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     Die Lüge von der leistungsgerechten Einkommensverteilung auf dem Markt
       Der Mythos Leistung und wie wir von den „Leistungsträger“ manipuliert werden
           Ein Gastartikel
 
 
Man muss ein Los kaufen gehen, um in der Lotterie zu gewinnen. Heißt das, der Aufwand zum Lottoladen zu gehen ist die Ursache des Gewinns?
 
  Nassim Nicholas Taleb, libanesisch-amerikanischer Epistemologe, Philosoph und ehemaliger Wall-Street-Börsenhändler    

Kaum ein Thema ist in der öffentlichen Diskussion so umstritten wie die astronomisch hohen Gehälter und Boni der Führungskräfte großer Konzerne. Kritische Anmerkungen werden mit dem Verweis abgebügelt, man wolle keine Neiddebatte führen. Haben die selbsternannten „Leistungseliten“ einen besonders guten Tag, erzählen sie, das Einkommen entspräche der Leistung der jeweiligen Person. Da müsste man als wacher Beobachter sofort misstrauisch werden. Das heilige Gesetz von Angebot und Nachfrage bestimmt alles, nur bei den Löhnen ist plötzlich alles ganz anders. Früher oder später taucht dann ein „Experte“ auf, der sich auf das Konzept der Grenzproduktivität beruft. Demnach entspräche die Entlohnung eines Mitarbeiters pro produzierter Einheit genau seiner Arbeitsleistung. Der „Experte“ wird es sich nicht nehmen lassen, noch ungefragt anzumerken, dass jemand dann arbeitslos wird oder bleibt, wenn sein gefordertes Gehalt das übersteigt, was seine Leistung „objektiv“ einbringt.

Wie soll man aber die Leistung jedes einzelnen Mitarbeiters messen? Was der Akkordarbeiter an einer Maschine an einem Arbeitstag zustande bringt, lässt sich tatsächlich exakt bestimmen. Aber solche Berufe sind heute nicht mehr die Regel. Außerdem gab es schon immer Tätigkeiten, die sich der Messung nach abgezählter Stückzahl entziehen. Der deutsche Ökonom Heiner Flassbeck, der seit vielen Jahren mit einer großen Portion Ironie und Sarkasmus gegen den wirtschaftswissenschaftlichen Mainstream anschreibt, hat es folgendermaßen formuliert:

„Der moderne Betrieb ist durch ein hoch komplexes Zusammenspiel von Menschen unterschiedlichster Ausbildung und Motivation gekennzeichnet, das keinerlei individuelle Zurechnung der Gesamtleistung auf die Einzelteile zulässt.
Eine ehemaliger Kollege von mir hat dieses Phänomen auf die einprägsame Frage reduziert: Wie hoch ist die Produktivität des Getriebes im Auto? […] Oder: Wie hoch ist die Grenzproduktivität eines Menschen, der einmal in 45 Jahren Berufsleben eine geniale Idee hat, die seiner Firma zum Durchbruch verhilft, und den Rest seines Arbeitslebens im Büro verschläft? Das alles sind offenbar Fragen, auf die es keine vernünftige Antwort geben kann. Die Leistung des Teams ist am Ende entscheidend und nicht der individuelle Beitrag.“ ... >

Es ist angebracht, noch einmal besonders zu betonen, dass die Messung der individuellen Leistung von Mitarbeitern immer schwieriger wird, je höher sie in der betrieblichen Hierarchie stehen. Das gilt vor allem dann, wenn sie selbst eigentlich nichts direkt tun, sondern eine Abteilung leiten oder Prozesse überwachen.

Doch das Problem der Leistungsmessung ist vergleichsweise unwichtig, wenn man sich vergegenwärtigt, worum es in einer Volkswirtschaft geht: Angebot und Nachfrage.

„Doch wie ist es um die Ermittlung des „Grenzprodukts“ der Arbeit tatsächlich bestellt? Sowohl in den „Reallohn aus Unternehmersicht“, die Kostenseite der Arbeit also, als auch in die unternehmerischen Verdienstmöglichkeiten, die Absatzseite also, fließt der Absatzpreis ein, den der Unternehmer mit seinem Produkt erzielen kann. Folglich ist das „Grenzprodukt“ der Arbeit keineswegs eine rein technische Größe, sondern auch abhängig von der Situation auf dem Gütermarkt.
Das aber bedeutet […], dass es eine Entlohnung gemäß „Grenzprodukt“ gar nicht geben kann, weil dieses nur von technischen Faktoren abhängt. Allein die Knappheitsverhältnisse spielen letzten Endes die entscheidende Rolle.“ ... >

Wir sehen jetzt deutlich, dass auch der Preis der Arbeitskraft, also die Höhe von Löhnen und Gehältern, durch die Nachfrage bestimmt wird. Die persönliche Leistung, sofern überhaupt messbar, kann nur insoweit eine Rolle spielen, als der einzelne Mensch als kompetente Arbeitskraft begehrter ist als andere und deswegen auf bessere Gehaltsangebote hoffen kann. Natürlich ist dieses Prinzip in Reinform nur selten in der Realität zu finden. Wie sollte das auch gehen, wo sich doch Kompetenz meistens auch nicht objektiv nachweisen lässt? Aber selbst wenn man das berücksichtigt, wird man sich nur schwer vorstellen können, wie jemand ernsthaft behauptet, er habe die Nachfrage nach seinem Produkt bzw. seiner Arbeitskraft unabhängig vom Zustand der Wirtschaft selbst erzeugt. Bedenken wir: Unter Nachfrage im volkswirtschaftlichen Sinne versteht man Bedarf, der auch mit entsprechender Kaufkraft ausgestattet ist. Und mit absoluter Sicherheit wird niemand einen Nachfragerückgang bereitwillig auf die eigene Kappe nehmen, sondern schnell und energisch auf die „ungünstigen Rahmenbedingungen“ verweisen.

Das Prinzip der nachfragebestimmten Entlohnung greift jedoch immer weniger, je mehr jemand in einem Betrieb zu entscheiden hat. Wenn die Führungskräfte sich das Geld, das nach Abzug aller Aufwendungen (inklusive der Gehälter der normalen Angestellten) übrig bleibt, in die eigene Tasche stecken wollen, ist das ihre freie Entscheidung. Es kann eine betriebswirtschaftliche Dummheit sein, viel Geld aus dem Unternehmen zu ziehen. Und wenn sowohl die Arbeitskräfte als auch die Vorleistungslieferanten fair bezahlt würden, wären nicht einmal moralische Einwände zu erheben. Nichtsdestoweniger ist es eine infame Lüge, die Höhe der Boni und sonstigen Zulagen mit der Leistung der jeweiligen Person zu begründen.

Was lässt sich daraus für die Höhe der (alb)traumhaften Managergehälter und Boni folgern? Diese sind ganz sicher nicht das Ergebnis der unglaublichen Knappheit fähiger Manager. Nein, die Manager und Vorstandsmitglieder bestimmen ihre Gehälter selbst und nehmen sich so viel sie nur können, auf Kosten ihrer Mitarbeiter und der Allgemeinheit. Wer sollte sie auch davon abhalten? Sie werden seit langer Zeit sogar eifrig durch den Staat unterstützt, der Globalisierung, Deregulierung aller möglichen Märkte, „Flexibilisierung“ des Arbeitsmarktes und Steuersenkungen für Unternehmen und Reiche immer weiter vorangetrieben hat.

An dieser Stelle ist die Frage nahe liegend, ob die „Leistungseliten“ selbst daran glauben, was sie den Normalbürger glauben machen wollen. Da wir nicht in die Köpfe der Menschen hineinsehen können, werden wir das niemals zweifelsfrei herausfinden. Aber der Verdacht ist durchaus berechtigt. Es ist ja auch viel angenehmer, sich nicht vor sich selbst und anderen als Ausbeuter und Verbrecher rechtfertigen zu müssen, sondern stattdessen davon überzeugt zu sein, man habe sich alles „hart erarbeitet“. Ein Hinweis auf eine solche Geisteshaltung ist die unter Reichen weit verbreitete Freizeitbeschäftigung der Steuerhinterziehung. Die Reichen sehen nicht ein, warum sie von ihrem „sauer verdienten“ Geld etwas abgeben sollten. Der Staat würde ja damit nichts anderes tun, als „faulen“ Arbeitslosen ein schönes Leben zu finanzieren und eine „aufgeblasene“ und eine „viel zu komplizierte“ Bürokratie am Laufen zu halten. Da sie von öffentlichen Leistungen aufgrund ihres Reichtums weitgehend unabhängig sind, machen Reiche nicht einmal den Versuch zu verstehen, wozu der Staat Steuergelder sinnvollerweise brauchen könnte.

Aber die Ideologie, jeder sei „seines eigenen Glückes Schmied“ und jeder könne alles schaffen, was er nur wollte, ist nicht nur für Reiche interessant. Welcher abgehängte kleine Angestellte würde nicht allzu gern wahrhaben wollen, er könnte eines Tages auch zu den Oberen Zehntausend zählen, wenn er es nur richtig anstellte? Von diesem Wunschdenken lebt eine ganze Branche von Motivationstrainern, Buchautoren und seit neuestem auch sog. Coaches. Neueste Mode im Fernsehen sind Coaching-Formate, die dem unglücklichen Versager dabei helfen, aus eigener Kraft alle seine Probleme zu überwinden (die er natürlich samt und sonders allein sich selbst zuzuschreiben hat) und glücklich zu werden. Eine der interessantesten Analysen dieses Phänomens stammt von Nassim Nicholas Taleb, von dem wir schon das Motto haben. Ihm zufolge ist individueller Erfolg schlecht erklärbar, weil die Welt zu komplex ist. Jedoch verfällt der Mensch nur zu leicht darauf, die Welt für weniger kompliziert und für ihn leichter durchschaubar zu halten, als sie wirklich ist. Menschen finden Zusammenhänge, wo es ihnen am besten gefällt, leiten Begründungen her, nachdem etwas passiert ist und bilden sich dann ein, sie wüssten etwas.

„Lassen Sie mich es klarstellen: Natürlich begünstigt der Zufall die Vorbereiteten! Harte Arbeit, Pünktlichkeit, ein sauberes (vorzugsweise weißes) Hemd tragen, Deodorant benutzen und andere übliche Dinge tragen zum Erfolg bei – sie sind ganz sicher notwendig, aber sie können durchaus alle nichts fruchten, da sie nicht die Ursache des Erfolgs sind. ...
Bedenken Sie, wie unser Gehirn manchmal die Kausalkette umdreht. Nehmen wir an, persönliche Qualitäten seien die Ursache des Erfolgs; von dieser Annahme ausgehend bedeutet die Tatsache, dass jeder intelligente, hart arbeitende, beharrliche Mensch erfolgreich ist nicht, dass jeder erfolgreiche Mensch intelligent, hart arbeitend und beharrlich ist, auch wenn es intuitiv den Anschein hat, dem sei so.“ ... >

Er führt beispielhaft eines der Bücher an, deren Autor meint herausgefunden zu haben, was Millionäre zu Millionären macht.

„In einem Musterbeispiel für naiven Empirismus suchte der Autor nach Eigenschaften, die diese Millionäre gemeinsam hatten und fand heraus, dass sie alle die Neigung teilten, Risiken einzugehen. Natürlich ist das Eingehen von Risiken notwendig für großen Erfolg – aber es ist auch notwendig für Misserfolg. Wenn der Autor die gleiche Untersuchung an Menschen durchgeführt hätte, die pleite gegangen waren, wäre ihm die Neigung zum Eingehen von Risiken sicher auch hier begegnet.“ ... >

Dazu passt die bekannte, aber oft ignorierte Tatsache, dass die meisten Unternehmen nach ihrer Gründung schnell wieder am Ende sind, und das bevor sie überhaupt anfangen schwarze Zahlen zu schreiben. Lässt man diese Fakten einen Moment lang auf sich wirken, erscheint der Unternehmer in einem ganz anderen Licht. Er ist dann nicht mehr unermüdlicher „Macher“ und mutiger „Anpacker“, sondern eher ein naiver Spielertyp, der allen Ernstes zu glauben scheint, er habe das System geknackt. Man muss gar nicht allzu viel Wert auf finanzielle Sicherheit legen, um jemanden, der das Wagnis Selbständigkeit eingeht, für nicht ganz richtig im Kopf, wenn nicht sogar wahnsinnig zu halten. Auch das heutzutage vielgelobte „unternehmerische Denken“ entpuppt sich als wenig mehr als eine Sammlung von Banalitäten, gegossen in schmissige Phrasen, garniert mit ein paar Rechenkunststückchen, die man dem Buchhalter abgeschaut hat.

In besonderem Maße betrifft der zufällige bzw. nicht erklärbare Erfolg diejenigen, die ihr Geld mit Geldgeschäften verdienen. Wer die höchsten Risiken eingeht und bombastische Gewinne macht, gilt als „talentiert“ und wird der Star an der Börse. Geht er schließlich Pleite, ist garantiert schon wieder jemand anders da, der seinen Platz einnimmt und statt seiner gefeiert wird. Ein wenig metaphorisch könnte man sagen: Niemandem fällt auf, dass bei einer sehr großen Anzahl von Würfelspielern fast zwangsläufig jemand dabei sein muss, der aus purem Zufall eine Sechs nach der anderen würfelt. Und wie wir wissen, ist die Zahl der Würfelspieler an den Börsen in jüngerer Vergangenheit immer größer geworden. Da diese Banken und Börsen eine besondere Rolle gespielt haben, gehen wir in einem gesonderten Beitrag auf sie ein.

Über eines haben wir aber noch nicht gesprochen. Was ist mit den Familien, die über Generationen hinweg reich bleiben oder sogar immer reicher werden? Die werden sich natürlich gern der Illusion hingeben, sie hätten alles nur deswegen, weil sie so viel geleistet hätten. Für dynastische Unternehmerfamilien rechtfertigt ihr andauernder Reichtum sich praktisch selbst. Wie dem auch sei, sie werden niemals auch nur den geringsten Zweifel daran hegen, dass ihr zusammengerafftes Eigentum unbedingt an die nächste Generation weitergegeben werden muss. Fragt man danach, warum alles in der Familie zu bleiben hat und worin die Leistung eines Erben bestünde, werden sie mit Sicherheit darauf verweisen, ihr Reichtum bedeute ja nicht Luxus und Müßiggang, sondern brächte jede Menge Verantwortung mit sich. Und ihren Kindern würden sie ihren Besitz ja nicht einfach so hinterherwerfen. Deswegen kommen die ja auch auf Privatschulen und (ebenfalls private) „Elite“-Universitäten, wo sie die „beste“ Ausbildung durchlaufen, um den Reichtum der Familie auch in Zukunft erhalten zu können. Wir wollen großzügig sein und den klischeehaften Unternehmersohn beiseite lassen, der einfach so lange zur Schule geht, bis er den gewünschten Abschluss hat. Was könnte man auf den Schulen und Universitäten der Reichen lernen? Wie wir eben gesehen haben, gibt es keine Fähigkeiten zu erwerben, die garantiert zum geschäftlichen Erfolg führen. Darauf kommt es aber auch gar nicht an, wenn man nicht erst reich werden muss, sondern bereits reich ist. Dem Reichen stehen viele Möglichkeiten zur Verfügung, seinen Reichtum zu behalten. (Außerdem kann er sich dann auch einen besseren Steuerberater leisten.) Schaut man sich an, was die Kinder aus reichem Haus studieren, so findet man sie fast ausschließlich in Studiengängen, die aus Betriebswirtschaft, Recht und Rhetorik zusammengebastelt sind. Spöttisch lässt sich der Inhalt der Ausbildung des reichen Nachwuchses in den Worten zusammenfassen: zum eigenen Vorteil rechnen, das Recht beugen und dann die Leute so schwindelig reden, dass niemand mehr weiß worum es geht.

Am Ende unserer Untersuchung ist die Leistungsgerechtigkeit als dreiste Lüge enttarnt, die die Sehnsüchte und Wunschvorstellungen des „kleinen Mannes“ geschickt ausnutzt, um die horrenden Einkommen der „Leistungsträger“ rechtfertigen. Schon der geringste Zweifel daran, dass alles, was ein Mensch verdient auch seiner persönlichen Leistung zuzuschreiben ist, wäre fatal. Man würde dann nämlich schnell auf den Gedanken kommen, die staatliche Umverteilung durch Steuern nähme nicht den Leuten ihr „sauer verdientes“ Geld weg, sondern würde vielmehr dafür sorgen, was die Marktwirtschaft allein nicht hinbekommt: eine sinnvolle Verteilung des Volkseinkommens! Diese Erkenntnis widerspricht natürlich den Interessen der „Eliten“. So nimmt es wenig Wunder, wie viel finanzieller Aufwand und „Experten“arbeit darauf verwendet wird, die Lüge von der Leistungsgerechtigkeit aufrecht zu erhalten.

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