, dass sie sogar in der Vergabe von Schulnoten eine Rolle spielt. Die engagierte deutsche Lehrerin Sabine Czerny musste das auf eine bittere Art und Weise erfahren. Sie hatte eine neue Art des Unterrichts ausprobiert, auf die ihre Schüler sehr positiv reagierten. Diese kamen mit dem Lernstoff sehr gut zurecht und Czerny konnte viele gute Noten vergeben. Doch anstatt für die guten Leistungen ihrer Schüler gelobt zu werden, erhielt sie Rügen. Sie wurde von ihren Vorgesetzten darauf hingewiesen, es müsse in ihrer Klasse - wie in allen anderen - schlechte Noten geben und auch nicht so viele gute auf einmal. Was hat das mit der Intelligenzforschung und der Glockenkurve zu tun? Sehr viel.

„Es ist gängige Praxis, der Bewertung der Intelligenz die Gauß’sche Normalverteilung zugrunde zu legen. Die Annahme einer Normalverteilung geht zurück auf Francis Galton (1822-1911), einen britischen Arzt und Naturforscher, der ein Cousin von Charles Darwin war. Galton ging davon aus, dass es, ähnlich wie es in einer Gesellschaft viele Leute von mittlerer Größe gibt und nur wenige sehr kleine und wenige sehr große, in einer Gesellschaft viele mittelmäßig begabte Menschen gäbe, aber nur wenige sehr begabte und wenige sehr unbegabte. Diese Annahme wurde von Galtons Schülern übernommen und als schließlich die ersten Intelligenztests konstruiert wurden, wurde ebenfalls von dieser Annahme ausgegangen, die bis heute in der Intelligenztestkonstruktion eine Rolle spielt.“ ... >

Der Intelligenzforscher wird uns also auf unseren obigen Einwand entgegnen: Weil es nur wenige sehr intelligente Leute gibt, schaffen es nur die auf die renommiertesten Universitäten und machen gute Abschlüsse. Und das sind dann die erfolgreichsten Menschen einer Gesellschaft. Aber wie ist es um die Normalverteilung der Intelligenz bestellt? Czerny zitiert dazu den deutschen Psychologen Hermann Rosemann:

„Die Normalverteilung der Intelligenz ist ein idealtypisches Modell, das der Realität aufgepfropft ist, ein unbewiesener Grundsatz der Testkonstrukteure. Tests werden so konstruiert, dass die empirischen Verteilungswerte der idealtypischen Normalverteilung entsprechen. Dies ist eine mathematische Forderung an die Testkonstruktion, die dadurch erfüllt wird, dass Aufgaben, die zu einem nichtnormalverteilten Ergebnis führen, bei der Testentwicklung ausgeklammert werden. Jeder Test, der eine andere Verteilung der Ergebnisse erbringt, gilt als schlecht konstruiert; er wird als schlechter Intelligenztest über Bord geworfen.“ ... >

Nun dürfen wir nicht zu weit gehen und behaupten, Intelligenz sei ganz sicher nicht normalverteilt. Wir können aber sicher sagen, dass eine Normalverteilung noch niemand bewiesen hat. Mit Intelligenztests geht das erst recht nicht. Wieder verfängt sich die Intelligenzforschung in einem Zirkelschluss.

Bildungskontrolle statt Intelligenztest

Die übliche Praxis der Intelligenzmessung hat noch einen dritten Defekt. Wer schon einmal einen „richtigen“ Intelligenztest bei einer Organisation oder Gesellschaft abgelegt hat, der wird bemerkt haben, wie sehr darauf geachtet wird, die Tests nicht an die Öffentlichkeit gelangen zu lassen. Außerdem darf man den Test nur ein einziges Mal machen. Da kann man nicht anders als stutzig zu werden. Der Intelligenztest sollte als „Messgerät“ für die geistigen Fähigkeiten des Probanden doch eigentlich unbestechlich sein. Was würde man dazu sagen, wenn ein Arzt den Einsatz eines Fieberthermometers ablehnte, mit der Begründung, man dürfe es nur einsetzen, wenn der Patient auch wirklich Fieber hat? Wir begegnen hier wieder dem Problem, was denn die geistige Leistungsfähigkeit eines Menschen „wirklich“ ist, wie man das definieren soll und wie man dem auf die Spur kommen könnte. Leitner bringt auf den Punkt, was Intelligenztests in dieser Hinsicht taugen:

„Dieser Test, und ebenso alle anderen dieser Art, prüft nichts, was unveränderlich, naturgegeben, von allem Anfang an im Kopf oder in der Seele des Prüflings säße. Er prüft nur, was der Prüfling bisher gelernt hat.
Die geheimnisvolle „Struktur im Gesamt der Persönlichkeit“, die der Test zu messen imstande sein will, entpuppt sich somit als das Gefüge des von der Testperson erworbenen Wissens. So kann solch ein Test vielleicht die Gegenwart messen, den augenblicklichen Stand des Lernfortschritts, die geistige Verfassung des Prüflings zum Zeitpunkt der Prüfung. Doch daraus weitere oder gar in die Zukunft reichende Schlüsse zu ziehen ist pure Anmaßung.“ ... >

Um noch einmal einen bildlichen Vergleich zu benutzen: Der Intelligenztester misst einmal die Tiefe eines Flusses und folgert daraus, dass der Fluss gestern genau so tief war und nächste Woche genau so tief sein wird. Bei aller Kritik soll das gängige Testverfahren für Intelligenz aber nicht in Bausch und Bogen abgelehnt werden. Es ist durchaus brauchbar um zu überprüfen, welche geistigen Leistungen ein Mensch zu einem definierten Zeitpunkt erbringen kann. Nur wird nicht die absolute Leistungsfähigkeit – was man als Intelligenz bezeichnen könnte - bestimmt, sondern die Ausnutzung derselben – was man als Bildungsgrad auffassen kann. Wir wissen also gar nicht, ob die Menschen überhaupt unterschiedlich intelligent sind und inwieweit Intelligenz erblich bedingt ist. Ja, wir können nicht einmal sagen, wohin die nachweisbaren Fähigkeiten das Individuum in seinem Leben bringen werden. Dafür ist die Welt viel zu kompliziert und noch dazu dauernd im Wandel.

Soll das nun heißen, der wirtschaftliche Erfolg ist nur Zufall und es lohnt nicht, sich zu bilden und neue Dinge zu lernen? Ganz sicher nicht. Kehren wir an den Anfang unserer Betrachtungen zurück und stellen noch einmal heraus, dass ein Mensch, der überhaupt nichts kann, es mit Sicherheit zu nichts bringt, jedenfalls nicht durch eigenes Bemühen. Bildung ist wichtig, sehr wichtig, aber wenn man keine Gelegenheit hat, daraus etwas zu machen, bringt auch sie nichts. Somit ist es genau so haltlos als Antwort auf soziale Probleme nichts Anderes als mehr Bildung zu fordern wie die Hetze gegen die lebenslang dummen „Unterschichten“. Warum diese und andere Dinge trotzdem immer wieder behauptet werden, sehen wir uns im nächsten thematischen Abschnitt an.

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