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  Oskar Lafontaine: Der Mann mit dem Spiegel
  Warum alle es lieben, ihn mit Begeisterung zu hassen?
 
 
Der Oskar Lafontaine des Jahres 2007 operiert und argumentiert ganz weitgehend so wie der Oskar Lafontaine des Jahres 1997. Eben das ist das Problem der Sozialdemokraten heute: Mit jedem ihrer Vorwürfe - die Linke agiere populistisch, sei demagogisch, verfolge illusionäre Ziele - denunziert sie sich gewissermaßen selbst, zumindest die eigene, noch nahe Vergangenheit, ihre ureigenen politischen Losungen, dank derer sie 1998 den Sprung ins Kabinett schaffte.
 
  Deutscher Politikwissenschaftler, durch seine Arbeiten zur Parteienforschung bekannt,  Franz Walter        

Viel Feind, viel Ehr’ - sagt das bekannte Sprichwort. Sollte es stimmen, dann kann sich kaum jemand in unserem Land so großer Ehre rühmen und brüsten, wie Oskar Lafontaine. Nach jedem seiner Schritte ertönt ein heller Aufschrei und es bricht blankes Entsetzen aus. Mit einem Wort: Feinde wie Sand am Meer. Und nicht irgendwelche Feinde, nein. Nicht etwa die lauen, nachdenklichen - die sich genieren und mäßigen würden. Nein, er hat richtige Feinde, knallharte Burschen, die vor nichts, aber auch gar nichts zurückschrecken. Solche, denen nichts heilig ist, denen es nichts ausmacht, jemandem etwas zu unterstellen, unterzujubeln oder eins auszuwischen. Solche, die blitzschnell unter die Gürtellinie schlagen, ohne dass sie lange überlegen müssten. Gibt es etwas, das man gegen Lafontaine noch nicht ausprobiert hat? Gibt es Schmuddelecken, in die man ihn noch nicht stecken wollte? Schwer vorstellbar.

Dieser Mensch Lafontaine, so die Einstimmungsmelodie seiner leidenschaftlichen Feinde, sei ein Populist ersten Grades: Ein Rattenfänger. Man hat ihn erwischt - und zwar mehr als nur einmal -, dass er sich der Sprache der Rechtsradikalen bedient hat. Es hat sich zwar im Nachhinein herausgestellt, dass alles, was er sagte, auch im Duden oder Brockhaus als unverdächtig gilt. (Außerdem findet man dasselbe immer wieder auch bei den „politisch Korrekten“.) Aber was hat dies schon zu sagen? Es ist doch nicht entscheidend, was man sagt, sondern was man verschweigt, wenn man über etwas spricht - also worauf man hinaus will, wenn man etwas sagt. Deshalb müsste man sich dringend mit ihm sachlich auseinandersetzen, um ihm seine Maske herunterzureißen - hört man immer wieder. Solange es nicht zu spät ist! Weil dieser Mensch - daran kann keiner mehr zweifeln - etwas Böses im Schilde führe. Na endlich, würde man sagen. Es ist aber schon lange her, dass die „politisch Korrekten“ zu inhaltlichen Auseinandersetzung blasen, irgendwie will niemand wirklich eine solche führen. Seltsam.

Vor allem die Konservativen - allen voran die aus der CSU - sehen sich verpflichtet, auf Lafontaines rechtsradikale Neigungen aufmerksam zu machen. Ja, Gott sei Dank, wird der anständige Bürger mit Erleichterung sagen. Was wäre aus unserer Republik geworden, gäbe es unsere Konservativen nicht. Sie sind bekanntlich bodenständig und haben einen scharfen Sinn für die Realität. Und solche Leute können einen Populisten immer schnell durchschauen. Vor allem die rote Farbe kann ihrem wachen Auge nie entkommen. Auch dort, wo sie nur ein bisschen hervorschimmert. Und zwar nicht nur in ihrem Grundton, sondern in all ihren Schattierungen und Abstufungen. So haben unsere Konservativen z.B. herausgefunden, dass rot immer spontan und automatisch in braun übergeht, ja, dass braun eigentlich von rot abstammt. Da haben wir es: Der rote Lafontaine ist aus dem gleichen Holz geschnitzt wie die Rechtsradikalen. Es iat doch so einleuchtend? Wie hießen noch einmal die deutschen Faschisten? Nationalsozialisten. Na bitte! Sagt dies nicht alles? Na ja, die damaligen braunen Sozialisten haben die roten Sozialisten rücksichtslos verfolgt, gefoltert und gemordet. Aber was sagt das schon? Und übrigens: Wer weiß schon, ob das wirklich so war.

So hat unser konservativer Historiker Ernst Nolte - na Gott sei Dank, muss man wieder sagen - mit seinen wissenschaftlichen Forschungen endgültig mit dem Irrtum aufgeräumt, dass es einen autochthonen und generischen Faschismus in Deutschland wirklich gab. Es handelte sich angeblich immer um eine verstecke Nachahmung des Bolschewismus. Nolte hat sich zu diesem wahren Wesen des Faschismus auch einen passenden Namen ausgesucht: kausaler Nexus. (Schon diese Bezeichnung klingt irgendwie ehrfurchtgebietend - seriös und wissenschaftlich - ist doch wahr.) Seitdem können die Ehrlichsten, Fleißigsten und Leistungsfähigsten unter uns, also die Konservativen und Liberalen, ruhig schlafen. Sie müssen nie mehr ihr Gewissen mit der Ungewissheit plagen, dass möglicherweise doch etwas falsch war, was ihre Väter und Verwandten angerichtet haben. Im Land der Dichter und Denker würde man von alleine auf so etwas nie kommen. Ach was! Alles was damals geschah, war heimtückisch durch eine unsichtbare telepathische Wirkung der russischen Bolschewiki geplant, vorbereitet und gesteuert. Na bitte! Wenn dem nicht so wäre, hätte auch der Papst doch nicht die, von den bösen (linken) Zungen als Holocaustleugner diffamierten Priester rehabilitiert. Und wer kann es besser beurteilen als ein deutscher Papst - war er doch selber in der Hitlerjugend. Wer kann also noch daran zweifeln, dass unsere konservativen Historiker ein Geschenk des Himmels für unser Land sind. Ihnen ist es zu verdanken, dass wir die Geschichte ins rechte Licht rücken können und das Wesentliche von ihr begriffen haben: Unser Land, unsere Kultur und unsere Wirtschaft waren schon immer nur von einem einzigen Feind bedroht, nämlich von den bösen Roten. Und Lafontaine ist einer von ihnen.

Hans-Ulrich Jörgen, Mitglied der Chefredaktion der Illustrierten STERN und einer der wichtigsten medialen Verkünder der neoliberalen Heilsbotschaft, hat sich eine originelle Waffe ausgedacht, wie sich dieser gefährliche Mensch endlich entzaubern ließe. „Es wäre fruchtbar“ - schreibt er mahnend - „über seine Psychologie nachzudenken. Wie kommt ein Mann dazu, der zeitlebens ein intellektueller, kulturinteressierter war, zuweilen sogar einer mit reformerischen Impulsen ... sich fortwährend zu radikalisieren, scheinbar bedenkenlos, bis ins Irrationale hinein? Warum wird aus einem traditionellen Machtpolitiker so etwas wie ein ideologischer Taliban?“ Und er selbst gibt die Antwort: Der Mensch Lafontaine ist psychisch krank - unheilbar krank. In der Sprache der klinischen Psychiatrie: Er ist „im Innersten doch eher feinsinnig, weich und verletzlich“ und hat den „Liebesentzug nie verkraftet“. Das habe ihm den ganzen Verstand ruiniert. Nachdem nun Hans-Ulrich Jörgen die richtige Diagnose erstellte, zaubert er auch flugs die richtige Therapie aus dem Hut: „Seine politischen Konkurrenten sollten auf ihn zugehen - sein politischer Kurs ist ein einziger Schrei nach Respekt.“

Ein richtiger Journalist wie Hans-Ulrich Jörges weiß in der Tat, wie man den Nerv des Lesers trifft. Was er schreibt, scheint immer so überzeugend zu sein. Auch das mit dem „Schrei nach Respekt“ scheint so plausibel und schlüssig zu sein. Nicht wahr? Wenn jemand, der schon in Rente war, ins öffentliche Leben zurückkehrt, kann dies doch nur an seiner Eitelkeit und Geltungssucht liegen. Wenn man sich aber mehr über Lafontaines Lebenslauf erkundigt, kann man sich nicht von drückenden Zweifeln befreien. Er hätte nämlich damals - als Finanzminister - nichts anderes tun müssen, als es einfach seinem Chef Schröder zu überlassen, dass er ihn an der Leine führt. Alle Experten, Professoren, Wirtschaftsweisen, Statistiker, Wirtschaftseliten, Finanzexperten und Börsengurus, oder wie auch immer sie noch heißen, hätten ihn zum größten Finanzminister aller Zeiten erklärt. Dies hätte weit reichende Folgen für die Sozialdemokraten gehabt. Damit hätten sie auf einen Schlag beweisen können, dass auch sie lernfähig und etwas von der Wirtschaft zu begreifen fähig sind. Man hätte dann sagen können: Bei den Roten dauert es halt länger, aber heilbar sind sie schon. Das wäre was! Nicht wahr? Aber Lafontaine hat diese einmalige Chance der Genossen leichtsinnig zunichte gemacht. Er hat über Nacht alles hingeschmissen. Man hat zwar in der „reformierten“ SPD ohne die geringste Mühe einen anderen Genossen für den Posten des Finanzministers gefunden - Hans Eichel, der auf die Leine so unheimlich stolz war - aber trotzdem! Die Milch wurde verschüttet. Und da will jemand mit gesundem Menschenverstand von den Sozialdemokraten erwarten, dass sie Lafontaine eine solche Erniedrigung je verzeihen? Ja, ihre Verbitterung ist in der Tat nicht schwierig zu begreifen. Aber zu der Hypothese vom „einzigen Schrei nach mehr Respekt“ passt dies irgendwie nicht. Wenn nämlich jemand eine solche Chance verspielt, berühmt und bewundert zu werden, hmmmm ...

Auch andere haben sich große Mühe gegeben, in die Seele des Menschen Lafontaine einzudringen und sich dort umzuschauen. Und was haben sie dort vorgefunden? Erschreckende Abgründe der menschlichen Seele! Über seinem Tun liege der „Fluch der Spaltung der Arbeiterbewegung, die in der deutschen und europäischen Geschichte nur Unheil angerichtet hat“, so die Berichterstattung des SPD-Präsidiumsmitglieds Ludwig Stiegler in SPIEGEL on-line. Und er vergleicht Lafontaine mit dem „gefallenen Engel Luzifer“. Die neue Generation der Genossen, die mit Religion nicht viel am Hut hat, beschränkt sich eher auf profane Vergleiche. Der Sprecher des neuen asozialen Flügels der SPD (des sogenannten Seeheimer Kreises), Johannes Kahrs, sagte in SPIEGEL on-line: Der Ex-SPD-Chef habe kein politisches Problem mit seiner früheren Partei, sondern ein psychologisches. „Der hasst die SPD mehr als CDU und FDP zusammen.“ Was für ein Glück, dass Schröder die SPD von Grund auf erneuert hat und solche scharfsinnigen Denker wie Johannes Kahrs für sich gewinnen konnte. Jetzt wissen wir, dass der Eindruck, alle würden Lafontaine hassen, falsch war. Es ist gerade umgekehrt.

Aber die Kette der Enthüllungen reißt damit nicht ab. Dieser Mensch sei nicht nur psychisch krank, so die vielen scharfen Beobachter und Analytiker: Er sei ein ausgewiesener Heuchler. Und zwar einer, der so raffiniert sei, dass es ihm gelang, dies Jahrzehnte lang zu verbergen. Sonst hätte man ihn wohl nicht so lange in der SPD geduldet und ihm alle möglichen Posten anvertraut. Ist doch selbstverständlich - nicht wahr? Aber irgendwann hat man ihn seiner Heuchelei doch überführt. Er wurde mit der schwersten Sünde erwischt, die man sich bei einem Sozialisten überhaupt vorstellen konnte: Er gibt sich an der italienischen Riviera, öffentlich und unbekümmert, dem Genuss von Rotwein hin. In der Tat ein moralischer Skandal ohne gleichen. Einem ehrlichen Sozialdemokraten fällt es schwer, so etwas überhaupt zu glauben, aber die Tatsachen sprechen eine klare und unerbittliche Sprache. Außerdem ist dieser Mensch auch ein Wiederholungstäter. So wie er sich psychisch nicht heilen lässt, kann man ihm offensichtlich auch keine anständige Moral beibringen.

Die Katze ist also aus dem Sack Herr Lafontaine. Sie sind ist ein Salon-Kommunist - ein hedonistischer West-Linker. Dass wir dies wirklich richtig begreifen, verdanken wir auch dem Herrn Ackermann. Dieser edle und vornehme Mensch - der Chef der Deutschen Bank -, der sich solch unermessliche und von niemand bestreitbaren Verdienste für unser Vaterland erworben hat, scheut bekanntlich keine Mühe und Zeit, wenn es darum geht, der reinen Wahrheit und den guten Sitten dienlich zu sein. Er schaute sich (auf einem Foto) das Haus von Lafontaine an und ließ uns wissen: „Der lebt wesentlich prunkvoller als ich.“

Nein, nein - lieber Leser. Komm bitte bei dieser Aussage nicht auf falsche Gedanken! So einfach, wie es sich vielleicht anhört, ist es nicht. Man muss der Sache auf den Grund gehen. Es ist völlig falsch zu fragen: Wie kann einer, der etwa zehntausend Euro pro Monat verdient, prunkvoller leben als einer, der mehr als eine Million verdient - also mehr als hundert mal so viel? Solch eine populistische und politisch unkorrekte Frage würde uns nur vom Wesentlichen ablenken. Was zählt, sind nicht die „gefühlten“, sondern die „wesentlichen“ Tatsachen. Konkret gesagt, die von Herrn Ackermann und nicht nur von ihm. Hinter ihm steht die ganze Wirtschafts- und Machtelite des Landes und das zählt. Wenn Lafontaine seine unverschämt prunkvolle Lebensweise leugnet, ist dies nur ein weiterer Beleg dafür, wie gerissen dieser Mensch ist - mit wie vielen Wassern er gewaschen ist.

Schon das, was wir gerade über Lafontaine gesagt haben, bringt verständlicher Weise einen gewissenhaften und braven Bürger auf die Palme. Obwohl dies nur die berühmte Spitze des Eisberges ist. Wen soll es dann noch wundern, dass sich jeder überzeugte Demokrat und mutige Liberale unseres Landes nur schwerlich des Wunsches erwehren kann, diesen Menschen in Ketten legen zu lassen und dem Spuk ein für alle Mal ein Ende zu setzen. Wo kämen wir hin, wenn wir die Demokratie und Freiheit nicht mit allen Mitteln gegen solch erklärte und gefährliche Feinde verteidigen würden? Zumindest sollte man nicht aufhören, ihn vom Landesamt für Verfassungsschutz beobachten zu lassen. Keine ganz befriedigende Lösung, aber immerhin etwas.

Ich muss gestehen, dass es mich Zeit und Mühe gekostet hat, bis ich endlich begriffen habe, woher es kommt, dass Lafontaine aus tiefstem Herzen gehasst und verachtet wird. Auf die richtige Spur haben mich diejenigen gebracht, die diesen Menschen am besten kennen müssten: seine ehemaligen Mitarbeiter und Mitstreiter. Sie haben in der Tat handfeste Gründe Lafontaine mit Begeisterung zu hassen.

Er ist nicht wie sie. Er ist sich selber treu geblieben. Seine Ideale sind immer dieselben geblieben. Er wurde nie zu einem Opportunisten, der um die eigenen Überzeugungen feilscht und dem es nichts ausmacht, sich auf faule und erniedrigende Kompromisse einzulassen. Er hat nie die Seite gewechselt, um dem eigenen Ego zu schmeicheln oder den anderen zu beweisen: „Jetzt mache ich einen grandiosen Auftritt und zeige allen, wie flexibel und anpassungsfähig ich bin, um Karriere zu machen.“ Er hat dies nicht getan, obwohl er nicht weniger Gelegenheiten zu einer solchen Kehrtwende hatte als etwa Schröder, Clement, Eichel, Riester und die vielen anderen neuen Asozialen in der SPD - seine ehemaligen Mitstreiter. Diese haben bereits alles verraten, was sie früher vertreten und woran sie (möglicherweise) auch geglaubt haben. Lafontaine jedoch nicht. Und diesen Verrat am Verrat können sie ihm nicht verzeihen. Er ist ihr Spiegel, in dem sie sich selber so wieder erkennen, wie sie einstmals waren. Das kann ihr Gewissen nicht ertragen. Deshalb hassen sie ihn.

Damit aber nicht genug. Die reformierten Sozialdemokraten entwickeln sich immer mehr zu nützlichen Idioten des ehemaligen Klassenfeindes, die nach getaner Arbeit einfach abgeschoben werden. Ihr Verrat hat sich nicht ausgezahlt. Sie sind die Verlierer. Deshalb ziehen sich immer mehr dieser ach so eifrigen und tapferen „Reformer“ aus der Politik klammheimlich zurück. Sie tun also gerade das, was sie Lafontaine bei jeder Gelegenheit vorwerfen. Er wäre ein Feigling, der seinen Ministerposten Hals über Kopf verlassen hat, weil es ihm angeblich nicht gelungen sei, sich auf die „neue Zeit“ umzustellen. Man hat ihn schon als modernen Dinosaurier belächelt, der ins Museum des prähistorischen Altertums gehört, neben das Spinnrad und die bronzene Axt. Und siehe da, der Wind hat sich gedreht. Lafontaine ist zurückgekehrt und kann wie Caesar verkünden: Veni, vidi, vici! (Ich kam, ich sah, ich siegte!) Die „modernen“ Genossen verstehen nun die Welt nicht mehr. Was man als „modern“ bejubelte, hat sich zusehends abgenützt - sich als ein kurzlebiger modischer Trend erwiesen. Noch schlimmer. Was die Sozialdemokraten als einen außerordentlichen Kraftakt vorexerzierten, ist nichts als ein schäbiger und plumper Opportunismus, Karrierismus, Pragmatismus, Aktionismus, ideologischer Seitenwechsel und einiges mehr, was weder mit Kompetenz noch mit Werten nichts, aber auch gar nichts zu tun hat. Die traditionellen Werte wie Gleichheit, Solidarität, Menschenwürde, Frieden, Wohlstand für alle ...  sind auf einmal wieder modern. Also die Werte, die einmal die Sozialdemokraten besetzt hatten und von denen sie sich fluchtartig verabschiedet haben.

Und das alles können die alten Sozialdemokraten nicht einfach verdrängen. Auch deshalb nicht, weil sie Lafontaine daran erinnert. Er braucht ihnen nur ihren eigenen Spiegel vorzuhalten. Dort sehen sie, was sie einmal waren, es aber nicht mehr sind. In ihren besten Jahren und Jahrzehnten waren auch sie richtige Haudegen, die etliche Parteischlachten geschlagen haben. Heute aber schlagen sie nichts mehr. Heute sitzen sie nur noch stumm da, hinter ihren Mineralwassergläsern - Bier hat vielen von ihnen der Arzt mittlerweile verboten. Sie sehen müde, erschöpft und ausgezehrt aus. Nicht nur, dass sie sich nicht ans Rednerpult drängen, sie verspüren nicht einmal mehr die Lust, Fragen zu stellen. Man kann sich nicht des Eindrucks erwehren, die Sozialdemokraten hätten irgendwann vor zwei, drei Jahrzehnten aufgegeben, über all das, was in der Welt passiert, überhaupt nachzudenken. Deshalb war es für sie die allerletzte Rettung, bei den Wahlen zu siegen und die Regierung zu bilden. Ein Sieg kann ein gutes Alibi bieten, nicht nachdenken zu müssen. Sieg ist Sieg. Wenn man gesiegt hat, dann muss man wohl bestimmt etwas Richtiges dafür getan haben. Und dies reicht. Befreit von dieser lästigen Pflicht, nachdenken zu müssen, klatschten nun die Sozialdemokraten Schröder und Clement fleißig und diszipliniert Beifall, auch wenn sie eigentlich selber nicht wussten, warum.

Wenn man heute den Blick auf die „postmodernen“ Sozialdemokraten wirft, weckt das starke Erinnerungen an den letzten Akt des Untergangs des sowjetischen Imperiums. Auch dort bekam ein junger ambitiöser Reformer, Gorbatschow große Lust auf Erneuerung. Auch hinter ihm - in Reih und Glied - klatschte pflichtbewusst und stumm die graue alte Garde. Wir wissen, was der „frische Wind der Reformen“ gebracht hat. Gorbatschow hat den Staat rundherum, Schröder immerhin den Sozialstaat zugrunde gerichtet. Beide waren extreme Pragmatiker und Opportunisten. Beide waren unvorstellbar stolz darauf, dass sie „das Richtige und Nötige“ tun, weil ihnen jemand eingetrichtert hatte, dass dies das Richtige und Nötige sei. Und die systemtreuen Medien haben ihre inhaltlich leeren Botschaften mit Schlagwörtern nach PR-Art der Öffentlichkeit in die Köpfe eingehämmert. Ein eigenes Denkvermögen konnte man bei diesen Menschen vergeblich suchen. Keiner hat jemals wenigstens einen einzigen intelligenten Diskurs hingekriegt. Sie waren nicht einmal im Stande sich für ihre „Agenda“ sinnvolle Bezeichnungen auszudenken. So wie es die Meteorologen tun, haben auch sie nach Namen der Vorsitzenden ihrer Kommissionen gegriffen (Hartz) oder sogar nackte Zahlen (2010) genommen.Wie erbärmlich! Gorbatschow und Schröder als große Staatsphilosophen und Werteverkünder - das wirkt wie eine Parodie. Es ist eine seltsame Ironie des Schicksals, dass beide „mutigen Reformer“ im eigenen Land restlos jeden Respekt eingebüßt haben; das Ausland ist zur letzten Zuflucht ihrer geschlagenen Selbstachtung geworden. In Russland weiß schon längst keiner mehr - weder jung noch alt -, wer Gorbatschow ist, und will es auch nicht wissen; im Ausland zollt man ihm noch eine gewisse Achtung. Zu seinem letzten Geleit wird kaum ein Russe auftauchen. Und Schröder? Dass ihm die Bevölkerung den Rücken kehrte, kann wirklich niemanden wundern. Er hat sich allein um die Reichen und die Wirtschaft gekümmert und dabei so viel für sie getan wie kein deutscher Kanzler vor ihm. Die haben ihn aber fallen lassen, so dass ihm der russische Staatmonopolist Gazprom als letzte Chance übrig blieb, sich über seinen Absturz in die gesellschaftliche Bedeutungslosigkeit hinwegzutrösten. Wer sich mit dem Teufel einlässt, ... 

Und die jungen Sozialdemokraten? Die mit der „modernen“ Besinnung? Ihnen kann Lafontaine nicht den Spiegel vorhalten. Wie denn? Sie haben sich der Partei angeschlossen, als der Verrat schon vollzogen war. Aber gerade sie sind die Richtigen, die wirklich echte Gründe haben, ihn zu hassen. Die alte Garde kann ihren politischen Sieg mit Schröder & Co. in gute Pensionen ummünzen, was können aber die jungen Sozialdemokraten? Siegen werden sie lange Zeit nicht mehr. Und daran sei nur Lafontaine schuld - so ihre feste Überzeugung. Sie irren sich aber. Sie sind aus völlig anderen Gründen ein hoffnungsloser Fall - ein Abfallprodukt des Zeitgeistes.

Sie haben ein wirtschaftliches und soziales Programm, dessen Botschaft sich ganz und gar mit den Leitartikeln dieser Republik deckt. Als solche abgeklärte Karrieristen würden sie bestens zur FDP passen. Diese Partei ist jedoch zu klein, alle Lakaien der Reichen unterzubringen. Desto einfacher war es für sie, in der Schröderschen SPD voranzukommen. Sie konnten den verstopften Karriereweg der Partei mit Hilfe des Kanzlers umgehen und ohne die ochsentourige Qual im schnellen Tempo nach vorn gelangen. Aber gerade das wurde zu ihrer zukünftigen Schwäche. Keiner von ihnen ist befähigt auf politischen Veranstaltungen an das Rednerpult zu springen, um mit zitternder oder sich überschlagender Stimme eine Richtung zu weisen, diese überzeugend zu verteidigen und auch andere für sie zu begeistern. Einer, der durch die Hintertür - als braver Kofferträger - an die Spitze der Partei emporsteigt, kennt sich damit nicht aus. Und was ein Mensch nicht kann, versucht er bekanntlich als falsch, unerwünscht oder gar gefährlich abzutun. Deshalb fühlen sich diese kaltschnäuzigen und streberhaften Jungs als Avantgarde, die mit der rückwärtsgewandten und denkunfähigen „Masse“ - mit den Parteimitgliedern, sowie mit den Wählern - am liebsten nichts zu tun haben wollen. Desto mehr schätzen sie „intellektuelle“ Auftritte, also politische und wirtschaftliche Shows in den Medien, in denen sie immer wieder die Ansicht von den angeblichen ökonomischen Notwendigkeiten verkünden und die Alternativlosigkeit ihrer Auffassungen beteuern. Die privaten Medien sind nur allzu gerne bereit, ihnen diese Chance zu bieten. Was diese jungen Opportunisten und Karrieristen dabei hinkriegen, ist aber nichts mehr als nur eine merkwürdige Mischung aus selbstgerechter Arroganz und ätzendem Zynismus. Und solche Hochnäsigkeit zündet nicht - nicht mehr. Die „einfachen“ Bürger sammeln sich lieber in den Hinterhöfen und Lagerhallen bei dem „immer gestrigen“ Lafontaine. Er hat Erfolg mit dem, was die „modernen“ Sozialdemokraten für altmodisch, überholt und, ja, für einen schlichten Unsinn halten. Wie kann man dann so einen Menschen nicht mit Begeisterung hassen?

 
 
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