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  Die ewige Wiederkehr von Gut und Böse
  Was waren der Faschismus und der Kommunismus wirklich?
 
 
Wir sollen uns nichts vormachen. Geschichte hat nichts mit Ahnengedenken oder kollektiver Überlieferung zu tun. Sie ist das, was Menschen von Priestern, Lehrern, den Autoren von Geschichtsbüchern und den Kompilatoren von Zeitschriftaufsätzen und Fernsehprogrammen gelernt haben.
 
  Der große Historiker des 20. Jahrhunderts  Eric Hobsbawm        

Es ist bekannt - die Ethnologen und Historiker haben es schon längst erforscht -, dass der primitive Mensch die geistige Welt für ebenso real hält, wie die materiellen Gegenstände um ihn herum. Er spürt, dass gute und böse Geister überall am Werk sind. Wozu braucht er eigentlich so viele Geister? Die Frage ist deshalb einfach zu beantworten, weil sie nicht nur den primitiven Menschen betrifft, sondern den Menschen aus jeder Zeit - auch der heutigen.

Alles, was man tut, hängt vom Zufall ab. Darüber war sich schon der primitive Mensch völlig im Klaren. Die guten Geister waren also für ihn im Grunde nichts anderes als die Hoffnung auf das Glück. Sie waren also für den primitiven Menschen eine Art und Weise, seinen Glauben an den eigenen Erfolg zum Ausdruck zu bringen. Dagegen lässt sich bestimmt nichts einwenden. Will man Erfolg haben, muss man an Erfolg glauben. Dies ist eigentlich eine der wichtigsten Botschaften, die uns heute verschiedene postmoderne und neoliberale Ideologen und Motivationstrainer auf den Weg geben. Sie sprechen jedoch nicht von den guten Geistern (dies wäre unmodern), auch nicht vom Glück (dies wäre nicht seriös genug), sondern vom „positiven Denken“. Ist dieser Ausdruck besser? Schwer zu sagen. Eines ist aber sicher: „Positives Denken“, im üblichen Sinne des Wortes, ist Bullshit. Denken kann man bekanntlich nur richtig oder falsch.

Aber wozu können die bösen Geister nützlich sein? Eigentlich sind sie von noch größerer praktischer Bedeutung für den Menschen als die guten. Erwähnen wir nur zwei der wichtigsten Möglichkeiten ihrer weit verbreiteten Anwendung.

Wenn es böse Geister gibt, benötigt man Spezialisten, Gelehrte und Experten, um sie aufzuspüren und unschädlich zu machen. So schaffen die bösen Geister eine Nachfrage nach Berufen, deren gesellschaftlicher Nutzen zwar tief im Verborgenen liegt, aber desto sichtbarer sind das Einkommen, der gehobene soziale Status und das gesellschaftliche Ansehen, die sich mit solchen Berufen erzielen lassen. Das war schon in der prähistorischen Zeit so, bei den so genannten Medizinmännern, Geisterbeschwörern und Schamanen, heute ist dies nicht anders, sie haben nur einen zeitgemäßen Namen: Sozial- und Wirtschaftsexperten. Wie erschreckend wenig diese „Experten“ mit der realen Welt und der Wissenschaft im echten Sinne des Wortes zu tun haben, werden unsere Untersuchungen im thematischen Bereich Denkfehler und Theorieversagen ergeben. Unsere modernen Sozial- und Wirtschaftswissenschaften stecken also noch tief in einem mythischen Stadium diesseits von Gut und Böse, nur die Naturwissenschaften haben sich weiterentwickelt und ihre Medizinmänner, Geisterbeschwörer und Schamanen vertrieben.

Wenn es böse Geister gibt, kann man ihnen alles, was dem eigenen Interesse zuwider läuft, in die Schuhe schieben. Folglich lässt sich jede egoistische Handlung als eine vernünftige, gerechte, ethische Pflicht oder Notwendigkeit der Bekämpfung der bösen Geister interpretieren. Eine bessere Methode, um eigene Ansprüche zu rechtfertigen und sich zugleich vom schlechten Gewissen zu befreien, gibt es bis heute nicht. Man spricht aber schon längst nicht mehr von „bösen Geistern“. Wenn man konservativ ist, redet man von „dem Bösen“, wenn man sich der Ratio verpflichtet fühlt, von „dem Unvernünftigen“, und wenn man postmodern sein will, wirft man mit Begriffen wie „Populismus“ um sich. Auch hier hat der moderne Mensch nur den Namen geändert. Mit einigen Beispielen zeigen wir jetzt, wie die „bösen Geister“ - so oder so benannt - immer noch unser Leben bestimmen. Fangen wir mit dem Ersten Weltkrieg an. Was führte wirklich zu ihm?

In nur einem halben Jahrhundert, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, hat sich Deutschland industrialisiert. Aber wie? Indem es sich dem Weltmarkt geöffnet hat? Im Gegenteil. Das erste deutsche ökonomische Wunder war das Ergebnis der (1) volkswirtschaftlichen Abschottung bzw. des Protektionismus nach außen und (2) der forcierten Konkurrenz im Inneren. Nebenbei soll an dieser Stelle bemerkt werden, dass dieses Wirtschaftswunder in einer Welt stattgefunden hat, die durch das British Empire schon erheblich globalisiert worden war. (Schon im Kommunistischen Manifest, im Jahre 1848, beschreibt Marx die Globalisierung als ein selbstverständliches Phänomen des Kapitalismus - allerdings ohne sie so zu benennen.) Das Empire konnte trotz seiner rohstoffreichen Kolonien und lukrativen Auslandsmärkte nur hilflos zuschauen, wie ein antiglobalisiertes Deutschland aus dem Nichts an ihm vorbeizieht. Auf die ökonomischen Einzelheiten dieses Phänomens kommen wir später. Wie ging es weiter?

Nun ist Deutschland am Anfang des 20. Jahrhunderts im Kapitalismus angekommen und wurde folglich von keiner seiner Krankheiten verschont: Krisen, Depressionen und Massenarbeitslosigkeit. Was tun? Auch die primitiven Gesellschaften hatten ihre Probleme. Ihr Lösungsansatz war immer das Muster Gut gegen Böse. An der Vorgehensweise des Medizinmannes lässt sich dies schnell verdeutlichen. Ein Medizinmann geht bekanntlich nicht davon aus, dass die Krankheit etwas mit dem Organismus des Patienten zu tun hat. Der Organismus selbst ist für ihn immer in Ordnung. Die Krankheit ist immer etwas, was von außen kommt und angreift, und zwar, um einen Schaden anzurichten. Auch für den modernen Wirtschaftsexperten können Krisen, Depressionen und Arbeitslosigkeit nicht im Geringsten etwas mit der Funktionsweise des Kapitalismus selbst zu tun haben. Die Diagnose dieses modernen Medizinmannes lautet: Die Gewerkschaften und die Arbeiter, diese bösen Besitzstandswahrer und Egoisten, weigern sich, ihre unterbezahlte Arbeit mit den Arbeitslosen zu teilen. Die wahre Satansbrut sind natürlich die Kommunisten, die sogar die verrückte, unmoralische und realitätsfremde Forderung stellen würden, die Solidarität auf Kosten des Vermögens der Reichen und der von ihnen mühsam erwirtschafteten Profite zu realisieren. Der große Liberale Ludwig von Mises hat sich für diese böse Krankheit, die im Kapitalismus immer wieder ausbricht und sich epidemisch verbreitet, den Namen ausgedacht: Fourier-Komplex. Nebenbei bemerkt, Mises war der Lehrer von Hayek, dem der heutige Neoliberalismus wie keinem anderen verpflichtet ist. Wie schützt man sich nun vor dem Bösen?

Bevor wir diese Frage angehen, muss noch ausdrücklich darauf aufmerksam gemacht werden, dass das Böse, weil es eben das Gegenteil vom Guten ist, nicht die geringste moralische Achtung oder Schonung verdient. Folglich sind alle Mittel erlaubt, es zu bekämpfen und zu vernichten - ohne Ausnahme. Man kann also die von krankhaften Ansprüchen infizierte Bevölkerung, die angeblich das ökonomische Wachstum verhindert und sich selbst in die Arbeitslosigkeit treibt, mit ruhigem Gewissen abschlachten. Der Krieg ist eine Möglichkeit dafür, welche die Herrschenden schon immer zu schätzen wussten. Die Arbeitslosigkeit in ihrer Konsequenz bedeutet nämlich nichts anderes als das uralte Problem der Überbevölkerung. Warum sollte man also auch sie nicht durch Krieg beseitigen? Es hat in der Vergangenheit doch meistens gut funktioniert. So hat man in den vorigen Jahrhunderten, um die Bevölkerung zu reduzieren, immer wieder Kreuzzüge gegen das Böse in Gestalt des Islam geführt. (Wer hätte gedacht, dass sich die Geschichte doch in gewisser Weise wiederholt.)

Das mit dem Ersten Weltkrieg wäre für die Reichen und Mächtigen wahrscheinlich auch gut ausgegangen, hätte der russische Zar nicht vieles vermasselt. Er dachte, die überflüssige Bevölkerung anders abzuschlachten: nämlich direkt. Erinnern wir uns etwa an das brutale Vorgehen der Polizei und des Militärs gegen die von einem Geistlichen, dem Popen Georgi Gapon geführte Massendeputation Petersburger Arbeiter, die am 22. Januar 1905 dem Zaren eine Bittschrift mit durchaus gemäßigten sozialen und politischen Forderungen übergeben wollte. Alleine an diesem „Blutsonntag" wurden unter den Teilnehmern des Marsches über l000 Todesopfer gezählt. Auch davor gab es schon größere Streiks und soziale Unruhen, die ebenfalls mit Waffengewalt unterdrückt worden sind, wie etwa im Juli 1903 in Kiew, Odessa, Tiflis und Baku. Das alles waren Versuche, lediglich bessere soziale Bedingungen zu erkämpfen, nicht aber eine radikale Gesellschaftsumwälzung herbeizuführen. Wegen ihrem tragischen Ende hat sich bei den Russen immer mehr die Überzeugung verfestigt, dass sich das System nicht umgestalten lässt. Die Oktoberrevolution konnte siegen.

    Das war also der Kommunismus: Eine falsche Medizin, den Kapitalismus von seinen Krankheiten zu befreien, eine Medizin, deren Nebenwirkungen sich als verheerend erwiesen haben. Der Kommunismus selbst hat sich jedoch für eine neue gesellschaftliche Ordnung ausgegeben, die sogar wissenschaftlich begründet sein sollte. Heute wissen wir, dass er weder das eine, und schon gar nicht das andere war. Darauf kommen wir noch in einem anderen Themenbereich zu sprechen. Deshalb ist nicht der Kommunismus derjenige, der sich vor der Geschichte rechtfertigen muss, sondern es ist der Kapitalismus.

Nach dem Ersten Weltkrieg gab es zuerst viel Arbeit, um alles, was vernichtet worden war, wieder aufzubauen. Gerade weil es dem Kapitalismus so fantastisch gelingt, die Produktivkräfte immer weiter zu entwickeln, konnte er diese Aufgabe schnell erledigen und in den normalen Zustand übergehen: Seine Krisen, Depressionen und die Massenarbeitslosigkeit sind zurückgekehrt. Und alles wiederholte sich. Die Medizinmänner haben wieder die gleiche Diagnose gestellt und die Politiker haben die von ihnen vorgeschriebene Medizin der Bevölkerung eingetrichtert. Es folgte eine „schmerzhafte und richtige Reform“ nach der anderen und es waren die genau gleichen Reformen , die man heute tagein, tagaus propagiert.... > Wie heute, hat sich auch damals die Krankheit nur verschlimmert.

Weil sich die Medizinmänner nicht vorstellen konnten, dass die Krankheit mit den Mängeln und Fehlern des Organismus des Patienten Marktwirtschaft zu tun hat, und die bösen bzw. die „raffgierigen“ Arbeiter sich zu ihrem eigenen Glück nicht zwingen ließen, haben sich die Macht- und Wirtschaftseliten der Weimarer Zeit für die brutalen Mittel entschieden - wie der russische Zar damals. So haben sie am 30. Januar 1933 die Macht Hitler übergeben. Er sollte mit seinen SS- Schlägertruppen die Arbeiterschaft zur Vernunft bringen. „Wir haben ihn uns engagiert“, erklärte protzend der Zentrumspolitiker Franz von Papen, der am 1. Juni 1932 ein Kabinett von parteipolitisch ungebundenen Adligen installiert und nichts auf die Reihe gebracht hatte. Und weiter: „In zwei Monaten haben wir Hitler in die Ecke gedrückt, dass er quietscht.“ Diesen Deal haben die Nationalsozialisten zum Mythos der „Machtergreifung“ hochstilisiert. Sie wollten wohl ihre Macht nicht als geschenkt begreifen, sondern als eine Heldentat. Warum man trotzdem immer noch von der „Machtergreifung“ spricht, obwohl manche harmlosen nationalsozialistischen Begriffe zum Tabu erklärt worden sind und auf der Indexliste der verpönten Begriffe stehen, ist nicht schwer zu erraten. Würde man von Machtübertragung, Aushändigung oder Schenkung der Macht sprechen, was richtig wäre, würde dies schon von sich aus auf die Mitverantwortung und Mittäterschaft der damaligen Macht- und Wirtschaftseliten hindeuten. Und das würde den heutigen Nachfolgern der Weimarer Eliten nicht gefallen. So wird unseren Kindern in der Schule immer weiter der Mythos bzw. die Lüge von der „Machtergreifung“ erzählt, also die alte Geschichte, wie das Böse, verkörpert in der Person eines Menschen namens Hitler, die ganze Menschheit in den Abgrund gestürzt hat. Die Ehre der damaligen dunklen Gestalten im Hintergrund, die die Fäden gezogen hatten, also die damaligen Macht- und Wirtschaftseliten, musste um jeden Preis gerettet werden. Wie war es noch einmal: Die Geschichte ist „das, was Menschen von Priestern, Lehrern, den Autoren von Geschichtsbüchern und den Kompilatoren von Zeitschriftenaufsätzen und Fernsehprogrammen gelernt haben.“ Die wahre Geschichte ist - wieder einmal - eine andere:

Wir fassen zusammen: Der Faschismus war eine Medizin, den Kapitalismus von seinen Krankheiten zu befreien, eine Medizin, deren Nebenwirkungen - wie beim Kommunismus - sich als verheerend erwiesen haben. Der Faschismus selbst behauptete - wie der Kommunismus auch -, er wäre eine völlig neue gesellschaftliche Ordnung. Das war er nicht einmal im entferntesten Sinne. Die Geschichte des Faschismus ist nicht autochthon, sondern nur ein tragisches Kapitel der Geschichte des Kapitalismus. Deshalb gehört der Faschismus - genauso wie der Kommunismus - zum Dossier der misslungenen Verusche den Kapitalismus zu heilen. Ein kurzer Dialog zwischen Kanzler Papen und Hitler, einige Monate vor der Machtübertragung, macht es deutlich:
„Sie sind nur da“ - sprach Papen Hitler an - „weil die Not da ist.“
„Wenn das Glück da wäre, dann brauche ich nicht da zu sein, und dann wäre ich nicht da“ - erwiderte ihm Hitler. ... >

Die Weimarer Zeit lässt noch eine weitere wichtige Schlussfolgerung zu: Die Demokratie allein, wohlgemerkt die Demokratie, wie wir sie kennen, kann nicht verhindern, dass die Macht- und Wirtschaftseliten den Staat beherrschen und die Marktwirtschaft in einen Raubtierkapitalismus verwandeln. Die Demokratie, wie wir sie kennen, hat gegen den Kapitalismus keine Chance. Die letzten drei Jahrzehnte haben dies wieder einmal eindeutig bewiesen. Nicht anders als in der Weimarer Republik ist es dem Kapital fast spielerisch einfach gelungen, die Politik zu seinem eigenen Nutzen zu manipulieren. Nur die „nützlichen Idioten“ heißen heute anders: Sozialdemokraten. Soll man sich darüber wundern? Nein. Sie haben schon damals die antisozialen „Reformen“ unterstützt. Es ist vielleicht interessant zu erfahren, was diese charakterlosen und verräterischen Genossen, nachdem Weimar endgültig gescheitert war, zur Verteidigung ihrer Koalitions- und Tolerierungspolitik sagten. Der Parteivorsitzende der SPD, Otto Wels, verteidigte sich mit den Worten: „Wir waren getrieben durch den Zwang der Verhältnisse ... Wir waren wirklich nur Objekt der Entwicklung ... Uns war die Politik des kleineren Übels aufgezwungen.“ Seitdem verspottete man die SPD als die „Partei des kleineren Übels“. War sie aber damals die Partei des kleineren Übels nicht etwa deshalb, weil sie nicht die Gelegenheit bekam, ein größeres Übel anzurichten? Nur deshalb also, weil sie nicht genug politische Macht dazu hatte? So sieht es aus. Viele Jahre später, bei der rot-grünen Koalition 1998-2005 hat die SPD diese Macht gehabt und wurde in der Tat zur Partei des größeren Übels.

Nebenbei sei bemerkt, dass die SPD auch eine der Parteien war, die am 4. August 1914 im Reichstag geschlossen für die Kriegskredite zur Landesverteidigung stimmte. Sie hat sich schon damals, wie es so schön heißt, nach ihrer „staatsbürgerlichen Verantwortung fragen lassen“ und folglich „politisch korrekt“ gehandelt. Seitdem konnten wir ahnen, dass sich die Sozialdemokratie in Zukunft immer opportunistisch verhalten wird, wenn sie Macht wittert. Es wäre also an der Zeit, Genossen, Farbe zu bekennen. Streicht aus eurem Parteiprogramm den Ausdruck „Demokratischer Sozialismus“. Müntefering hat eure ganze Überzeugung in den knappen Satz gegossen: „Die Opposition ist Mist“. Schreibt diesen Satz ins Parteiprogramm rein! Alles andere kann weggelassen werden - es ist in der Tat nur „Mist“.

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